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„Das Kernstück von Google rückt immer mehr in den Hintergrund“

Was wären wir in der heutigen Zeit ohne Suchmaschinen im Internet? Mal ehrlich, ohne Hilfe von Google & Co. sind wir doch aufgeschmissen. Dank „Data Driven“-Modellen kennen diese Plattformen unser Nutzungsverhalten mittlerweile so gut, dass sie uns innerhalb von Sekunden-Bruchteilen stark individualisierte Ergebnisse ausspucken.

Dirk Lewandowski ist Professor für Information Research & Information Retrieval an der HAW

Aber geht dabei alles mit rechten Dingen zu? Handelt es sich dabei um neutrale Informationen, die uns vollautomatisch angezeigt werden? Oder geht es auch um wirtschaftliche Interessen?

Antworten darauf hat Dirk Lewandowski. Er ist ein Experte auf diesem Gebiet und spricht darüber morgen um 18 Uhr im „Forum Finkenau“ im Rahmen der Ringvorlesung „Digitale Information und Manipulation“ an der HAW.

Der Professor für Information Research & Information Retrieval an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg forscht auf den Gebieten Web Information Retrieval, Qualitätsfaktoren von Suchmaschinen, Rechercheverhalten der Suchmaschinennutzer sowie gesellschaftliche Auswirkungen des Umgangs mit Web-Suchmaschinen. Wir haben mit dem Buch-Autor („Suchmaschinen verstehen“) ein Interview über die Gegenwart und Zukunft von Google geführt.

Sie sind Experte auf dem Gebiet der Suchmaschinennutzung. Wonach wird in Deutschland am häufigsten im Internet gesucht?

Dirk Lewandowski: In Suchmaschinen wird prinzipiell nach allen Themen gesucht. Dabei kommen natürlich immer wieder Trends auf, allerdings sind die populärsten Suchen immer noch die echten Dauerbrenner: So etwas wie „ebay“, „facebook“ und „wetter“. Wenn man sich die Suchanfragen insgesamt anschaut, findet man eine wilde Mischung aus allen Themen in allen möglichen Formulierungen und (Fehl-)Schreibweisen. Immer wieder spannend!

Trauen Sie sich mit Ihrer Erfahrung überhaupt noch, selbst etwas zu googeln?

Dirk Lewandowski: Warum nicht? Gerade, wenn man einen Überblick über die Recherchemöglichkeiten, aber auch die Stärken und Schwächen einzelner Suchmaschinen hat, kann man die Ergebnisse ja viel besser einschätzen. Ich verwende selbstverständlich Google – aber immer mit der Frage im Hinterkopf, warum mir ein bestimmtes Ergebnis nun angezeigt wird.

Wie hat sich das Google-Nutzungsverhalten der User in den vergangenen ein, zwei Jahren geändert und wie reagiert Google darauf?

Dirk Lewandowski: Wir haben es mittlerweile nicht nur mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Geräten zu tun, auf denen wir die Suche nutzen, sondern auch mit neuen Eingabemöglichkeiten. Hier ist vor allem die Suche per gesprochener Sprache zu nennen: Das System kann hier im besten Fall mit uns in einen Dialog treten. Google hat das bereits in seiner App implementiert – die Ergebnisse sind aber noch wechselhaft.

Data Driven ist derzeit ein großes Thema. Gehört datengetriebenen Geschäftsmodellen Ihrer Meinung nach die Zukunft?

Dirk Lewandowski: Ich kann nicht sagen, ob datengetriebene Geschäftsmodelle nun die Zukunft sind. Ich glaube aber, dass sie eine wesentliche Rolle spielen werden.

Sind Daten das neue „Gold"?

Dirk Lewandowski: In gewisser Weise ja. Daten, vor allem über die Nutzer, spielen eine wesentliche Rolle. Ich finde es allerdings besonders wichtig, dass wir in Europa Modelle finden, die datengetriebene Geschäftsmodelle ermöglichen, ohne den typischen Ansatz zu verfolgen, erst einmal sämtliche Daten der Nutzer abzugreifen und erst hinterher zu überlegen, was man eigentlich damit anfangen will. Wir sollten verhindern, dass individuelle Nutzerdaten über Jahre gesammelt und ausgewertet werden, ohne dass den Nutzern wirklich klar ist, was da passiert.

Wie wird sich Google in den kommenden Jahren Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?

Dirk Lewandowski: Wir werden erleben, wie das Kernstück von Google, die Suchmaschine, anscheinend immer mehr in den Hintergrund gerückt wird. Allerdings verschleiert dies, dass Suche als Basistechnologie eine immer größere Rolle einnimmt. So ist Suchtechnologie beispielsweise das Fundament für persönliche Assistenten wie Google Assistant, Microsoft Cortana und Siri. Direkt bewusst ist dies den meisten Nutzern aber nicht.

Verwässert SEA die Google-Ergebnisse?

Dirk Lewandowski: Solange klar und für alle Nutzer verständlich gekennzeichnet ist, was Werbung ist und was nicht, ist SEA kein Problem. Allerdings gibt es daran erhebliche Zweifel. Viele Nutzer wissen schlicht nicht, was Werbung auf den Suchergebnisseiten ist oder können sie nicht von den „echten“ Ergebnissen unterscheiden.

Google, Data Driven, Web Information Retrieval