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Die Disruption des Erinnerns und Vergessens

Bei der Ringvorlesung „Disruption in den Medien“ wird Stephanie Neumann (FH Potsdam) den Fokus auf Erinnerungsdinge an der Schwelle zum Digitalen legen. Wir haben sie vorab im Interview.

Foto: Astrid Salomon

Da sind das kleine Porzellanpferd aus der Kindheit oder das allererste Handy, vielleicht auch ein kaputter Discman oder einfach nur eine Schramme in der Küchentür: Dinge prägen unser Leben und mit ihnen sind oft auch Erinnerungen verbunden. Aber unser Leben wird immer digitaler – und dadurch verändert sich auch das Erinnern und Vergessen.

Auch bei Erinnerungen stehen uns also im Zuge der Digitalisierung eine Disruption bevor. Nachdem wir bereits Prof. Steinicke zu Virtual Reality und der disruptiven Kraft der Technologie interviewt haben, kommt nun Stephanie Neumann zu Wort. Die Fotografin und Interaction Designerin forscht derzeit am Urban Complexity Lab Potsdam zu Erinnern und Vergessen im Digitalen Zeitalter. Darüber spricht sie am Donnerstag, 02. Juni auch bei der Ringvorlesung „Disruption in den Medien“, die als Kooperation zwischen dem HAW-Weiterbildungsstudiengang „Next Media“ unter Leitung von Prof. Dr. Kai von Luck und nextMedia.Hamburg stattfindet.

 

Frau Neumann, Sie sind Fotografin und Interaction Designer. Was genau muss man sich unter letzterem vorstellen?

Digitale Technologien sind fester Bestandteil unseres Lebens. Den Umgang mit ihnen gilt es zu gestalten. Hier kommt Interaction Design ins Spiel. Zu dieser relativ jungen Disziplin findet man häufig die Beschreibung, dass sie sich mit der Gestaltung der Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine beschäftigt. Ich persönlich sehe es weniger als die reine Gestaltung von Mensch-Maschine Schnittstellen, sondern vielmehr als eine Gestaltung von Interaktion zwischen Menschen, bei der Technologie zum Einsatz kommen kann – eine Mensch-(Maschine)-Mensch-Interaktion sozusagen. Die Schwerpunkte von Interaction Designern können dabei jeweils sehr verschieden sein. Die übergreifende Frage ist: Wie wollen wir mit digitalen Technologien leben und wie können wir Schnittstellen, Prozesse und Strukturen gestalten, um Menschen ein positives Erlebnis bei der Interaktion zu ermöglichen.

Bei Ihrem Vortrag in der Ringvorlesung sprechen Sie über Erinnerungsdinge an der Schwelle zum Digitalen. Was genau meinen Sie damit?

Dinge sammeln sich im Laufe unseres Lebens sukzessive an und sind eng mit unserer Biografie verwoben. Gerade ihre Dauerhaftigkeit prädestiniert Dinge dazu, Erinnerungen zu speichern. Im Umgang mit Dingen haben wir eine jahrtausendelange Tradition und somit viele Erfahrungen und ausdifferenzierte Erinnerungspraxen entwickelt. Mit der Digitalisierung und der Möglichkeit der permanenten Speicherung und Wiederabrufbarkeit ändert sich der Umgang mit Erinnern und Vergessen. Das Mobiltelefon wird von vielen von uns ständig mitgeführt. Alles kann dokumentiert und wieder eingesehen werden – bis hin zum permanenten Lifelogging. Doch Daten selbst sind noch keine Erinnerungen! Für das rasante Ansteigen von digitalen Artefakten gibt es bisher kaum adäquate Kulturtechniken des Erinnerns. Es stellt sich nun die Frage, wie wir mit unseren digitalen Artefakten erinnern wollen.

Nehmen wir einmal das Beispiel eines Fotos auf Twitter, das den Besuch eines Medienevents wie des scoopcamp zeigt: Welche Herausforderung ergeben sich hier für eine digitale Erinnerungskultur?

Nehmen wir an, ich war eine Teilnehmerin dieses Events und sehe nun dieses Bild auf Twitter. Wenn mir jetzt also dieses Foto wichtig ist, dann habe ich die Möglichkeit, es zu favorisieren, zu speichern oder zu teilen und es so unter den anderen Tweets für mich hervorzuheben oder in einem Tweet darauf Bezug zu nehmen. Da die Tweets chronologisch hintereinander weglaufen, verlieren sie sich nach und nach in den Tiefen der Timeline. Die Suche innerhalb des Streams ist da noch nicht sehr ausgereift. Eine der Herausforderungen im Digitalen ist es also, Möglichkeiten der Priorisierung und Kuratierung zu entwickeln, die uns dabei helfen, das Wichtige in unserem Datenwust herauszukristallisieren.

Wenn digitale Objekte somit einen Verweischarakter haben, wir sie also mit Menschen oder Erfahrungen verbinden, spinnt sich daraus ein Netz an Verknüpfungen. Macht dies das Erinnern komplexer?

Wir verbinden Erinnerungen mit Menschen, Orten und Erlebnissen. Unsere Erinnerungsartefakte verweisen darauf, unabhängig davon ob sie physisch oder digital sind. Im Digitalen kommt jedoch hinzu, dass sich ein Erinnerungsartefakt kopieren lässt und sich somit an mehreren Orten gleichzeitig mit jeweils unterschiedlichen Bezügen befinden kann. Das kann den Umgang und das Erinnern damit entsprechend komplexer gestalten. 

Was passiert, wenn soziale Netzwerke, die gewissermaßen Plattformen unserer Erinnerung sind, verschwinden: Verlieren wir dann auch die Erinnerungen an die dort geposteten Ereignisse?

Das kommt natürlich darauf an, wie gut wir erinnern können. Wenn wir diese Plattformen als erweitertes Gedächtnis sehen, in welches wir Erinnerungen ablegen, dann kann es natürlich sein, dass es mit deren Verschwinden auch schwieriger wird, unsere Erinnerungen an die geposteten Ereignisse zu rekonstruieren. Doch wir verlieren womöglich nicht gleich die kompletten Erinnerungen an die geposteten Ereignisse. Was wir verlieren, sind eher die jeweiligen Kommentare und geführten  Kommunikationen, die sich um die jeweilig geposteten Erlebnisse ranken und unsere Erinnerungen mit weiteren Layern anreichern. In dem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wem diese geteilten Erinnerungen gehören. Plattformen bieten zum Teil Downloads an, doch diese sind oftmals rudimentär, umfassen nicht alle kommunikativen Ebenen oder ändern ihre Darstellungsform derart, dass es schwieriger wird, mit ihnen zu erinnern. Es gibt zunehmend Angebote, die es uns ermöglichen, beispielsweise unsere Facebook- und Instagramchroniken in Buchform festhalten. Das Internet wird also wieder ausgedruckt. Das zeigt das Bedürfnis, Erinnerungen in eine wertige Form zu bringen. Das zeigt aber auch, dass hier noch Interfaces gefragt sind, die es uns ermöglichen, adäquat mit unseren digitalen Artefakten zu erinnern.

Welche wirtschaftliche Bedeutung kommt mittlerweile der Möglichkeit zu, Erinnerungen online verfügbar zu lassen oder wiederherzustellen?

Je mehr wir unsere Erinnerungen online stellen, um so größer ist auch der Bedarf an Services, die uns dabei unterstützen, unsere digitalen Erinnerungsartefakte zu priorisieren, zu kuratieren und zu bewahren.

Blicken wir noch kurz auf Ihren Vortrag der Next Media Ringvorlesung: Welche drei zentralen Erkenntnisse können Besucher der Vorlesung von Ihnen erwarten?

Im Vortrag schauen wir uns mit Fallstudien und exemplarischen Beispielen an, worin die Wertigkeit objektbezogenen Erinnerns besteht, wie wir mit unseren digitalen Artefakten erinnern wollen, welche Herausforderungen sich für eine digitale Erinnerungskultur ergeben und wo es Anknüpfungspunkte von analog und digital gibt.

 

Mehr über Stephanie Neumann gibt es hier auf ihrer Website.

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