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Christoph Kröger: Zwischen Radio und Twitch

Werden Streamingdienste das Radio ablösen oder kommt es zu einer friedlichen Koexistenz? In jeden Fall erlebt auch die Musikbranche Disruption. Darüber haben wir mit Christoph Kröger, Moderator bei Radio Hamburg und Twitcher, gesprochen.

Foto: Radio Hamburg

Nicht nur das Fernsehen hat von On-Demand-Angeboten Konkurrenz bekommen; auch das Radio sieht sich mit digitalen Mitbewerbern konfrontiert. Neben Spotify, Deezer und Co. nimmt aber auch die Bedeutung von sozialen Netzwerken stetig zu – dort präsentieren sich nicht nur die Künstler, sondern auch musikalische Angebote. Was auf dem zunehmend diversifizierten Feld der Musikindustrie passiert und gerade en vogue ist, weiß Christoph Kröger. Er moderiert bei Radio Hamburg, ist zudem Twitcher und studiert Kulturwissenschaften. Mit ihm haben wir über Radio, Streaming und die Rocket Beans gesprochen.

Christoph, du moderierst für Radio Hamburg die Chartshow „2x20", die auf Basis von Verkaufs-, iTunes-, Spotify- und Shazam-Charts erstellt wird. Aber es gibt ja noch viele andere Musikanbieter. Wie aussagekräftig können Musikcharts denn heute noch sein, wenn das Angebot so diversifiziert ist?

Die offiziellen Verkaufscharts haben wir mittlerweile aus mehreren Gründen gestrichen, einer davon ist, dass eigentlich keiner mehr so richtig versteht, wie sie sich zusammensetzen.
Ja, es gibt mittlerweile viele Musikanbieter, das stimmt, viele Möglichkeiten Musik zu konsumieren und zu kaufen, aber die Charts ähneln sich trotzdem bei allen. Deshalb denke ich schon, dass Musikcharts weiterhin aussagekräftig sind. Vor allem, wenn man mehrere Anbieter und Charts kombiniert, so wie in den Verkaufscharts, oder in den „2x20". Mainstream bleibt Mainstream, egal bei welchem Musikanbieter. Ich denke nicht, dass die breite Masse bei Spotify einen komplett anderen Geschmack hat, als die bei Apple Music, oder Deezer oder sonst wo. Wir beschränken uns in den 2x20 auf die Marktführer in den Bereichen Download, Streaming und Tagging und bleiben damit simpel und nachvollziehbar. Jeder könnte das Ganze zuhause nachrechnen. Es gibt keine komplizierten Formeln, oder irgendeine Art von Gewichtung, wie bei den offiziellen Verkaufscharts, trotzdem kommen wir am Ende auf ein ähnliches Ergebnis.

Welche Rolle spielt Social Media mittlerweile generell in der Distribution von Musik?

Soziale Medien bestimmen unseren Alltag, zumindest einen großen Teil davon und das in sämtlichen Bereichen, also auch bei der Musik. Künstler und Labels erreichen viel einfacher als früher große Massen an Menschen. Nur mal so, um sich das vorstellen zu können, Justin Bieber zum Beispiel könnte über seine Social Media-Kanäle in kürzester Zeit mehr Menschen erreichen als Deutschland Einwohner hat – theoretisch. Alleine bei Facebook haben ihn mehr als 76 Millionen Menschen geliket. Und über soziale Medien können sich Songs ja auch viel schneller verbreiten, als zu Zeiten ohne Facebook, Snapchat, Twitter und Co. Stichwort Gangnam Style, Harlem Shake, Happy, etc.

Wir erleben mit Periscope und Co. die steigende Bedeutung von Livestreaming im Bewegtbild, reine Live-Audioinhalte hingegen scheinen nicht so beliebt. Verliert das Radio in Zeiten der Digitalisierung zunehmend an Bedeutung?

Die ewige Diskussion: „stirbt Radio aus?" Es ist doch wie im Print-, aber auch im TV-Bereich, wer sich nicht die aktuellen Entwicklungen anpassen kann und will hat verloren. Oder wie Bernd Stromberg einst sagte: „Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen". Keiner von uns kann in die Zukunft schauen, aber als Radiosender kannst du heutzutage halt auch nicht einfach nur dein Programm runterdudeln, sondern musst vor allem auch online aktiv und kreativ sein, Interaktion mit den Hörern über soziale Medien schaffen usw. Klar, es hat sich einiges geändert in den letzten Jahren was das angeht, aber es wird sich auch noch einiges verändern in der Zukunft. Die Leitmedien sind nun mal nicht mehr TV, Print und Radio, sondern das Internet, in dem alle Formen von Medien gebündelt und vereint werden. Was nicht heißt, dass die anderen deshalb zwingend irgendwann aussterben. Die Palette des Unterhaltungsangebots wird einfach nur größer, vielfältiger und umkämpfter. Das Internet bestimmt uns und den Medienmarkt. So sehe ich das zumindest.
Wo Radio einfach noch meilenweit hinterherhinkt, meiner Meinung nach, ist die Quotenerhebung. Da sind TV und vor allem natürlich Online viel präziser und aktueller und können besser auf Entwicklungen und Trends reagieren. Ein Radio-Programmdirektor sollte doch wissen, bei welchen Inhalten die Leute wegschalten und wann nicht, oder?

Hörst du selbst noch Radio oder greifst du lieber zu den Streamingportalen oder Podcasts?

Ich höre viel Radio, selbstverständlich, aber ausschließlich online und vor allem zuhause. Unterwegs dann meistens Spotify. Ich höre Radio auch nicht primär wegen der Musik, sondern vor allem wegen der Moderatoren. Ich finde es ganz wichtig als Moderator auch mal andere Eindrücke zu sammeln, was das angeht, auch international.
Aber vor allem finde ich Radio hören so schön, weil anders als bei Spotify reden im Radio Menschen mit dir. Echte Menschen, die mich bestenfalls sogar zwischen den Songs richtig gut unterhalten oder über spannende Themen informieren. Und wenn dann die Musik auch noch meinen Geschmack trifft, großartig. Es gibt einige sehr hörenswerte Sender in Deutschland. Und auf der Welt. Ja, auch viel Mist, aber das ist meistens eine Frage des Geschmacks und ist auch ja bei anderen Medien der Fall.

Du bist mit StammtischPlus auch bei Twitch aktiv. Was macht die Plattform für dich so interessant?

In Twitch steckt glaube ich jede Menge Potenzial, ist aber noch sehr unausgereift - vor allem in Deutschland. Gerade das macht es für mich und meine beiden Radiokollegen, mit denen ich den Kanal betreibe, so interessant. Es ist alles noch so herrlich unvorbelastet. Es gibt so viele Möglichkeiten, so vieles, das man ausprobieren kann und auch bei Twitch geht es letztendlich darum, Leute zu unterhalten. Genau in diese Kerbe wollen wir schlagen: Gaming basierte Unterhaltung. Da kann mit Spielgeld" gewettet werden, da wird nebenbei Bier getestet, oder die gute alte N64 mal wieder ausgepackt. Irgendwelche Games daddeln können viele, sich dabei filmen und ein bisschen sabbeln auch, aber Twitch bietet die Möglichkeit mehr daraus zu machen. In unseren Augen ist noch viel Platz an der Spitze des deutschen Twitch-Streamer Markts und das wollen wir für uns nutzen, wir sind ja auch noch ganz neu, erst Mitte Dezember 2015 haben wir damit angefangen.

Die Rocket Beans aus Hamburg zeigen ja, wie man mit Twitch erfolgreich sein kann. Glaubst du, dass Twitch langfristig auch für Nicht-Gamer interessant werden kann?

Die Jungs von Rocket Beans machen einen großartigen Job und zeigen, welche Möglichkeiten Twitch bietet. Klar, der Schwerpunkt liegt beim Thema Gaming, trotzdem sind die Rocket Beans super vielfältig. Aber eher wie ein TV-Sender konzipiert. Ich finde an Twitch eher reizvoll, dass auf Kanälen nur was zu sehen ist, wenn die Personen wirklich live sind und nicht rund um die Uhr. Aber um auf die Frage zurück zu kommen, ich sage mal so, Rocket Beans ist theoretisch bestimmt auch für nicht-Gamer interessant, Twitch an sich allerdings (noch) nicht. Dafür geht es generell zu sehr ums Zocken. Die meisten Leute aus meinem Bekanntenkreis kannten Twitch nicht mal, bis ich ihnen davon erzählt habe. Aber Twitch wird weiter wachsen, weil auch Gaming weiter wächst. Dafür müssen aber einige Streamer und viele Twitch-User mit ihren Ansichten in der Gegenwart ankommen, vor allem was Sexualität und die Rolle der Frau angeht, andererseits wird es auch schwierig mit gewissen Gamer-Klischees aufzuräumen, aber das ist ein anderes Thema.

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