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Statt Algorithmen: Snapchat setzt auf den Faktor Mensch

Snapchat gilt als großes Versprechen in der Kommunikation: Knapp 150 Millionen (vornehmlich) junge Nutzer und hohe Werbeumsätze zu Megaevents wie dem SuperBowl. Zudem kopieren etablierte Plattformen wie Twitter und Instagram bereits Funktionen des Dienstes aus Los Angeles. Ist also der Einfluss von Snapchat auf die digitale Kommunikation doch größer als angenommen? Wir schauen einmal genauer hin.

 

Foto: Christoph Steinbauer

2016 wurde deutlich, dass die Plattform im stärkeren Maße als die Konkurrenz auf den menschlichen Faktor setzt. Während noch vor rund 12 Monaten vor allem die User gefordert waren, die Live Stories zu befüllen (so konnten sich über den Explore-Button Highlights eines Footballspiels aus verschiedenen Perspektiven angesehen werden), setzt Snapchat nun vermehrt auf die Hilfe von Redakteuren. Zu Ereignissen wie dem Martin Luther King Jr. Day im Januar oder dem letzten NBA-Spiel von Kobe Bryant wurden beispielsweise Snaps mit Fakten und Grafiken vorbereitet. 

Im Kurzinterview mit Sven Wiesner, Geschäftsführer von Havas beebop, die in ihrem Basement in Hamburg jungen Snapchat-Nutzern Raum zum Experimentieren geben, sprachen wir über die wichtigsten Entwicklungen der Plattform in den vergangenen Monaten:  

Snapchat gilt immer noch als die Plattform für Heranwachsende und Teenies und kommt mit knapp 150 Mio Usern nur auf ein Zehntel der Facebook-Nutzerschaft. Dennoch kopieren etablierte Netzwerke wie Twitter und Instagram bereits Funktionen. Welchen neuen Ansatz hat Snapchat in die Kommunikation gebracht?

Sven Wiesner: Definitiv, dass es völlig ok ist, unperfekt zu sein! Snapchat lebt über verwackelte Aufnahmen mit miesem Ton, tonnenweise kitschigen Emojis und Kinderkritzeleien. Die Postings verschwinden nach 24 Stunden, kein Stream, keine Füße-am-Karibikstrand-Fotos vom letzten Sommerurlaub. Damit war Snapchat das erste Social Network, das den Usern komplett den Druck genommen hat, sich eine aufpolierte Social Media-Reputation aufzubauen. Dieser Trend setzt sich durch. Selbst der Poser Channel Nr.1, Instagram, haut jetzt mit seinen Stories in die gleiche Kerbe.

Während Google Glass schnell als Nerd-Spielzeug und die Nutzer später gar als "Glassholes" diffamiert wurden, passierte das bei den Snapchat Spectacles bislang noch nicht. Woran liegt das?

Sven Wiesner: Weil sie Dich anschreien: SEHT HER ICH HABE DIE NEUE SNAPCHAT BRILLE AUF! Signalfarben und poppiger Rahmen statt Geordi La Forge-Gedenkgestell. Die Google Glasses waren einfach zu gewollt auf Future getrimmt. Hier stand die Technik im Vordergrund statt der Lifestyle. Dazu kommt, dass es auch einfach hipper ist, eine Brille von Snapchat zu tragen, als das Datenkraken-Kassengestell von Google.

Während Facebook und Twitter mit Fake News zu kämpfen haben, gibt es dieses Phänomen auf Snapchat bislang nicht. Warum?

Sven Wiesner: Weil Snapchat bislang ein in Watte gepackter Ort ist. Hier interessiert die Nutzer der neue Kosmetik-Shopping-Haul einfach mehr, als die Nachrichten aus der Restwelt. Ist ja auch voll depri, ey. Auf Snapchat folgst du Personen, der Content setzt sich größtenteils aus belanglosen Alltagssituationen zusammen. Die größte Katastrophe dürfte hier der abgebrochene Fingernagel der Fashionbloggerin sein. Das ist aber auch völlig ok, schließlich hat jeder mal Lust auf eine Pause vom Alltag - und schaltet auf RTL2, statt sich die Tagesschau anzutun.

Anders als Google und Co. setzt Snapchat bei der Zusammenstellung von News nicht auf Algorithmen, sondern auf die User und echte News-Journalisten. Erleben wir in der Mensch-Maschine-Interaktion gerade eine Kehrtwendung?

Sven Wiesner: Ja und nein. Zum einen werden ChatBots immer schlauer, und auch der Kunde schreibt lieber mit einem schlauen Algorithmus, der ihn in Sekunden mit den richtigen Informationen versorgt, statt Ewigkeiten in der Warteschleife der Telefonhotline auf einen menschlichen Ansprechpartner zu warten. Andererseits gibt es immer mehr Bereiche, in denen Einzelpersonen stark im Vordergrund stehen. Der ungebrochene Boom der Influencer zeigt das. Wir werden erleben, wie Maschinen uns zunehmend die alltägliche Informationsbeschaffung abnehmen werden: Pizza bestellen, nachfragen, warum mein Telefonanschluß nicht geht, checken wie das Wetter morgen wird. Hingegen werden Persönlichkeiten für die Orientierung durch Kultur und Lifestyle immer entscheidender. Die gute Nachricht ist: Die Zukunft wird einfacher durch Technik. Die schlechte: Es bleibt kompliziert.

Snapchat, Social Media, Chatbots, Twitter, Instagram, Google