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Das Kaminfeuer-Fernsehen brennt nicht mehr

Richard Gutjahr im Interview zum Wandel der Fernsehbranche

Die Kondolenzschreiben zum Ende der einst größten deutschen TV-Show liegen längst begraben im medialen Blätterwald. Zeit zu fragen, was die Bewegtbildbranche wirklich bewegt? Am 13. Dezember läuft das letzte Mal „Wetten, dass..?“ Danach ist die Show, die sich so gern mit Hollywoods Stars dekorierte und sein Publikum mit manchen Absurditäten amüsierte, Fernsehgeschichte.  Doch weder Markus Lanz noch die ewig gleichen Bagger-Balancier-Wetten tragen die Hauptschuld. Schuld ist vielmehr ein tiefgreifender Wandel des Medien und TV-Konsums im digitalen Zeitalter.

Im Interview mit nextMedia.Hamburg erklärt Journalist und TV-Experte Richard Gutjahr warum Fernsehquoten nichts taugen, wie der „Second Screen“ zum „First Screen“ wird und inwiefern der Tod einer Fernsehshow der TV-Landschaft neues Leben einhauchen kann.

"Die Zeiten des klassischen Kaminfeuer-Fernsehens sind einfach vorbei."

nextMedia.Hamburg: Herr Gutjahr, „Wetten, dass..?“ ist nun Geschichte. Woran ist die Sendung gestorben?

Richard Gutjahr:  Die Zeiten des klassischen Kaminfeuer-Fernsehens sind einfach vorbei. Selbst große Showereignisse wie der Eurovision Songcontest oder bedeutende Preisverleihungen werden nicht mehr generationenübergreifend von der ganzen Familie im Wohnzimmer verfolgt. Stattdessen erleben wir heute eine zunehmende Eventisierung, die eine hochgradig aktive Form der Teilnahme der Zuschauer mit sich bringt. Man geht auf die Straße und macht Public Viewing, so wie zuletzt wieder bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Das Fernsehen bietet dabei aber nur die Vorlage, erst die Zuschauer selbst machen das TV-Event zu einem gesellschaftlichen Happening. Auf der anderen Seite wird Fernsehen aber natürlich auch weiterhin im privaten Raum gesehen, insbesondere in Form von Serien, die sehr aufmerksam und individuell verfolgt werden. „Wetten, dass..?“ steht in der Mitte dieser beiden Extreme und wurde zwischen ihnen zerrieben. Die Sendung hat viel versucht, aber keine dieser beiden Sehgewohnheiten richtig bedient.

Die TV-Rezeption hat sich in den letzten Jahren stark verändert: Mittlerweile gehören „Second and Third Screens“ genauso zum Fernsehabend, wie die Packung Chips. Wie nutzt man dieses Potenzial für eine erfolgreiche Sendung?

Noch nutzt ja nur eine kleine Minderheit den Second Screen. Aber sie tun das auf eine Art und Weise, die das klassische Fernsehen vor eine gewaltige Aufgabe stellt. In vielen Haushalten ist der Second nämlich in Wahrheit schon zum First Screen geworden. Leute, die mit einem Laptop, Tablet oder Smartphone vor dem Fernseher sitzen, widmen ihre Hauptaufmerksamkeit eher dem zweiten Bildschirm. Der große Screen dient nur noch als Hintergrundkulisse, der man hin und wieder Beachtung schenkt, wenn grade etwas Spannendes passiert. Stattdessen schreiben sie Facebook-Kommentare, checken E-Mails und verfolgen Twitter– diese Situation stellt eine enorme Herausforderung vor allem auch für Werbetreibende dar, die in den klassischen Werbeblöcken die Zuschauer schon längst verloren haben.

"Social-TV ist ein Buzzword, an das sich in wenigen Jahren kein Mensch mehr erinnern wird."

Ist also die Idee eines interaktiven TV-Formats – ich denke dabei auch an Ihr eigenes Experiment mit der „Rundshow“ im Bayerischen Fernsehen– gar nicht praktikabel, weil der digitale Marktplatz gar nicht im Primärmedium Fernsehen stattfindet?

Richtig. Ich glaube, dass Social-TV keines eigenen Formates bedarf. Es sollte stattdessen wie selbstverständlich in Live-Shows mit eingewoben werden. Ohne große Showtreppe, ohne blonde Twitter-Tussi, die ein paar abgezählte Tweets vorlesen darf. Social-TV ist ein Buzzword, an das sich in wenigen Jahren kein Mensch mehr erinnern wird. Alles was live ist – und beim Live-Broadcast steht dem klassischen Fernsehen noch eine große Zukunft bevor – wird Social Media- und TV Elemente ganz natürlich integriert haben.

Kann man bei so viel Multimedia und Multitasking dem Fernsehen überhaupt noch folgen?

Auch da ist „Wetten, dass..?“ ein gutes Beispiel, wie es nicht funktioniert. Man hat schon da das Phänomen des Overkills an Informationen beobachten können. Mit der unter großem Aufwand gestarteten Social-TV-Applikation von „Wetten, dass..?“ im Web meinte man, dem Zuschauer parallel zur Sendung und passend zum Live-Geschehen im Saal auf dem Second Screen auch noch Hintergrund-Footage liefern zu müssen. Das Problem mit Videocontent ist: Es ist unmöglich, sich  gleichzeitig auf zwei Videos zu konzentrieren – nicht einmal wenn der Sender-Werbeslogan „Mit dem Zweiten sieht man besser“, lautet. "Mehr" bedeutet beim Fernsehen nicht immer auch besser.

Ereilt das Fernsehen das Schicksal des Radios und wird zum reinen Begleitmedium?

Das Fernsehen war immer auch schon Begleitmedium. Es ist nur schwer, bei gerade einmal 5600 GfK-Metern in Deutschland zu ermessen, ob jemand wirklich guckt, bügelt, oder schon längst eingeschlafen ist. Dieses Problem wurde allerdings bislang immer ausgeblendet. Dank des Rückkanals über diverse internetfähige Geräte wissen wir aber jetzt, dass es um die eigentliche Einschaltquote nicht so rosig steht, wie man das immer glauben wollte. Wenn es nach Nielsen-Ratings ginge, hätte es Serien wie „Breaking Bad“, „Homeland“ oder „Mad Man“ niemals geben dürfen. Keine dieser Produktionen hat es jemals, nicht einmal in den USA, in die Top Ten der meistgesehenen TV-Shows geschafft hat. Trotzdem redet die ganze Welt über diese Serien, die über einen längeren Zeitraum ein durchaus zahlungsbereites Millionenpublikum ansprechen. Diese Erfolge lassen eigentlich nur zwei Schlüsse zu: Entweder haben die verantwortlichen TV-Chefs etwas komplett versemmelt, oder aber die Quotenerhebung taugt nichts – ich tendiere zu letzterem.

War „Wetten, dass..?“ ein notwendiges Opfer – auch um Gebührengelder sinnvoller zu investieren?

Ich gehöre nicht zu denen, die am Ende sagen, sie hätten vorher alles kommen sehen. Nein, „Wetten, dass..?“ war wichtig für die deutsche Fernsehlandschaft und es war nachvollziehbar zu versuchen, dieses Phänomen am Leben zu halten und zu verjüngen. Steve Jobs hat nach seiner ersten Krebsoperationen gesagt, dass der Tod nichts Schlimmes sei, sondern die größte und beste Erfindung überhaupt. Der Tod sei der beste „Live-Change-Agent“ und mache Platz für neue Dinge, die nur dann entstehen können, wenn die alten nicht mehr sind. So gesehen, kann auch die Absetzung einer Sendung völlig neue Entwicklungen, Prozesse und Kreativität freisetzen. Mit „Wetten, dass..? räumt nun einer der ältesten Sendeplatzhirsche das Feld für den Nachwuchs. Geld, Personal und vor allem die Aufmerksamkeit können neu verteilt werden.

"Die Grenzen zwischen Machern und Publikum verschwimmen immer mehr."

In der Musikbranche boomen bezahlte Streaming-Angebote wie Spotify oder Deezer – werden Video-on-Demand-Angebote wie Netflix in Zukunft auch auf dem schwierigen deutschen Markt funktionieren?

Auf den ersten Blick sehen Plattformen – sei es Netflix,  Amazon oder Apple-TV – mittlerweile fast gleich aus. Man findet dort größtenteils identische Serien, Film- und TV-Show-Angebote. Das einzige, was die Angebote voneinander unterscheidet, sind exklusive Filme und Serien. Deswegen hat Yahoo! gleich nach Amazon und Youtube angekündigt, in dem Markt mitzuspielen und hochwertige Fernsehserien zu produzieren. Die Inhalte sind und werden in Zukunft immer mehr das einzige Unterscheidungsmerkmal in einer Welt sein, in der technisch alle auf einem ähnlichen Niveau sind.

Ein weiterer Player im Bewegtbild-Kontext sind Videoblogger wie Y-titty, die sich immer weiter professionalisieren. User Generated Content erreicht heute bisweilen bereits ein Massenpublikum. Wie lassen sich solche Geschäftsmodelle monetarisieren?

Die Grenzen zwischen Machern und Publikum verschwimmen immer mehr. Ein Player darf dabei aber keinesfalls außen vor gelassen werden: die Werbewirtschaft – sie verschwimmt quasi mit. Nicht ohne Grund haben wir grade eine intensiv geführte Debatte über Schleichwerbung auf YouTube, weil die versteckte Werbung dort fast schon zu einer normalen Form der Refinanzierung geworden ist. Bei YouTube muss man gar nicht anfangen, Produktionsbeistellungen wie im klassischen Fernsehen ausfindig zu machen, denn bei YouTube sind Marken Teil der Kultur und werden vom Publikum auch nicht als Werbung empfunden. Ob das nun presse- oder rundfunkrechtlich in Ordnung ist, muss an anderer Stelle geklärt werden. Die Generation YouTube jedenfalls hat einen anderen Moralindex und akzeptiert auch den Fakt, dass sich diejenigen, die unter Mühen immer hochwertigere Filme produzieren, auch durch irgendeine Art von Werbung refinanzieren.  

"Es muss vielmehr in erstklassige Drehbücher, Schauspieler und Stoffe investiert werden."

Im Rahmen des newTV-Kongresses sagten Sie: „Das Fernsehen wird wiedergeboren“. Als was denn, als Radio?

Das wird sich noch herausstellen: entweder als wunderschöner Schmetterling oder aber als unkaputtbarer Zombie. Was ich mir wünsche, ist ein Wettbewerb um die besten Inhalte und die Bereitschaft der Menschen, dafür echtes Geld in die Hand zu nehmen. Insofern bin ich gespannt auf die Qualitätsoffensive von Amazon, Yahoo! und Google. Dass es funktionieren kann, haben HBO, AMC und Netflix in den USA längst bewiesen. Ich glaube allerdings, dass man auch in den klassischen Sendern erkannt hat, dass man mit Mittelmaß nicht mehr weiterkommt. Die Menschen zappen mit ihrer Fernbedienung bald nicht mehr allein durch die Kanäle, sondern wie selbstverständlich auch durch die Zeit. Es muss vielmehr in erstklassige Drehbücher, Schauspieler und Stoffe investiert werden. Am Ende sind Zeit und Aufmerksamkeit der Zuschauer begrenzt. Der Tag hat nur 24 Stunden, in denen es gelingen muss, sie mit außergewöhnlichen Inhalten zu erreichen. Ob das zu Hause auf der Couch ist, im Bus, im Zug oder am Flughafen, ist dabei unwichtig – sein Publikum erreicht das Fernsehen neuerdings auf vielen Kanälen und in unterschiedlichen Lebenslagen.

Richard Gutjahr (Journalist und Blogger)
„Zeit Online“ kürte Richard Gutjahr 2011 zum Neztjournalist des Jahres. Heute arbeitet der Blogger und Journalist als freier Mitarbeiter für die ARD, moderiert die Spätausgabe der BR-Rundschau und die Nachrichten bei WDR aktuell. Daneben schreibt er regelmäßig als Kolumnist u.a. für den Berliner Tagesspiegel.