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Hyperlocal Heroes - Eine neue Generation von vernetzten Journalisten erfindet die Berichterstattung neu


Wer sonntags über den Flohmarkt des Else-Rauch-Platzes in Eimsbüttel schlendert, kann dort nicht nur Schnäppchenjäger beobachten, sondern auch Journalisten bei der Arbeit. Regelmäßig bauen zum Beispiel Jan Hildebrandt und Ada von der Decken und viele weitere Journalisten, die für die lokale Internet-Nachrichtenseite Eimsbütteler Nachrichten arbeiten, dort gemeinsam einen Stand auf. Anders als die meisten Standbetreiber haben sie allerdings nicht das Ziel, mit dem Verkauf von Trödel Geld einzunehmen. Die Eimsbütteler Nachrichten sind ein Medien-Projekt, bei dem die Nähe zum Stadtteil einfach zum Konzept gehört. „Der Stand ist eine tolle Möglichkeit für Leute aus dem Stadtteil, direkt mit uns ins Gespräch zu kommen“, sagt Ada von der Decken, die bei dem Projekt als Chefredakteurin fungiert und mit Jan Hildebrandt die Nachrichtenwebseite gegründet hat. „Dadurch erfahren wir, was die Leser für Erwartungen haben und haben schon häufig Tipps für tolle Themen bekommen.“
 
Seit März 2013 berichtet die Redaktion, was in dem 254.000 Einwohner großen Stadtgebiet mit passiert. „Im Bezirk ist viel los, was aber viele die sich dafür interessieren nicht mitbekommen, weil in den Zeitungen und Regionalsendern relativ wenig darüber berichtet wird“, sagt Jan Hildebrandt. Genau diese Nische besetzen zunehmend Medien wie die Eimsbütteler Nachrichten, um die er sich als Geschäftsführer kümmert.

Hyperlokaler Journalismus nennt sich diese Variante des Lokaljournalismus, um die sich eine neue Generation junger Journalistinnen und Journalisten kümmert. In Hamburg sind es Nachrichtenseiten wie Wilhelmsburg Online oder HH-Mittendrin. Sie greifen in akribischer Arbeit lokalpolitische Themen wie die Inhalte von Bezirksversammlungen, oder die Arbeit von Anwohnerinitiativen auf, berichten über Veranstaltungen und Sportvereine im Stadtteil, die im Schatten der Proficlubs stehen, oder sie dokumentieren die Diskussionen über lokale Bauvorhaben. Es sind Themen, die  seltener von den regionalen Tageszeitungen und Radio- oder Fernsehmagazinen aufgegriffen werden, aber trotzdem etliche Menschen interessieren.

Die Idee, hyperlokale Informationsseiten im Netz als Alternativen bzw. Ergänzung zu den klassischen Medien aufzubauen, kommt aus den Vereinigen Staaten. In Deutschland startete 2009 der Lokaljournalist Hardy Prothmann das Heddesheim-Blog, eine Informations-Website für seinen 11.500 Einwohner zählenden Wohnort Heddesheim im Norden Baden-Württembergs. Die Seite wurde zum Vorbild für Projekte wie die Leipziger Internet Zeitung, die Prenzlauer Berg Nachrichten in Berlin oder das Hyperlokal-Blog „Meine Südstadt“ in Köln. „Diese Beispiele haben uns darin bestärkt, dass so ein Medium auch in Hamburg funktionieren kann“, bestätigt Ada von der Decken.  
 
Aber sind die hyperlokalen Nachrichtenseiten eine Konkurrenz für die Verlage? Taugen sie überhaupt als seriöse Informationsquelle? Benno Stieber, Vorsitzender des Journalistenverbands Freischreiber, beantwortet beide Fragen mit Ja. „In manchen Gegenden haben Portale wie das Heddesheim-Blog oder die Tegernseer Stimme inzwischen den etablierten Lokalausgaben Konkurrenz gebracht und in anderen Gegenden sogar die journalistische Grundversorgung übernommen“, sagt er. „Sie sind manchmal meinungsfreudig, oft polemisch und gelegentlich sogar investigativ. Diese Stimmen finden selten die hunderttausendfache Verbreitung etablierter Medien, aber das Konzert ist vor Ort durch sie vielstimmiger geworden.“

Vielstimmiger ist auch das Hamburger Abendblatt durch den Impuls, hyperlokal zu berichten, geworden. Ein Jahr lang ergänzten Berichte von Bürgerreportern aus sieben Quartieren auf dem hyperlokalen Portal „Mein Quartier“ die Stadtberichterstattung und fanden dabei eine Million Leser. Anfang 2012 wurde die Quartierberichterstattung nach diesem Experiment in die Hamburg-Berichterstattung auf der Webseite der Tageszeitung integriert.

Auch Isabella David und Dominik Brück haben sich von der Idee anstecken lassen, mit Hilfe der Netzes und ganz viel Enthusiasmus ihr eigenes, hyperlokales Medienprojekt zu starten. „Vor allem beim Thema Bezirkspolitik merkten wir, dass der Hamburger Osten in der Mainstream Presse kaum abgebildet wird“, so Isabella David. Der Fokus von HH-Mittendrin liegt dementsprechend nicht nur auf dem Stadtteil Mitte, sondern auch im Hamburger Osten, in Hamm und Billstedt etwa.

„Wir wollen die Medien bereichern und Anstöße geben, dass man lokale Berichterstattung auch einfach anders machen kann, nicht so verstaubt zum Beispiel“, sagt Isabella David. Wie die hyperlokalen Journalistinnen und Journalisten bei den Eimsbütteler Nachrichten oder HH-Mittendrin spielt dabei auch die Nutzung sozialer Medien eine zentrale Rolle. Durch Leserrückmeldungen entstehen neue Artikel oder ganze Rubriken wie die Rubrik 4teens bei den Eimsbütteler Nachrichten, die nach Kommentaren einer 8. Schulklasse ins Leben gerufen wurde. Und nicht nur Infos über neue Artikel werden über Twitter und Facebook geteilt, sondern auch Hinweise auf Aufenthaltsorte oder die eigene Laune. Auch eine Ansage wie „Wir sind raus“, wenn die Berichterstatter nach Hause gehen, nachdem eine Demonstration beendet ist, wird gepostet.

Die sozialen Medien sind ein ideales Werkzeug für die kleinen Lokalnachrichtenanbieter, um Reichweite zu erzeugen. „Ohne Twitter wären wir nichts, darüber bekommen wir die meisten Leser“, sagt etwa Isabella David, Chefredakteurin von HH-Mittendrin. „Wir werden gelesen, weil wir geteilt werden.“ Gleichzeitig sind Facebook und Co. ideal, um auch jenseits von Flohmarktständen nah am Leser zu sein. So entwickeln die hyperlokalen Anbieter bewusst neue Dialogkanäle wie beispielsweise die App „Call a Journalist“. Wer etwas Interessantes sieht, kann über sie einen HH-Mittendrin-Berichterstatter anfordern. „Wir wollen ansprechbar sein. Der Schreibtischjournalismus, wie es in großen Verlagen praktiziert wird, ist bei uns verschrien“, sagt Isabella David. „Man muss rausgehen, auch wenn es mal nass und kalt ist.“

Übrigens wird in Hamburg inzwischen auch daran gearbeitet, dass man in Zukunft hyperlokale Berichte nicht nur lesen, sondern auch hören kann. Dazu haben Paul Bekedorf, Christoph Tank und Hannes Wirtz die Smartphone-App „audioguide.me“ entwickelt – die ermöglicht es, ortsbezogen Audio-Inhalte abzurufen. Jeder iPhone-Nutzer kann so seine Umgebung auch mit Hilfe von Audioreportagen kennenlernen. Geliefert werden sie unter anderem von Hyperlokaljournalisten wie etwa HH-Mittendrin und den Eimsbütteler Nachrichten. „Auch User können eigene Beiträge direkt über das Handy aufnehmen und sich so in die Berichterstattung einbringen“, erklärt Paul Bekedorf. „Das kann die Stimme eines Anwohners zu einem beliebigen Thema sein, oder auch atmosphärische Aufnahmen z.B. von einer Demonstration, die als akustischer Eindruck Fotos und Texte ergänzt.“

Die Frage ist, ob und wie sich diese Medienangebote finanzieren können. Die Eimsbütteler Nachrichten zum Beispiel haben bereits Anzeigenkunden, die meisten Mitstreiter arbeiten aber vor allem als ehrenamtliche Berichterstatter. Gesucht werden noch weiteren Anzeigenpartner für die Finanzierung, vor allem solche, die sich langfristig engagieren wollen. Eine Kooperation mit der taz finanziert einen Teil der Arbeit des HH-Mittendrin-Teams. Leserspenden nach dem Crowdfunding-Prinzip und die Akquise von Werbekunden sollen 2014 dafür sorgen, dass das Projekt finanziell solide aufgestellt ist. „Bisher arbeiten die 18 Mitarbeiter für ein überschaubares Freienhonorar“, sagt Isabella David. „Unser Anspruch ist aber, dass zumindest in einem ersten Schritt die Ressortleiter von ihrer Arbeit leben können.“