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Auf den Spuren der Lügenpresse

Unter dem schönen Titel „Lügenpresse – Medienkritik als politischer Breitensport“ findet bis Anfang kommenden Jahres eine Ringvorlesung statt, die von Prof. Irene Neverla und ihrem Kollegen im Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg, Prof. Volker Lilienthal, organisiert wird. Der Spectator sprach mit der Wissenschaftlerin über dieses höchst aktuelle Thema.

mitrija, Fotolia

„Lügenpresse ist ein schillernder polemischer Begriff, der ideologisch oft die Seiten wechselte“, erklärt Irene Neverla, „er kam im 19. Jahrhundert auf und wurde zuerst von kirchlich-konservativen Kräften gegen die liberale und demokratische Presse benutzt“. In der Weimarer Republik dann agitierten Sozialisten und Kommunisten gegen „die bürgerliche Lügenpresse“.

Die Nazis bekämpften u.a. die Lügenpresse, „womit sie linke Zeitungen meinte und später während des zweiten Wellkrieges die Presse der West-Allierten“. In unserer Bundesrepublik war der Begriff zunächst „eher ausgewiesenen Nazi-Gruppen“ vorbehalten, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin. Bis dieser Slogan schließlich ab Herbst 2014 seinen Eingang in den öffentlichen Diskurs suchte und fand - via Pegida, AfD & Co.

Da es einen „vergleichbaren, zugespitzten Terminus offenbar in anderen Ländern nicht gibt“, so Prof. Irene Neverla, ist der Begriff noch kein Gegenstand eines breiten Forschungsfeldes. Sie hält die „rechtspopulistischen und rechtsradikalen Entwicklungen“ national und international allerdings für hoch brisant, Wobei sie unumwunden sagt: „Mich hat der Diskurs um die Lügenpresse dennoch kalt getroffen“.

Kritik an den Medien und an der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten sei immer angebracht, denn jede Profession brauche die Kritik Außenstehender und könne sich dadurch weiterentwickeln. Allerdings findet Irene Neverla: „In diesem Begriff steckt derart viel Verschwörungsdenken und Irrationalität, dass man erst tief baggern muss, um diese Medienkritik zu verstehen.“ Freilich sieht sie auch strukturelle Gründe, die im medialen und digitalisierten Setting liegen. Es komme einerseits zu einer deutlichen „Überforderung durch überflutende komplexe Ereignisse und Informationen“. Andrerseits könne sich jeder heute seine eigene Social-Media-Welt schaffen und sich in seiner „kommunikativen Parallelwelt bewegen“.  

In der  Ringvorlesung kommen sowohl Medienpraktiker wie Wissenschaftler zu Wort. Das Programm dieser spannenden und tiefschürfenden journalistischen Tour D’Horizon ist hier detailliert einzusehen. Hochkarätige Journalisten wie etwa Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung), Giovanni die Lorenzo (Die Zeit) oder Klaus Brinkbäumer (Der Spiegel) werden zu hören sein.

Irene Neverla eröffnet die Ringvorlesung am 17. Oktober mit dem Vortrag „Lügenpresse – eine Provokation. Was die neue Medienkritik uns sagt und wie sie produktiv zu wenden ist“. Sie selbst kann zwar „gut verstehen, dass den vielen solide arbeitenden journalistischen Profis die Kampfansage, sie gehörten zur Lügenpresse, echt weh tut.“ Freilich gibt sie zu bedenken, dass sie einige Reaktion als doch recht wehleidig empfand „von einer Profession, die es als ihre Aufgabe sieht, andere Personen und Institutionen kritisch ranzunehmen“.

Insofern könne der Lügenpresse-Diskurs zu einem Prozess der Selbstreflektion in Redaktionen und Medienunternehmen führen. Last not least hat die Wissenschaftlerin noch eine Breitseite in andere Richtung parat: Internetriesen wie Google oder Facebook haben die öffentliche Diskursmacht unfreundlich übernommen. „Deren Algorithmen ‚lügen’, indem sie Daten so auswerten und verarbeiten, dass die Realität entsprechend ihren eigenen kommerziellen Interessen abgebildet wird“. Der Spectator meint: Das wäre ein nicht minder spannendes Thema für eine nächste Ringvorlesung.

Lügenpresse, Medienkritik, Irene Neverla, Prof. Volker Lilienthal