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Die Macht der Bilder

Das Bonmot von den Bildern, die mehr als tausend Worte ausdrücken, wird im Rahmen medialer Inszenierungen zu Themen aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport immer wieder kraftvoll unterstrichen. nextMedia.Hamburg sprach mit Prof. Dr. Thomas Hestermann von der Hochschule Macromedia über neue Anforderungen bei journalistischer Sorgfalt, Recherche und Medienkompetenz.

nextMedia.Hamburg: Mehr noch als Texte vermögen Bilder unsere Emotionen zu wecken. Wie groß ist die Macht von Video und Fotografie in unserer Welt wirklich?
Prof. Dr. Thomas Hestermann: Das augenscheinliche Beispiel wirkt stärker als abstraktes Wissen, Bild schlägt Text. Zugleich ist die Volksweisheit „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ falsch – wir haben in Versuchen gezeigt, wie stark die Bildwirkung durch einen einordnenden Text beeinflusst wird. Wir sehen also, was wir wissen oder zu wissen glauben. Was uns also ein Bild tatsächlich sagt, hängt sehr stark von Worten ab.

Im Journalismus sind wir zunehmend damit konfrontiert, dass Medien die Verfügungsmacht über Bilder verloren haben. Wenn beispielsweise Journalisten, durchaus in guter Absicht, geschönte Bilder zeigen beispielsweise von Flüchtlingsfamilien, dann liefern andere über soziale Medien Gegenbilder. Insofern ist die Macht der Bilder heute in mehr Händen als früher und ist der Kampf um Bildwirkung entbrannt.

nextMedia.Hamburg: Wer in die Geschichte von Malerei und Kino schaut sieht eine sich ständig aufschaukelnde Welle von Provokationen und Tabubrüchen. Ist nicht irgendwann einmal eine Grenze erreicht?
Hestermann: Wer die drastischen und heute noch verstörenden Bilder von Hieronymus Bosch betrachtet, erkennt: Der Tabubruch hat eine lange Tradition. Dabei folgt auf Wellen von Schreckensbildern immer wieder die Sehnsucht nach dem Harmlosen. In der Frühzeit des Privatfernsehens haben sich Boulevardmagazine überschlagen mit Gewaltdramen – die sind auf Dauer aber nicht marktkompatibel. Das Publikum ist nicht so blutrünstig wie vielfach beschworen, allem Kulturpessimismus zum Trotz. Programmverantwortliche haben mir in Forschungsinterviews gesagt, man dürfe die Bilder der Gewalt allenfalls „in homöopathischer Dosis“ einsetzen, wie Chili, um Wirkung zu erzielen und dabei die Zuschauer nicht zu verschrecken.

nextMedia.Hamburg: Was haben Ihre Forschungen zu den Folgen der TV-Berichterstattung über Gewalttaten noch ergeben?
Hestermann: Wir haben in mittlerweile zehn Jahren Fernsehforschung gezeigt, dass das Fernsehen drastische Gewalt vieltausendmal häufiger zeigt als Bagatelldelikte, gemessen an ihrer tatsächlichen Häufigkeit. Die meisten Gewaltopfer sind Männer, die Medien zeigen vor allem weibliche Opfer. Kinder stehen besonders im Fokus, Ältere werden ausgeblendet. Diese medialen Verfremdungen führen zu völlig falschen Schlüssen, und die Politik sieht sich unter Druck, gegen die gefühlte Kriminalität vorzugehen, weniger gegen die tatsächliche.

nextMedia.Hamburg: Machen sich Journalisten mit Blick auf die Quote mitschuldig an immer neuen Erregungsspiralen, die die Kultur des Miteinanders gefährden?
Hestermann: Ja, Journalisten sind mitverantwortlich für irrationale Ängsten und Erregungen. Andererseits – uns interessiert eben das Besondere, nicht das Alltägliche. Der Pilot, der sein Flugzeug zum Absturz bringt, macht Schlagzeilen, nicht derjenige, der seine Maschine sicher landet. Dabei weiß jeder, dass letzteres der Normalfall ist. Am Ende sind sowohl Journalisten gefragt, nicht aus lauter Aktualitätsdruck ins Dauerfeuer der Schreckensbilder zu verfallen, wie es einige etwa nach dem Anschlag von Nizza unkritisch getan haben. Ebenso ist das Publikum gefragt, selbst zu entscheiden und bei halbgaren TV-Brennpunkten mit den immer gleichen Handybildern und frei spekulierenden Experten einfach mal umzuschalten.
Ich diskutiere auf internationalen Symposien oft mit Kollegen anderer Länder, jüngst mit Journalisten aus China. Es verblüfft mich immer wieder, dass trotz aller Systemunterschiede Journalisten weltweit über dieselben Fragen grübeln, beispielsweise: Wie weit darf Berichterstattung gehen, müssen die Bilder von Opfern verfremdet werden, und können Journalisten die Emotionen steuern, die ihre Texte und Bilder auslösen?

nextMedia.Hamburg: In einem weiteren Forschungsschwerpunkt arbeiteten Sie mit Studierenden der Macromedia Hochschule zur Wirkung von Bildunterschriften bei der Beurteilung von Reportagen und Artikeln. Welche Ergebnisse konnten Sie feststellen?
Hestermann: Ich habe meinen Studierenden ein Foto von Kindern gezeigt, die mit aufgerissenen Augen auf einen Bildschirm blickten, und habe dazu die Bildunterschrift variiert. Hieß es, die Kinder sähen ein Gewaltvideo, meinten die Zuschauer, in deren Gesichtern das Grauen zu entdecken. Glaubten sie, die Kinder sähen die Abschiedsbotschaft ihrer krebskranken Schwester, tendierte die Interpretation zu Trauer und Mitleid. In Wirklichkeit sahen die gezeigten Kinder in einem Video zum ersten Mal, wie sie Ski gelaufen waren. Das zeigte sehr deutlich, wie interpretativ das Bilderleben ist.

nextMedia.Hamburg: Beim Konsum jeglicher Medien - ob nun gedruckt, sozial kuratiert oder per Bild und Schrift - wäre ein Mehr an Medienkompetenz sicherlich wünschenswert. Müssen neue Konzepte für die Vermittlung her?
Hestermann: Ja, das versuchen wir in unserer Journalismus-Ausbildung zu erreichen, indem wir unsere Studierenden darin schulen, dem Augenschein zu misstrauen, gründlich zu recherchieren und klug einzuordnen. Frei nach dem Motto: Nichts glauben und alles für möglich halten. Ich berichte oft auch vor Sozialarbeitern, Lehrern und Eltern und jungen Leuten von unserer Fernsehforschung. Das Thema Kriminalitätsberichterstattung eignet sich dafür besonders gut, weil sich gesicherte und standardisierte Polizeidaten mit journalistischen Entscheidungsmustern abgleichen lassen.

nextMedia.Hamburg: Erstmals in der Geschichte des Journalismus sind die MacherInnen durch die sozialen Medien mit einem Feedbackkanal konfrontiert. Kaum dass ein Beitrag gesendet oder veröffentlicht wurde, hagelt es mitunter schon Kritik oder wird gleich gegen die "Lügenpresse" geätzt. Gibt es für JournalistInnen und Medien im derzeitigen Krieg der Bilder und Worte überhaupt noch einen Ausweg?
Hestermann: In der Anfangszeit der sozialen Medien haben viele die gewachsene Bedeutung des Publikums idealisiert. Mittlerweile ist die Sicht nüchterner und vielfach klarer. Es gibt wunderbare Potentiale des Crowdsourcings, von Wikipedia bis hin zu aktuellen Publikumsrecherchen der Zeit. Es gibt aber auch die vielen Nörgler, die weder gesprächsfähig noch gesprächswillig sind, sondern im Internet ihre Verschwörungstheorien, ihre Wut und ihre Häme ausschütten.
Der Ausweg ist: Begrenzte Diskussionsräume bieten, klare Regeln setzen, selbst Impulse geben und den Dialog steuern. Und auf dem Teppich bleiben! Was ein paar Leute unter Phantasienamen verbreiten, ist nicht gleich „der neueste Trend in den sozialen Netzen“. Ich war jahrelang Redaktionsleiter einer Talkrunde und habe das nach einer Sendung über Tierhaltung und Fleischkonsum erlebt – Veganer kaperten in kürzester Zeit sämtliche Diskussionsforen. Sie haben sehr hartnäckig und wortstark die Debatte beherrscht, gerierten sich als Meinungsführer – blieben tatsächlich aber eine sehr kleine Minderheit. Mehr denn je sind Journalisten gefragt, kritische Dialoge zu moderieren, zwischen den Welten zu vermitteln, gesichertes Wissen zu erarbeiten und Trugschlüsse aufzulösen, mit Worten und Bildern.

Prof. Dr. Thomas Hestermann
lehrt Journalismus an der Hochschule Macromedia in Hamburg und Berlin. Zuvor moderierte er im NDR-Hörfunk und war zehn Jahre lang Redaktionsleiter der TV-Gesprächsreihe Tacheles (Phoenix). Er forscht zu Entscheidungsmustern im Journalismus.
Mehr zum Thema:  Thomas Hestermann im Fachblatt tv diskurs: Das Grauen der Nachrichten und die Sehnsucht nach dem Positiven, bit.ly/2b9a8lN

Fotografie, Bildrechte, Prof. Dr. Thomas Hestermann, Macromedia, Journalismus