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Indiens digitales Ökosystem – Why India is hot, hot, hot

Oft lohnt sich der Blick über den eigenen Tellerrand, etwa nach Indien. Wie sich das Land digital positioniert, erklärt Peter Kabel, Founding Partner bei AECAL (Asian E-Commerce Alliance), in einem Gastbeitrag.

Bereits seit der Jahrtausendwende gilt Indien als Technologieland. Büroblocks mit glänzenden Glasfassaden amerikanischer und europäischer Hightech-Unternehmen in Bangalore wurden zum Symbol und die große Zahl weltweit tätiger indischer Programmierer und Techwizzards waren der Beweis dafür.

Dieser Aspekt des indischen Aufschwungs allerdings wurde in den letzten Jahren durch eine viel gewichtigere Entwicklung abgelöst: der Entstehung des indischen digitalen Binnenmarkts.
Waren in den 2000er Jahren hunderttausende junger Inder in Callcentern und Testcentern damit beschäftigt, westliche Dienstleistungen billig zu erledigen, sind heute Millionen junger Inder mit eigenen Zielen im Internet aktiv.

„mobile only“ statt „mobile first“

Täglich nutzen ungefähr 300 Millionen Inder das Netz (das sind mehr, als Europa Einwohner hat) und dabei handelt es sich erst um den Anfang einer Entwicklung, die an Wachstumsdynamik noch zunimmt. Die überwiegende Zahl der Inder nutzt das Internet mit einem Smartphone. Viele Anbieter operieren konsequenterweise nicht „mobile first“, sondern „mobile only“. Alleine in den vier größten Metropolregionen des Subkontinents sind bereits heute mehr Smartphones im Einsatz als in ganz Deutschland – es gibt aber weitere 100 Metropolregionen mit jeweils mehr als 1 Millionen Einwohnern. Durch den stetigen Preisverfall der Hardware – Geräte aus indischer oder chinesischer Produktion gibt es bereits für etwas über USD 100,- – können sich immer weitere Bevölkerungsschichten ein Smartphone leisten und aktiv am Netz teilnehmen.

Social Media, Chat, E-Commerce und Informationsdienste aller Art sind die vorherrschenden Nutzungsbereiche. Insbesondere Social Media trägt dabei zu einer interessanten Veränderung der indischen Gesellschaftsstrukturen bei. In einer Gesellschaft, die durch Jahrtausende alte Strukturen geprägt ist, stellt die Möglichkeit, sich frei äußern zu können und Gleichgesinnte zu finden, für Angehörige niederer Kasten – ja selbst für Frauen – eine Revolution und Befreiung dar, wie man sich dies in westlichen Kulturen nur schwer vorstellen kann.

Ähnlich wie das stationäre Internet in Indien einfach übersprungen wird, gibt es auch weitere Leapfrogging-Effekte: Eine in westlichen Augen selbstverständliche Einzelhandelsstruktur, die qualitativ hochwertige Waren in einem Qualitätsumfeld präsentiert, ist in weiten Teilen Indiens noch nicht gewachsen. Natürlich gibt es in den großen Metropolregionen Shopping-Center wie in anderen asiatischen Ländern auch. In den hunderten kleineren Städten Indiens allerdings – Städten, die mehr als 1 Million Einwohner – haben, gibt es derartige Angebote nicht und es ist sehr wahrscheinlich, dass die boomende E-Commerce-Versandhandels-Branche dazu führt, dass sich derartige Einzelhandelsstrukturen auch nie entwickeln werden. Junge Inder – das Durchschnittsalter in Indien ist 25 Jahre (Deutschland 45!) – sehen auf ihren Smartphones den internationalen Standard der Warenwelt und bestellen diesen einfach online mit der Folge, dass E-Commerce in allen Formen boomt.

Warum sich der Blick nach Osten lohnt

Für viele europäische Startups und Digitalunternehmen richtet sich der Blick aktuell noch vorranging nach Westen. Das digitale Ökosystem Amerikas scheint alternativlos. Vermutlich aber ist der Blick nach Osten mindestens ebenso interessant, denn Marktsegmente, die in USA bereits längst besetzt und vergeben sind, entstehen in den diesen aufstrebenden Volkswirtschaften gerade erst und der Wettbewerbsdruck ist entsprechend viel geringer.

Indien ist dabei in Asien auch deshalb interessant, da ein Großteil der Bevölkerung englisch spricht, uns bekannte Plattformen wie Facebook und Google dort ebenfalls verfügbar und aktiv sind und mithin der Markteintritt unter Berücksichtigung lokaler Aspekte einfacher ist, als beispielsweise in China.

AECAL hat eine Studie erarbeitet, die das indische Ökosystem beschreibt und insbesondere einen guten Überblick über die verschiedenen Nutzerarten (Jung – Alt, Geschlecht, Einkommen etc.) bietet und damit einen ersten Eindruck über die Möglichkeiten für europäische Startups und reife Unternehmen schafft.


Über den Autor:
Peter Kabel, Professor für Medienkommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, ist ein erfahrener Investor in europäische und indische Startups. Zudem ist er Founding Partner bei AECAL (Asian E-Commerce Alliance).

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