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newTV: Jörg Meyer (Zattoo) über die Bewegung im Seriellen

Mit "House of Cards" und "Transparent" haben Netflix und Amazon sich erfolgreich im Serienmarkt etabliert und sind ein Beispiel für den Bewegtbildwandel. Mit Jörg Meyer von Zattoo haben wir über diese Entwicklungen gesprochen.

Es sind die Smalltalk-Thema der vergangenen Monate: Das Finale der fünften Staffel "Game of Thrones", die neusten Intrigen von Frank Underwood oder die Frage, wie man mit Mord eigentlich davonkommt. Serien haben sich in den vergangenen Jahren nicht nur zu viel diskutierten Erzählexperimente entwickelt, sondern sie sind auch im Zentrum des Bewegtbildwandels: Streamingdienste und Video on-demand verändern das Nutzerverhalten mit binge-viewing als Höhepunkt.

Mit Jörg Meyer, Chief Officer Content and Consumer bei Zattoo sowie Mitglied der newTV Focus Group, haben wir über die Entwicklungen im Bewegtbild gesprochen und auch erfahren, warum Zattoo aktuell nicht selbst Inhalte produziert.

Herr Meyer, wie verändern Streamingdienste und Video on-demand den Konsum von Bewegtbildinhalten?

Streamingdienste im Allgemeinen und Video on-demand im Speziellen verändern den Konsum von Bewegtbildinhalten insbesondere in zwei Dimensionen:
1) Wo Inhalte geschaut werden – zunehmend werden Video-Inhalte nicht nur auf dem großen TV-Schirm im Wohnzimmer, sondern auch auf mobilen Endgeräten wie Smartphones, Tablets und Laptops konsumiert.
2) Wann Inhalte geschaut werden – sowie man sich früher ein Video aus der Videothek ausgeliehen und dann die Zeit des Guckens frei bestimmt hat, so bestimmt man nun auch frei nach den persönlichen Vorlieben die Zeit, wann Inhalte gestreamt werden. Bei TV-Serien kommt hinzu, dass gerne alle Folgen einer Staffel in kürzester Zeit geschaut werden (sogenanntes „binge-viewing“) anstatt wie gewohnt sich von Woche zu Woche zur nächsten Folge seiner Lieblingsserie zu hangeln.
 
Mit Netflix und Amazon sind zwei große Player zu den klassischen TV-Sendern hinzugekommen, die Inhalte – vor allem Serien – auch produzieren. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Bewegtbildmarkt?

Für Produzenten von TV-Serien und Spielfilmen heißt dies wohl in erster Linie, dass da auf einmal neue, finanziell starke potentielle Kunden mit hohen Ansprüchen an Auftragsproduktionen in den Markt getreten sind. Für klassische TV-Sender heißt dies auf der einen Seite, dass es anstelle der Videotheken neue, vielleicht stärkere Konkurrenz beim Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Zuschauer gibt. Und auf der anderen Seite, dass es dort mögliche spannende neue Inhalte gibt, die man von den neuen Playern fürs klassische Fernsehen lizenzieren kann.

Inwiefern können Serien wie „House of Cards“ oder „Transparent“ für die Streamingdienste ein unternehmerischer Erfolg sein? Oder ist das Ziel solcher inhaltlicher Flaggschiffe eher eine allgemeine PR?

Das eine schließt das andere aus meiner Sicht ja nicht aus. Netflix hat nach einschlägigen Medienberichten rund USD 100 Mio in die Produktion der Serie „House of Cards“ investiert. Einen nicht unerheblichen Teil der Produktionskosten dürfte Netflix über die Lizenzierung der Serie an Dritt-Plattformen, wie zum Beispiel dem PayTV-Anbieter Sky in Deutschland, finanziert haben. Die restlichen Produktionskosten müssen dann durch zusätzlich verkaufte Abo-Monate eingespielt werden. Ob man dies bei Netflix als Ersatz für Marketingausgaben ansieht oder nicht vermag ich nicht einzuschätzen.
Solange die Summe der Einnahmen aus der Lizenzierung an Dritte und die zusätzlich verkauften Abo-Monate über den Produktionskosten der Serien liegen, stellen diese einen nachhaltigen unternehmerischen Erfolg dar. Ob dies von den Streaming-Anbietern über einen längeren Zeitraum so umgesetzt werden kann, wird die Zukunft zeigen. Grundsätzlich halte ich dies für möglich und ich gehe davon aus, dass solcher „original content“ bei den Anbietern ein wichtiger Baustein der übergeordneten Content-Strategie sein wird.

Die meisten als „Quality TV“ bezeichneten Serien stammen aus den USA. Wie ist Ihre Einschätzungen: Wird es in Zukunft auch im deutschsprachigen Raum vermehrt anspruchsvolle TV- und Webserien geben?

Meine Wahrnehmung ist, dass wir auch in Deutschland in den letzten Jahren immer wieder qualitativ hochwertige TV-Produktionen hatten, die international Beachtung gefunden und Preise eingesammelt haben. Hierzu gehören sicher der Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ und ganz aktuell die noch nicht in Deutschland aber bereits in den USA ausgestrahlte Serie „Deutschland 83“. Da werden sich in den nächsten Monaten und Jahren sicher noch viele deutsche TV-Serien einreihen.

Wäre es denn für Zattoo auch eine Option, selbst Inhalte – etwa Serien – zu erstellen, um das allgemeine Angebot anzureichern?

Aktuell ist das keine Option. Die Produktion qualitativ hochwertiger Serien benötigt nicht nur viel Know-how sondern auch Zeit und finanzielle Ressourcen inklusive des Bewusstseins, dass man wahrscheinlich mehrere Formate produzieren muss, um einen Hit zu landen. Gerne stehen wir mit Zattoo als Distributionsplattform für professionelle Inhalte zur Verfügung. Die Produktion überlassen wir aber bis auf weiteres anderen.

Bleiben Serien wie „Game of Thrones“ oder „Scandal“ noch längerfristig ein großes Thema für den Bewegtbildsektor oder haben wir es hier gegenwärtig mit einem Hype zu tun?

Es mag sich aktuell wie ein Hype anfühlen – aber dieser wird uns die nächsten Jahre sicher begleiten.
 

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