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Blockchain rüttelt Hamburgs Wirtschaft auf

Alle sprechen von Blockchain. Aber was ist das eigentlich nochmal genau? Und warum spielt das auch in Hamburg schon eine große Rolle? Wir klären euch auf und haben auch mit dem Blockchain-Experten Frank Bolten darüber gesprochen.

Seit 2008 taucht die Crypto-Währung Bitcoin verstärkt in der öffentlichen Wahrnehmung auf. Zunächst wegen rasanter Kurssprünge. Dann wegen der Möglichkeit, im Dark Web damit zu bezahlen. Doch bis vor knapp zwei Jahren interessierte sich kaum jemand für die dahinterliegende Technologie – die Blockchain.

Vereinfacht dargestellt ermöglicht die Blockchain die (bislang) sichere Verschlüsselung unterschiedlicher Daten: Filme, Musik, Dokumente, Register und im Falle von Bitcoin eben auch finanzielle Transaktionen. Jede Änderung an diesen Daten kann lückenlos und hintereinander aufgelistet werden. In einer Kette von Datenblöcken, die wiederum auf einer Vielzahl von Rechnern als Kopie vorliegen. Diese Dezentralität macht Manipulationen an den Daten nahezu unmöglich. Rückschlüsse auf Sender und Empfänger sind aber je nach Ausgestaltung der Blockchain möglich.

Auftrieb bekamen die Blockchain-Diskussionen durch „Ethereum“, einer Bitcoin-Weiterentwicklung der Technologie seit 2014. Während der Fokus bei Bitcoin eindeutig auf Finanztransaktionen liegt, gibt Ethereum die Möglichkeit, eine Vielzahl unserer alltäglichen Vorgänge und Gegenstände zu digitalisieren. So kann in Entwicklungsländern erstmals ein fälschungssicheres und verlässliches Kataster angelegt werden. Oder eine Drohne dringend benötigte Medikamente direkt in unser Schlafzimmer liefern.

Die Anwendungsmöglichkeiten gehen aber noch viel weiter: Das multinationale Startup „Decent“ will auf Basis von Ethereum die Vergütungsmodelle für Kreative nach dem Scheitern der Mikropayment-Plattform „flattr“ auf ein neues Level heben. Autoren und Künstler können ihre Erzeugnisse in der Blockchain speichern und ohne Verlage, Plattenfirmen oder sonstige Distributoren direkt den Preis für ihr Werk festlegen. Die englische Sängerin Imogen Heap veröffentlichte bereits im Herbst 2015 neue Songs auf einer Blockchain – mit unterschiedlichen Preisen für das Anhören des Songs, die Verwendung als Klingelton oder für einen Werbespot.  

Auch in Hamburg ist die neue Technologie ein Thema: Auf der Startup-Ebene ist Upchain derzeit noch Einzelkämpfer. Basierend auf Ethereum stellen die Gründer ihren Kunden Blockchain-Prototypen und –Infrastruktur zur Verfügung. Das Softwareunternehmen „Ponton“ ist schon einen Schritt weiter und führte im November den ersten europäischen Energiehandel auf Blockchain-Basis durch. Die Firma aus Winterhude hatte hierfür mit Enerchain eine eigene Blockchain-Lösung programmiert.

Und welche Einsatzmöglichkeiten bieten Blockchain-Anwendungen für traditionelle Hamburger Branchen? „Die Blockchain kann erheblichen Einfluss auf die Rollen von Agenturen und Verlage haben“, erklärt Frank Bolten, der auf seiner Website eine dreistellige Zahl von Beispielen für Blockchain-Anwendungen gesammelt hat und von Hamburg aus z.B. Systemhäuser und öffentliche Institutionen zum Thema berät.

Bolten weiter: „Einerseits wird die Relevanz der Intermediäre reduziert, was Herausforderungen für die Medien-Branche in sich birgt. Andererseits bietet die Blockchain faszinierende Möglichkeiten hinsichtlich neuer Vergütungssysteme und der Durchsetzung von Urheberrechten. ‚Ujo’ und ‚Blockai’ ermöglichen beispielsweise den Eintrag von Artikeln auf der Blockchain, um Urheberrechte zu dokumentieren und neue Geschäftsmodelle zu gewährleisten.“

Und wie sieht es in anderen Branchen aus? Bolten: „Crypto-Währungen sind grundsätzlich eine interessante Option für die Gaming-Hersteller. Die Bereiche Hafen und Logistik können gleich mehrfach profitieren, wenn es etwa um Tracking/Tracing, Payment, Sachverständigen-Fragen, Provenienz und Echtheits-Zertifikate geht. Das gilt auch für Handel und eCommerce. Die Blockchain zeigt beispielsweise neue Lösungen im Payment-Bereich und für Marktplätze auf.“

Politik und Regulatoren halten sich beim Thema Blockchain derzeit noch zurück. Dennoch gibt es erste Annäherungsversuche an die neue Technologie. Das „INNOFORUM BLOCKCHAIN“, welches von „Consider IT“ aus Hamburg betreut wird, wird voraussichtlich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Ab Frühjahr 2017 soll kleinen und mittleren Unternehmen die Gelegenheit zur Identifikation blockchain-basierter Produkte und Geschäftsmodelle gegeben sowie eine erste Marktstudie erstellt werden. Zudem betreut die Firma aus Altona in einem Projekt mit Airbus die beschleunigte und vereinfachte Zertifizierung von Ersatzteilen mittels Blockchain.

Auch 2017 wird die Szene weiter in Bewegung kommen – nicht zuletzt durch die auf dem Saarbrücker IT-Gipfel beschlossenen Digital Hub Initiative. Hamburg bildet zusammen mit Dortmund einen Cluster im Bereich Logistik. Die Blockchain könnte hier entscheidende digitale Impulse für Mittelstand, Großunternehmen, Startups, Investoren und Forschung in der Hansestadt liefern.

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