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Fünf Thesen für die Journalistenausbildung der Zukunft

Wie verändert sich die Journalistenausbildung? Christian Stöcker, Professor für Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg, hat sich zum Bewerbungsstart des neuen Masterstudiengangs "Digitale Kommunikation" Gedanken dazu gemacht.

 

 

Foto: Sebastian Isacu

1. Es muss nicht jeder alles perfekt beherrschen. Aber jeder muss wissen, wie alles funktioniert – und wie es zusammenpasst.

Der Journalismus der Zukunft wird, und das ist ein Vorteil, kein Nachteil, zwangsläufig digital und damit multimedial sein. Die Journalisten der digitalen Zukunft werden für jedes Thema, jede Geschichte eine Vielfalt von Darstellungsformen zur Verfügung haben, die einem Print-, Radio- oder TV-Journalisten klassischer Prägung nicht zur Verfügung standen. Wer nicht zumindest ein Grundwissen darüber hat, wie Bewegtbild funktioniert, wie man mit Fotos, wie mit Audio-Inhalten arbeitet, wann es sinnvoll ist, einen Sachverhalt graphisch oder gar interaktiv darzustellen, der wird in dieser digitalen Zukunft als Journalist seine Schwierigkeiten haben. So wie Printjournalisten einst über die klassischen Darstellungsformen von Bericht bis Reportage belehrt wurden, so müssen die Digitaljournalisten von morgen lernen, welche Formate in welcher Kombination sich am besten eignen, um eine bestimmte Geschichte zu erzählen.


2. Kommunikation kann man nicht lehren, nur üben

Für einen klassischen TV-Journalisten ist es eine Selbstverständlichkeit, mit Spezialisten zusammenzuarbeiten, die für wesentliche Teile des Endproduktes verantwortlich sind: Kameraleute, Tontechniker, Cutter und so weiter. Ein fertig ausgebildeter TV-Journalist, der nie tatsächlich mit einem Kameramann oder einer Kamerafrau zusammengearbeitet hat, hätte wohl bei jedem Sender und in jeder Produktionsgesellschaft einen schweren Stand. Für Digitaljournalisten sind die Berufsgruppen, mit denen sie in einer derartigen, gewissermaßen symbiotischen Beziehung leben, weit vielfältiger: Sie müssen mit Fachleuten für Interaktionsdesign ebenso kooperieren können wie mit Softwareentwicklern, mit Illustratoren ebenso wie mit Experten für Suchmaschinenoptimierung. Eine Ausbildung, die die Kommunikation mit solchen Fachleuten nicht zum elementaren Bestandteil macht, produziert am künftigen Bedarf vorbei.


3. Es ist wichtiger denn je, die eigene Rolle zu verstehen.

Das mediale Ökosystem der Gegenwart und Zukunft ist ein völlig anderes als noch vor fünf Jahren. Damit sind nicht nur die ökonomischen Probleme gemeint, vor die Digitalisierung und Medienwandel klassische Verlagshäuser stellen. Die Mediendiät von Konsumenten hat sich dramatisch verändert und differenziert. Ein Beispiel: Wer heute Anfang 20 ist, verfolgt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Aktivitäten von Menschen, die im Netz mehr oder minder autark und unabhängig eigene Inhalte zur Verfügung stellen, und zwar fortlaufend. Was im Marketingsprech heute „Influencer“ heißt, markiert einen grundlegenden Wandel: Nicht nur die Grenze zwischen privater und öffentlicher Kommunikation ist faktisch aufgehoben – Fans von YouTubern fühlen sich ihren Stars oft weit näher als Fans von Popbands das früher konnten. Auch die Grenze zwischen nichtkommerzieller und kommerzieller Kommunikation verschwimmt. Instagram-Models, die fünfstellige Beträge für ein Foto mit einem bestimmten Kleid kassieren oder die Protagonisten von Let’s-Play-Videos, die sich für das Vorspielen des Produkts eines bestimmten Herstellers teils fürstlich entlohnen lassen, machen de facto Werbung – sie werden von ihrem Publikum aber trotzdem als glaubwürdig, ja authentisch wahrgenommen.
Noch weit mehr als Content-Marketing und Native Advertising verschiebt diese Entwicklung Grenzen, Machtverhältnisse und auch Werbebudgets. Gleichzeitig wird gerade der klassische Journalismus heute häufig als käuflich oder wenigstens parteiisch abqualifiziert. Menschen, die sich in Zukunft dafür entscheiden, bewusst und unter Inkaufnahme finanzieller Einbußen als tatsächlich unabhängige Journalisten zu arbeiten, können und müssen daraus eine Tugend machen: Sie werden zu den letzten echten Anwälten des Publikums gehören. Dazu gehört die rigorose Einhaltung von Verhaltensregeln im Umgang mit Unternehmen, Publikum und Politik ebenso wie ein selbstbewusstes Verständnis der eigenen Aufgabe. Nur dann kann es gelingen, das Vertrauen zu bewahren, ohne das dieser Beruf nicht existieren kann.


4. Falsche Erwartungen zu schüren ist unfair, den Blick zu weiten essentiell.

Die ökonomische Realität des Journalismus im Jahr 2016 und danach ist eine andere als im Jahr 1986. So brutal das im Augenblick klingt: So manches, was Medienhäuser in den vergangenen Jahrzehnten finanzieren konnten, wird ihnen künftig schwerer fallen. Dass der Arbeitsmarkt für Journalisten in den kommenden Jahren rasant wächst, ist nicht zu erwarten, ebensowenig, dass sich die Arbeitsbedingungen bereits arbeitender Journalisten dramatisch verbessern. Zu rechnen ist, so bitter das ist, vorerst eher mit dem Gegenteil. Wer angehenden Journalisten in der Ausbildung vorgaukelt, dass sie alle nach ihrem Abschluss davon leben werden, mehrseitige Reportagen für Hochglanzmagazine zu produzieren, der versündigt sich an ihnen –wird aber vermutlich auch von den eigenen Schützlingen nicht mehr Ernst genommen. Das bedeutet: Die ökonomischen Rahmenbedingungen der Herstellung von Journalismus müssen zentraler Bestandteil der Ausbildung sein – und zwar auch solche, die gerade erst im Entstehen sind. Reichweite und Refinanzierung funktionieren schon heute oft auf ganz anderen Kanälen als noch vor ein paar Jahren. Journalisten, die auch unternehmerisch denken und handeln können, werden es auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft wesentlich leichter haben – sei es als Unternehmer in eigener Sache, oder als Mitarbeiter in Medienhäustern, die selbst digitale Transformationsprozesse durchlaufen.


5. Ohne das gute alte Handwerkszeug geht es nicht.

Trotz all der Veränderung bleiben die Grundsätze dessen, was Journalismus heißt, unverzichtbar, ja sie sind vielleicht wichtiger denn je. Wer nicht nachweislich unabhängig berichtet, nicht sauber recherchiert, dokumentiert und verifiziert, wer nicht weiß, wie man eine Geschichte erzählt und nicht im Bedarfsfall sorgenfrei Auskunft über die eigene Arbeitsweise geben kann – dem wird in Zukunft noch weniger vertraut werden, als das heute schon vielfach der Fall ist. Viele Dinge, die derzeit im Zusammenhang mit einem neuen Journalismus diskutiert werden, sind eigentlich logische Verlängerungen dieser klassischen Tugenden: Der ständige Austausch mit dem Publikum über die eigene Arbeit beispielsweise war für gute Lokaljournalisten schon immer eine Selbstverständlichkeit, heute steht er praktisch jedem zur Verfügung. Nur, wenn die alten Tugenden und Fertigkeiten sinnvoll mit den neuen Möglichkeiten kombiniert werden, kann künftig Journalismus entstehen, der Vertrauen inspiriert und dessen Wert für das Publikum klar erkennbar bleibt.


Über den Autor: Prof. Dr. Christian Stöcker ist ausgebildeter Kognitionspsychologe und hat die vergangenen elf Jahre in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE gearbeitet, seit 2011 als Leiter des Ressorts „Netwelt“. Seit September 2016 baut er an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften den neuen Studiengang „Digitale Kommunikation“ auf. In dessen Rahmen werden pro Jahr 24 Masterstudierende in einem digitalen Newsroom im Live-Betrieb Theorie und Praxis des digitalen Publizierens lernen. Die Bewerbungsphase für den ersten Jahrgang des neuen Studiengangs läuft vom 15. bis zum 30. Oktober 2016. Bewerben kann man sich über ein Online-Formular.


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