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Produktreiferei: Der Härtetest für Startup-Produkte

Jenny Gabel ist User Experience Consultant bei der Produktreiferei. Hier können Startups ein kostenfreies UX-Testing für ihr Produkt erhalten. Jenny erzählt uns im Interview, was hinter dem Angebot steckt.

Wer ein Produkt auf den Markt bringt, macht sich im Vorfeld natürlich Gedanken: Wie soll es aussehen, welche Zielgruppe möchte ich damit ansprechen, was brauchen potentielle Nutzer und wie kann ich damit Geld verdienen? Doch Theorie und Praxis sind nun einmal zwei Dinge. Damit aber der Markteintritt nicht ganz so hart ausfällt, empfiehlt es sich, das Produkt mit Nutzern zu testen. Dafür gibt es in Hamburg die Produktreiferei, ein Angebot der eparo GmbH. Hier können Startups ein kostenfreies UX-Testing für ihr Produkt erhalten, das nächste Mal Anfang 2017. Jenny Gabel ist User Experience Consultant und betreut das Projekt – und erzählt in unserem Interview, was hinter dem Angebot steckt.

Jenny, mit der Produktreiferei bietet ihr „Free UX-Testings für Startups“ an. Ist UX denn ein Thema, das Startups nicht per se schon gut können?
Eigentlich sollte bei Startups das Bewusstsein dafür da sein, wie wichtig gute UX für ein erfolgreiches Produkt ist. Es steht ja überall, dass man Nutzer fragen und in den Entwicklungsprozess einbeziehen muss. Zu Beginn sind Startups meist noch sehr nah an den Nutzern dran und nutzen auch Social Media, um mit der Community zu kommunizieren und sich Feedback zu holen. Allerdings haben die meisten Startups nicht die nötigen Ressourcen (Technik, Man-Power und Know-how), um spezielle Fragestellungen genauer zu betrachten und Konzepte oder bestimmte Features mit Nutzern zu validieren. Wir wollen daher den Startups den Blick durch die Nutzerbrille ermöglichen und zeigen, dass man auch mit einfachen Mitteln extrem schnell sehr gute Insights erhalten kann. Wir schauen uns das Produkt im UX-Test mit Eyetracking direkt aus der Sicht der Nutzer an und können live miterleben, an welchen Stellen sie Probleme haben. Dabei ist es auch immer interessant zu beobachten, wo die Nutzer nie hinschauen und was sie komplett übersehen.

Die Produktreiferei gehört ja zu eparo und normalerweise verdient ihr mit euren Dienstleistungen Geld. Ist die Produktreiferei also vor allem Neukundenakquise?
Ich bin mit dabei, weil ich Bock darauf habe, spannende neue Produkte zu testen (lacht). Aber eparo bietet die Produktreiferei natürlich nicht nur zum Spaß an. Es ist zwar schön, Startups zu unterstützen, aber es lohnt sich auch für uns. Wir erhalten eine Menge Sichtbarkeit mit der Produktreiferei. Sowohl über die Startups, die super als Multiplikatoren dienen und ihre Tests bei uns selber kommunizieren, als auch über die (digitalen) Medien. Außerdem können wir zeigen, wie wir bei eparo testen und erhalten Content, über den wir auf unseren Social Media Kanälen berichten können. Wir können weitere Teilnehmer als Zuschauer einladen und steigern damit unsere Bekanntheit und bringen Leute in unsere Labs und Workshopräume. So entstehen interessante, neue Kontakte, aus denen in der Zukunft bestimmt auch das eine oder andere Projekt werden kann. Mit diesen Vorteilen sind wir schon komplett zufrieden. Die Neukundenakquise der Startups, die zu uns kommen, ist daher überhaupt nicht wichtig.

Und wie lohnt es sich für die Startups?
Aus dem Feedback der Startups wissen wir, dass die Produktreiferei sich auch für sie sehr lohnt. Das Startup bekommt einen UX-Test geschenkt und wertvolle User Insights und Lösungsansätze zum Mitnehmen. Da wir außerdem die Produktreiferei aktiv kommunizieren, bekommt das Startup gute zusätzliche PR. Zudem erhöht sich über die Gäste auch für die Startups die Sichtbarkeit. Auf die Produktreiferei trifft also das abgedroschene „Win-Win-Situation“ tatsächlich zu (lacht).

Lass uns nochmal über die Produktreiferei sprechen: Wie genau läuft so ein
Test mit einem Startup ab?

Bevor es ans Testen geht, setzen wir uns erstmal mit dem Startup zusammen, um das Produkt und die Köpfe, die dahinter stehen, kennenzulernen. Daraufhin bereite ich dann alles für den Test vor und unsere Rekrutierungsabteilung liefert drei passende Probanden. ,Zur Beobachtung der Tests wird nicht nur das Startup, sondern auch andere Interessierte, über ein Meetup eingeladen. Der Test ist eine Mini-Version unseres UX-Testing Formats und sieht so aus: Drei Probanden werden je 30 Minuten lang mit Eyetracking bei uns im UX-Labor befragt. Die Beobachtung des Tests findet über einen Livestream in unsern Workshopräumen mit bis zu 20 Gästen statt. Anschließend gibt es eine, gemeinsame Auswertung.

Gibt es denn Startup-Branchen, für die euer Angebot besonders sinnvoll ist?
Die Produktreiferei ist für alle geeignet, die ein erfolgreiches Produkt entwickeln möchten, das die Bedürfnisse der Nutzer trifft. Je weiter das Produkt von der eigenen Lebenssituation entfernt ist, desto wichtiger wird das frühe Nutzer-Feedback. Wir können auch alles testen, egal ob es eine Website, eine App oder ein Offline-Produkt ist. Bei der ersten Produktreiferei haben wir sowohl Website als auch das Produkt- Packaging getestet. Und wir haben auch schon mal ein Fahrrad ins Labor gestellt. Sich über Usability und UX Gedanken zu machen, die Nutzer einzubeziehen, Konzepte und Features zu validieren – das sind für mich entscheidende Dinge bei der Entwicklung von neuen, guten Produkten, unabhängig von der Branche.

Letzte Frage: Was war das ausgefallenste Projekt mit dem du dich bisher
befasst hast?

Puh, gute Frage...das abenteuerlichste Projekt bisher war auf jeden Fall ein UX-Test mit Landwirten, die auf ihren Treckern vorbei kamen. Ich habe die Interviews geführt und mein Kollege hat die Tests zusammen mit den Kunden in einem anderen Raum beobachtet. Wir waren aber mitten in einem kleinen Dorf und hatten keinen Internetzugang. Selbst mobiles Datennetz war nicht verfügbar. Also hab ich mit unserem mobilen UX-Lab ein Offline-Test-Setup gebaut und mein Kollege hat sich durch die örtliche Vegetation gekämpft, um Interview- und Beobachtungsraum durch die Fenster mit einem 20 Meter langen LAN-Kabel zu verbinden. Das war schon echt crazy (lacht).

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