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Live-Streaming: "Die Währung ist Reichweite und Interaktion"

Live-Streaming-Apps gehören gegenwärtig zu den einflussreichsten Distributionskanälen. Der User Generated Content hat neue Influencer auf den Markt gespült. Wie gehen die „Big Player“ damit um?

SOM Panel

Moderatorin Eva Schulz im Gespräch mit Teja Adams, Isa von Heyl und Ralf Klassen (v.l.n.r.)

Facebook ist in Sachen Live-Videostreaming ein Vorreiter. Auch Periscope hat sich früh positioniert. Instagram hat nachgerüstet. Genau wie Youtube. Und sowohl etablierte TV-Medien wie die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und die Privaten als auch Print-Titel setzen verstärkt auf das Motto „life is live“.

„Live-Streaming wird zwar gerade gehypt. Aber neu ist dieses Format ja nun wirklich nicht“, betont Ralf Klassen, der CEO von The Cone. „Ich kann mich an das sternTV-Experiment in 2012 erinnern, als die Geburt einer Giraffe live gestreamt wurde und es dabei eine sechsstellige Zuschauerzahl gab.“

Wer ist wann mit welchen Live-Inhalten auf welcher Plattform am Besten aufgehoben? Darüber diskutierte Klassen mit Isa von Heyl (Head of Video stern.de), Teja Adams (Redakteur NDR/ARD) und Moderatorin Eva Schulz (Journalistin und Bloggerin) beim nextMedia.Hamburg-Panel „Publishing-Strategien im Live-Videostreaming“ auf der Social Media Week in der Markthalle.

Hier sind die fünf wichtigsten Learnings aus diesem Podiumsgespräch.

Die Kunst, live zu gehen

Ralf Klassen: „Man muss Interesse wecken und Themenbereiche abdecken. Live ist für viele Leute immer noch faszinierend. Es ist glaubhafter, echter. Man muss für live aber auch Zeit mitbringen. Ein-, Zwei- oder Drei-Minuten-Häppchen sind falsch. Man muss da kontinuierlich eine Strecke gehen. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis. Live ist total schwierig in der Vorbereitung, erfordert wahnsinnige Überlegungen vorher. Live verführt zum ‚Ach, da gehen wir mal hin und fragen mal’. Das kann katastrophal enden, wenn man keine Idee, kein Konzept, keine vorher verabredeten Gesprächspartner hat. Das ist echtes Handwerk, das man beherrschen muss. Die Möglichkeit moderner Live-Streaming-Technik ist noch lange nicht ausgereizt.“

Isa von Heyl: „Der Live-Stream braucht eine präzise Vorbereitung, damit nicht jemand zuschaltet, der gar nicht weiß, worum es geht. Der Ton und das Bild müssen stimmen, Es ist eine andere Art der Berichterstattung. Es ist kein Fernsehen. Das ist immer auch eine Wundertüte. Jeder Stream ist anders.“

Teja Adams: „Bewegtbild im Internet funktioniert komplett anders als das, was linear gesendet wird. So starke Nutzerkommunikation gab’s noch nicht. Live was zu senden und sofort Feedback von Nutzer zu bekommen, ist für die meisten Macher noch eine große Herausforderung.“

Der Stellenwert vom Community Engagement

Teja Adams: „Meine Erfahrung ist, dass bei Live-Streams eine positivere und angenehmere Diskussionskultur als sonst herrscht, in der man nicht so oft administrieren muss.“

Isa von Heyl: „Bei uns ist die Kommunikation sehr geteilt. Wir müssen schon ziemlich viel moderieren. Das Feedback ist gemischt.“

Die Erfolgskriterien für gutes Livestreaming

Isa von Heyl: „Ganz klar ist Reichweite und Interaktion die Währung. Man muss auf alle Fälle eine Geschichte erzählen können. Einfach mal so live rumlabern funktioniert nicht, es sei denn man ist extrem lustig und unterhaltsam. Aber jeder, der was zu erzählen und eine kreative Idee hat, soll es ausprobieren.“

Ralf Klassen: „Natürlich gucken wir auch auf Zahlen. Davon kann sich keiner frei machen. Aber die Qualität der Interaktion ist auch ein Maßstab. Nirgendwo sonst hat man so unmittelbar Reaktionen wie in so einem Live-Format. Das sollte für einen Journalisten eigentlich was Großartiges sein, dass so erleben und damit umgehen zu können. Da müssen sich einige dran gewöhnen. Aber das ist eine große Chance für den Journalismus allgemein.“

Gehen wir bald alle live?

Teja Adams: „Ich glaube, wir werden irgendwann ‚Facebook Live’-Stars haben. Für den Otto-Normal-Nutzer ist diese Möglichkeit wahrscheinlich eher nicht so attraktiv.“

Ralf Klassen: „Ich glaube, dass man jetzt schon sehen kann, welche Kraft dieses Live-sein in kleinen Gruppen wie im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis haben kann. In China gibt es mittlerweile hunderte von Webvideo-Stars. Meistens sind es junge Frauen, die jeden Tag zwei Stunden irgendwas live performen. Und die sind da Super-Stars. Da ist Live ein ganz, ganz großes Thema. Die Kraft des Dabeiseins – ob nun mit 40 Leuten oder mit 4 Millionen – ist so groß, dass sie im Privaten noch stark durchstrahlen wird. Noch viel mehr als jetzt.“

Die beste Zeit, um live zu gehen

Isa von Heyl: „Wir gucken in den Statistiken, wann die Leute online sind und wie hoch die Engaging Rate bei Facebook ist. Danach richten wir unsere Formate und so entwickeln wir weiter. Samstags ist zum Beispiel eine gute Zeit. Vielleicht werden wir unsere Dienstpläne ändern müssen. Journalisten müssen online sein, wenn die User online sind. Und nicht wenn wir denken, sie sollen online sein.“

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