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Wie Frauen die IT-Welt erobern wollen

Ein bis heute gängiges Klischee in der digitalen Arbeitswelt lautet: „Programmieren? Das ist doch Männersache!“ Mit diesem Vorurteil wollen Anja Schumann und die Women Techmakers aufräumen. Sie haben sich Chancengleichheit von Männern und Frauen auf die Fahnen geschrieben. Ihr Programm bietet Sichtbarkeit, Community und Ressourcen für Frauen in der Technologie.

Foto: Lilya Polak

Wieso, weshalb und warum: Darüber haben wir mit Anja Schumann gesprochen, der Vorstandsvorsitzenden von Moinworld e.V., der hinter den Women Techmakers steckt.

Worum genau geht es bei Women Techmakers Hamburg?

Anja Schumann: Wir wollen die IT-Welt positiv verändern, in dem wir mehr Frauen und Mädchen für das Programmieren begeistern und sie in Ihrem Werdegang unterstützen. Unsere Zukunft ist digital und Frauen und Männer sollten diese Zukunft gemeinsam gestalten können. Software verändert alle Bereiche, egal welchen man sich anschaut: Landwirtschaft, Automobilindustrie, Handel. Es wäre ein großer Vorteil, wenn ein größerer Teil der Bevölkerung diesen Code lesen und schreiben kann. Nicht nur, weil wir damit das Fachkräfteproblem lösen, sondern auch, weil wir alle wissen, dass diverse Teams bessere Ergebnisse hervorbringen.
Daneben ist es auch ein Gerechtigkeitsthema. Frauen und Mädchen sollten in der Welt, in der ich leben möchte, die gleichen Zukunftschancen haben, wie der männliche Teil der Bevölkerung.
Mit Women Techmakers zeigen wir, dass Programmieren Spaß macht und der Beruf gerade für Frauen attraktiv ist. Selbst wenn man keine Karriere in diesem Bereich einschlägt, lernt man Probleme herunter zu brechen und lösbar zu machen. Wo sonst kann man eine Idee haben, sie dann umsetzen und kurze Zeit später der ganzen Welt zeigen?

 Wie wollt ihr eure Ziele erreichen?

Anja Schumann: Wir wollen unser Ziel, 50% weibliche Software-Entwickler in der Zukunft zu haben, durch drei Bausteine erreichen: Mit Programmierkursen, die Spaß machen. Mit dem Sammeln von Projekterfahrung zusammen mit Mentoren. Und mit Meetups.
Bei den Meetups kann man Kontakte zu der lokalen Entwicklerszene knüpfen, schauen, ob einem Programmieren Spaß macht und uns kennen lernen. Damit haben wir auch dieses Jahr begonnen und dazu die Diversity Marke von Google Women Techmakers genutzt. Die nächsten beiden Bausteine kommen ab dem nächsten Jahr dazu.
Um die entsprechende Organisation dahinter aufbauen zu können, haben wir einen gemeinnützigen Verein gegründet, der sich ‚moinworld e.V.“ nennt. Der Name moinworld ist dabei eine Anspielung auf “Hello World”, das erste Wort, was jedes Programm als erstes spricht.

Worin seht ihr die größten Hürden, die es zu überwinden gilt?

Anja Schumann: Ich würde sagen zwei Themen. Einmal das Thema Unconscious Bias und zum zweiten das Fehlen weiblicher Vorbilder.
Das Thema Unconscious Bias wird in Deutschland, wenn man nicht gerade für Firmen wie McKinsey oder Google arbeitet, noch viel zu wenig thematisiert. Es stammt aus dem Bereich der Gehirnforschung und erklärt die unbewussten Denkfehler, denen Menschen unterliegen. Diese Denkfehler beeinflussen uns negativ zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts, wenn es um Entscheidungen im beruflichen Umfeld geht. Durch den unconscious bias kann man zum Teil erklären, warum gebildete, gutmeinende Menschen hauptsächlich junge Männer einstellen. Man kann auch erklären, warum Frauen ihre eigenen Fähigkeiten unterschätzen oder im Arbeitsumfeld die Zusammenarbeit mit Männern bevorzugen.
Solange man sich seiner Denkfehler nicht bewusst ist, kann man auch nicht dagegen steuern. Ich empfehle den Implicit Association Test der Harvard Universität zu machen oder zu unserem Kick Off im Januar zu kommen, wo wir auch einen Vortrag hierzu haben werden.
Das zweite Thema wäre das Fehlen weiblicher Vorbilder. Mädchen schauen meistens auf die weiblichen Erwachsenen in ihrem Umfeld, wenn sie nach Vorbildern suchen und ihre eigene Zukunft projizieren. Die klassische familiäre Rollenteilung hilft uns hier nicht besonders, um Mädchen Vorbilder zu geben.

Inwieweit ist Google in eure Prozesse involviert?

Anja Schumann: Mir hat es sehr geholfen, Googles Diversity Brand und Googles Unterstützung in Anspruch nehmen zu können, um mein Vorhaben aufzubauen.
Google hat als Unternehmen auch noch nicht sein Diversity-Ziel erreicht und unterstützt daher Initiativen, die Frauen und Technik zusammen bringen. Jede der Women Techmakers Gruppen auf der Welt macht unterschiedliche Dinge und ist unterschiedlich aktiv.
Da wir so aktiv sind und tatsächlich Veränderung bewirken wollen, brauchen wir neben Google auch noch weitere Partner, die das ganze Vorhaben unterstützen.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Digital Media Women oder den Hamburg Geekettes?

Anja Schumann: Ich denke wir sind alle wichtig, weil wir das Thema Sisterhood voranbringen. Gemeinsam kann man einfach mehr bewegen und sich gegenseitig unterstützen und voranbringen.
Wir alle haben unterschiedliche Schwerpunkte. Bei uns bei moinworld sollen die Teilnehmerinnen selber mit der Technik experimentieren und etwas konstruieren. Wir unterstützen sie dabei. Wir haben zwar auch Vorträge und Networking Events, aber wir sind meistens mehr hands-on. Letztendlich kann man auch super netzwerken, wenn man zusammen etwas Neues schafft.

Women Techmakers ist ja auf der ganzen Welt vertreten. Was macht Hamburg als Standort so besonders?

Anja Schumann: Ich denke, dass man es als englischsprachiges Meetup in Hamburg vielleicht leichter hat als in München oder Berlin, wo einfach das Angebot größer ist. In Hamburg gibt es viele Unternehmen, die dringend gute Entwickler suchen. Es gibt noch nicht so viele Initiativen, die sich mit der Lösung dieses Problems beschäftigen.

Wie bist du zu Women Techmakers gekommen?

Anja Schumann: Ich habe aus Tel Aviv die Idee mitgebracht, ein „hands on coding classes Meetup“ mit der Zielgruppe Frauen zu organisieren. Mich interessiert das Thema persönlich und in den meisten anderen Tech Meetups fühlte ich mich – als eine der wenigen Frauen – nicht besonders wohl. Durch Zufall habe ich dann in Berlin Women Techmakers kennengelernt und so kam dann der Kontakt zu Google und ich habe mich entschieden mein Meetup unter dem Namen Women Technikers zu starten und Teil der Google Developer Group zu werden.

Was waren für dich besondere Erlebnisse, die dir gezeigt haben, dass Du mit Women Techmakers auf dem richtigen Weg bist?

Anja Schumann: Eine unserer Teilnehmerinnen hat einmal gesagt, sie wäre die einzige weibliche Entwicklerin in ihrem Unternehmen und so fühle sie sich auch jeden Tag, wenn sie nach Hause geht. Dadurch, dass es uns gibt, hat sie plötzlich eine Community an Gleichgesinnten und ist ein Role Model für andere, die diese Karriere gerade anfangen. Das gibt automatisch ein besseres Gefühl und man bekommt plötzlich ein persönliches Feedback was sehr bestärkend ist.
Daneben ist es, denke ich, generell ein gutes Zeichen, wenn die Community immer wiederkommt und die no-show rate relativ niedrig ist. Wir haben auch sehr viele männliche Entwickler, die unsere Initiative super finden, weil es sie auch stört, immer als „Men Techmakers“ organisiert zu sein. Sie möchten diese Situation ebenfalls verändern.

Wie und mit welchem Anliegen kann man euch am besten kontaktieren?

Anja Schumann: Mädchen und Frauen, die Programmieren lernen wollen, können gerne auf uns zukommen. Wir haben ein Kick Off am 25. Januar, zu dem ich gerne einladen möchte. Dort bekommt ihr dann weitere Infos und könnt uns kennen lernen. Spätestens ab dem 1. Januar sollte auch die Anmeldung über unsere neue Webseite www.moinworld.de möglich sein. Ansonsten sind wir auf der Suche nach weiteren Sponsoren, um unseren gerade gegründeten gemeinnützigen Verein und die Organisation dahinter zu finanzieren. Kontakt gerne über womentechmakershamburg(at)gmail(dot)com.

IT, Software, Chancengleichheit