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Felix Stalder: „Heute sind die kollektiven Prozesse hinter Ideen sichtbarer.“

Kollektive Prozesse bei Ideen und die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Medien - darüber haben wir mit dem Schweizer Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stalder gesprochen.

Foto: Anja Hitzenberger (http://anjahitzenberger.com/)

Kultur der Digitalität“ hat Felix Stalder sein Buch getauft. Ein großer Titel, den der Schweizer Kultur- und Medienwissenschaftler da gewählt hat, um gegenwärtige Prozesse zu beschreiben. Dabei reicht sein Kulturbegriff von Conchita Wursts Auftritt beim Eurovision Song Contest bis zum Android Smartphone, kurzum umfasst er also alles, was uns digitalisierte Menschen bewegt.
Aber wie lassen sich die Veränderungen durch die Digitalisierung einordnen und welche Aspekte wirken sich auf die Kultur der Digitalität aus? Im Interview mit Felix Stalder haben wir über kollektive Prozesse bei Ideen und die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Medien gesprochen.

Sie stellen die These auf, dass die Fähigkeit, Eigenes zu kommunizieren, nicht mehr nur von Künstlern oder Wissensarbeitern übernommen wird, sondern von nahezu jedem. Denn jeder kann – oder muss – sich in sozialen Netzwerken darstellen. Wie verändert dies unsere Kultur?

Das sind mehrere Aspekte, zunächst einmal ein quantitativer. Das heißt, mehr Leute treten in die Öffentlichkeit, mit dem Anspruch, dass ihre Meinung gehört wird. Das zweite ist, dass es auf immer mehr Gebieten geschieht. Viele Dinge, die früher mehr oder weniger gegeben waren und über die es relativ wenig gesellschaftlichen Diskurs gab, werden heute kontrovers und in aller Breite diskutiert – etwa Fragen der “richtigen” Ernährung oder was heute eine “Familie” darstellen soll. Aber auch neue Fragen ergeben sich aus dem technischen Fortschritt, etwa ob ein Kind nach dem Tod der Mutter geboren werden darf. Daraus entsteht eine enorme Diversität an Meinungen, welche traditionelle kulturellen Institutionen, von Medien bis Museen, zu überfordern droht.

Die klassische Vormachtstellung der Medien als Gatekeeper und einordnende Instanz wird auch zunehmend infrage gestellt, da jeder seine Standpunkte durch die Errungenschaften der Digitalisierung verbreiten kann. Bemerken Sie an dieser Stelle ein Spannungsverhältnis?

Absolut. Kritik an den Medien bzw. deren redaktioneller Auswahl gibt es schon seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts, es ist somit nichts Neues. Versuche, Gegenöffentlichkeiten zu initiieren, verliefen damals jedoch meist in einem sehr kleinen Rahmen. Durch die sozialen Medien sind sehr viel mehr Öffentlichkeiten entstanden, die den klassischen Medien Konkurrenz bei der Einschätzung und Einordnung von Themen machen. Die Rolle der klassischen Medien verändert sich dadurch: Sie werden zu Kuratoren, die alle veröffentlichten Inhalte auswerten, anstatt gleich zu Beginn selbst eine Auswahl zu treffen. Während die New York Times lange als Slogan hatte “All the news that fit to print” lautet die inoffizielle Devise der sozialen Medien “publish first, filter later”.

Blicken wir noch einmal globaler auf die Veränderungen. Sie benennen drei Formen der Kultur der Digitalität: Referenzialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Was haben diese gemeinsam?

Das Problem, mit dem sich immer mehr Menschen konfrontiert sehen, ist, dass sie sich Ordnung in einer chaotischen Informationskultur geben müssen. Der einfachste Akt ist auszuwählen, etwa indem man einen bestimmten Tweet retweetet. Dieses Auswählen, auf eine Referenz zu verweisen, ist der basalste Akt der Bedeutungsproduktion. Dafür braucht es nach wie vor Menschen, um diesen sinnvoll zu machen.

Und die Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität?

Dieser zweite Aspekt ordnet die Meinung der Einzelnen ein und gibt beispielsweise an, was wichtig oder unwichtig ist. Dadurch entsteht ein geteilter Horizont, ein geteilter Referenzrahmen, in dem gewisse Kontroversen beantwortbar sind, etwa ob es ethisch vertretbar ist, Fleisch zu essen. In zunehmendem Maße sind jedoch die Datenmengen so groß, dass Algorithmen uns die Welt vorsortieren müssen, damit die Daten in eine Form kommen, die wir mit unserer individuellen menschlichen Kognition wahrnehmen können. Das einfachste Beispiel dafür ist der Google-Suchalgorithmus, der uns eine Vorsortierung schafft, um auf Basis dessen zu einem inhaltlichen Urteil kommen zu können.

Bedeutet das dann auch, dass die Knowledge Collaboration – also die Wissenszusammenarbeit – immer wichtiger wird, weil der Einzelne an Relevanz verliert und es das Kollektiv braucht?

Um mich selbst als Wissensarbeiter in einem Fachgebiet – seien es Katzenbilder oder Astrophysik – etablieren zu können, braucht es die externe Einordnung, um die Wertigkeit meines Beitrags zu beurteilen. Um uns selbst als individuelle, singuläre Produzenten sichtbar zu machen, braucht es in den vernetzten Gemeinschaften also immer auch andere. Gleichzeitig bringen individuelle Leistungen auch die Gemeinschaft voran.

Was bedeutet dies dann für die Mikrokosmen wie Redaktionen oder Gamesstudios?

Das Wissen der Kunden oder Nutzer muss Einzug in die einzelnen Firmen halten, denn kein Unternehmen – egal wie gut es aufgestellt ist – kann alles wissen, dazu ist die Welt zu komplex und die Nutzer zu meinungsstark. Diese müssen in die Arbeitsprozesse integriert werden, etwa als Mitentwickler durch beta-Versionen. Die Grenzen für Menschen innerhalb und außerhalb der Firma werden damit viel durchlässiger.

Das bedeutet ja auch eine Vermischung von Urheberschaften, wenn nicht mehr klar ist, von wem welche Idee eigentlich kommt. Ist es eine Tendenz, dass auch bei abstrakten Themen und Entwicklungen die Referenzialität immer mehr zunimmt?

Ich glaube schon. Die Konstruktion des Urheberrechts ist ja, dass eine Person mehr oder minder in Isolation vor einem weißen Blatt Papier sitzt, eine Idee hat, diese aufschreibt und publiziert. Heute entstehen Dinge dialogisch, zirkulieren und werden weiterbearbeitet. Kreativität entsteht also nicht mehr nur durch einen Einzelnen, sondern im Austausch mit Gleichgesinnten. Und deshalb fließen immer mehr Quellen in eine Idee hinein. Zwar hatte auch früher schon der einsamste Schriftsteller eine große Bibliothek, aber heute sind die kollektiven Prozesse hinter Ideen sichtbarer.

Und was ist die Konsequenz?

Darauf gibt es zwei Reaktionen: Zum einen zu versuchen, möglichst viel vom dem, was Nutzer machen, in die Firma zu integrieren und auf deren Arbeit Nutzungsrechte zu verlangen. Zum anderen gibt es freie Software, bei der es keine exklusiven Rechte gibt, da sie sich als kollektives Werk versteht.

Für letzteres ist die Android Betriebssoftware, die in weiten Teilen aus freier Software besteht, ein gutes Beispiel. Ist das dann aber nicht trotzdem ein Geschäftsmodell, weil darauf dann Google-eigene Services laufen?

Genau. Google setzt nicht auf das geistige Eigentum als Geschäftsmodell – etwa mit einem geschlossenen Code – sondern auf relationale Daten, also etwa von Nutzern. Deshalb macht es für Google Sinn, möglichst viele Menschen Android nutzen zu lassen, um darauf dann Dienste wie den Google Play Store anbieten und ausrichten zu können, worüber dann die Monetarisierung stattfindet. Auch hier kommen dann Referenzialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität zusammen.

 

Das Buch Kultur der Digitalität“ ist 2016 im Suhrkamp Verlag erschienen.

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