Digitale Trends, Leserzufriedenheit und Vertrauen – das war das scoopcamp 2018

Rund 250 Gäste fanden sich zum scoopcamp 2018 im Theater Kehrwieder zusammen.

Die Innovationskonferenz für Medien feierte am 27. September Jubiläum und brachte zum bereits zehnten Mal Journalisten, Entscheider und Innovatoren der Medienbranche zusammen. Diskutiert wurden die aktuellen Herausforderungen und Chancen des Journalismus sowie die Bedeutung der Leserzufriedenheit und das Vertrauen in die Medien. Wir fassen für euch zusammen, was beim diesjährigen scoopcamp so alles los war.

Neue technologische Trends, wachsendes Misstrauen der Leser und die voranschreitende Digitalisierung stellen die Medienbranche vor immer neue Herausforderungen. Um den daraus resultierenden Gesprächsbedarf zu decken, kamen etwa 250 Medienmacher zum scoopcamp 2018 zusammen und diskutierten im Theater Kehrwieder in der Hamburger Speicherstadt die aktuellen Medientrends und Innovationen im Journalismus. Der inhaltliche Fokus galt dabei dem Leser und der Frage, welche Inhalte und Formate auch zukünftig zur Leserzufriedenheit beitragen. Keynote-Speaker waren die Digital-Vordenker Marius Thorkildsen (Digital Engagement Manager, Schibsted), Nonny de la Peña (CEO und Gründerin, Emblematic Group), Sally Lehrman (Projektleiterin und Gründerin, The Trust Project) und Jochen Wegner (Chefredakteur, ZEIT ONLINE), der im Zuge der Konferenz für sein journalistisches Schaffen und im Speziellen für die Entwicklung der Initiative „Deutschland spricht“ mit dem scoop Award 2018 ausgezeichnet wurde.

Die Verleihung des scoop Award an  Jochen Wegner stellte auch gleich den ersten Programmpunkt der Veranstaltung dar: Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, hielt die Laudatio auf den ZEIT ONLINE-Chefredakteur und hob in seiner Rede die Bedeutung des Journalismus für das gesellschaftliche Zusammenleben hervor. In Zeiten der journalistischen Vertrauenskrise seien die Journalisten als Vermittler und Teilnehmer des politischen Diskurses besonders gefragt. „Deutschland spricht“ bringe zigtausende Menschen unterschiedlichster Meinung in ganz Deutschland ins Gespräch und sei daher ein „idealtypischer Versuch dieser Verantwortung gerecht zu werden“, so Brosda.

Genauso sah es auch Wegner selbst, der im Anschluss an die Preisverleihung deutlich machte, dass sich Medienhäuser als gute Gastgeber für Dialoge beweisen und etablieren müssten. In seiner Keynote führte er weiter aus, dass das Verstehen der Nutzer eine der entscheidenden Herausforderungen der Medienarbeit bleibe, die Erhebung und Auswertung der dafür notwendigen Daten jedoch schwierig sei. Daher sei der Mut zum Experimentieren und das Ausprobieren von neuen Ideen der Weg zur Entwicklung von Erfolgsprodukten. Was ihm aufgefallen sei:  Die erfolgreichsten Artikel seien oftmals persönliche Geschichten und nicht die klassischen Politberichte über Trump, Merkel und Co. Wie diese bei ZEIT ONLINE entstehen, zeigte Wegner mit einem Blick hinter die Kulissen der Berliner Redaktion: Statt auf klassische Konferenzen setze er mit seinem Team bei der Produktentwicklung auf eine unkonventionelle Herangehensweise mit „Themeninseln“ und Post-Its.

Auch der zweite Speaker Marius Thorkildsen ist ein Experte dafür, welche Artikel besonders häufig geklickt werden und wie man neue Lesergruppen über passgenaue Story-Formate erschließen kann. So führte der Norweger Gründe für die niedrige Zahlungsbereitschaft der Leser an und erklärte dem Fachpublikum, wie aus Gelegenheitslesern engagierte Abonnenten werden und sich Inhalte monetarisieren lassen. Die größte Herausforderung dabei: Die Menge an freiem Content im Netz, der dazu führe, dass die Nutzer keine Notwendigkeit sähen, für Inhalte zu zahlen. Außerdem sei die Qualität der sichtbaren Inhalte häufig schlecht, während die hochqualitativen Beitrage hinter Paywalls versteckt und damit für die Leser gar nicht sichtbar seien. Ebenso sei die User Experience bei vielen Anbietern schlecht, was viele potenzielle Nutzer abschrecke. Die Lösung dieser Probleme starte dabei in den Redaktionen: Publisher müssten sich fragen, welche Inhalte sich ihre Leser wünschen. Wer wirtschaftlich erfolgreich kommunizieren möchte, müsse an die Qualität seines Contents glauben und den Leser mit guten Inhalten locken.

Dass starke Inhalte auch mit VR und AR möglich sind und diese Technologien nicht nur im Entertainment-Bereich neue Optionen ermöglichen, bewies im Anschluss die „VR-Patin“ Nonny de la Peña. Die US-Amerikanerin führte beeindruckende Projekte aus der Welt der Virtual und Augmented Reality vor und veranschaulichte mit hochbrisanten und emotionalen Inhalten die erzählerische Macht dieser neuen Technologien. So präsentierte sie am Beispiel von Guantanamo, wie Journalisten Informationen über Orte vermitteln können, die sie selbst nicht besuchen dürfen, und machte das Leben in Gefängniszellen, Polizeigewalt und Terroranschläge für das Publikum erlebbar. VR könne die Realität realistischer machen und sogar die Empathie von Menschen fördern. Allgemein gäbe es im VR- und AR-Bereich eine Menge Potenzial, das bei weitem noch nicht ausgeschöpft sei. Zum Ende ihrer Präsentation appellierte die VR-Pionierin und Vertreterin des sogenannten immersiven Journalismus zudem für mehr Frauen in Medienberufen: Sie habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Männer die Branche dominieren und würde sich sehr über mehr weibliche Unterstützung freuen.

Weibliche Unterstützung erhielt de la Peña beim scoopcamp 2018 von Journalistin Sally Lehrman, die in der vierten Keynote die Vertrauenskrise des Journalismus thematisierte. Darin stellte sie das von ihr gegründete „The Trust Project“ vor, einem internationalen Zusammenschluss von weltweit mehr als 75 Nachrichtenorganisationen, der sich für glaubwürdigen Qualitätsjournalismus im Internet einsetzt. Lehrman zeigte auf, wie man sich den „verlorenen Lesern“ wieder nähern könne. Dabei spiele die Kommunikationsbereitschaft der Journalisten eine ganz entscheidende Rolle: Die Beziehung zwischen Lesern und Journalisten könne vor allem durch persönliche Gespräche, die die RedakteurInnen nahbarer machen, verbessert werden. Außerdem sei es essentiell, dass transparent gearbeitet werde und Außenstehende nachvollziehen könnten, wie Inhalte entstehen. Dies sei der Schlüssel zur Bewältigung der Krise.

Auf die vier Keynotes des Vormittags folgten im Anschluss an die Mittagspause die Präsentation des Media Worker Report 2018 durch Nina Klaß (nextMedia.Hamburg), Florian Schültke (Deloitte) und Roman Heflik (XING). Anschließend fanden fünf Workshops von renommierten Media Workern statt, unter anderem von Christian Heise und Kerstin Saathof (Google News Lab), Holger Wiebe und Thomas Strothjohann (ZEIT ONLINE) und Manuel Conrad (Merkurist). Diese Short-Sessions bauten auf dem zuvor Gehörten auf und boten die Möglichkeit, sich bei der Diskussion über zukunftsweisende Technologien und Methoden aktiv mit einzubringen. Ob neue Zugänge zu Nachrichten, wie durch „Ambient News“, neue journalistische Erfolgsmessmethoden wie Articlescore, Design-Thinking-Prozesse zur Entwicklung von neuen Formaten wie „Deutschland spricht“ oder AR und VR als Kommunikationsrevoluzzer – hier war für jeden etwas dabei.

In der Abschluss-Diskussion mit Roland Freund (dpa), Stefan Niggemeier (BILDblog), Pia Frey (Opinary Deutschland), Joachim Dreykluft (shz.de, HHLab von NOZ Medien und mh:n Medien), Thomas Schmidt-Broer (XING News) und Daniel Bröckerhoff (Moderator, ZDF heute plus) wurden schließlich die wichtigsten Fragen des Tages diskutiert: Denken die Medien zu kompliziert? Sind sie sich zu ähnlich? Und vor allem: Haben die Medien die richtigen Formate? „Wir merken, dass die klassische journalistische Qualität nicht dazu beitragen wird, die Bereitschaft für neue Geschäftsmodelle zu akzeptieren“, sagte Joachim Dreykluft und stieß damit eine ehrliche Diskussion über journalistische Produkte der Zukunft an. Daniel Bröckerhoff ergänzte, dass es mehr einfallsreiche und innovative Formate brauche, die sich von klassischen Inhaltsformen unterscheiden. Die einhellige Meinung der Gesprächsteilnehmer: Journalismus funktioniert zukünftig nur, wenn mit dem Rezipienten mehr kommuniziert wird und Produkte entwickelt werden, die der Nutzer auch wirklich möchte und dadurch eine Beziehung zwischen Lesern und Redakteuren aufgebaut wird. Beim abschließenden Get-together kamen erfahrene Experten der Medienbranche und der Journalismus-Nachwuchs zusammen und führten die Gespräche bis in die späten Abendstunden fort.

Weitere spannende Einblicke vom scoopcamp 2018 findet ihr in unserem Buzz Rank sowie bei YouTube, wo ihr die Aufzeichnung der Konferenz findet. Und auch im nächsten Jahr wird es das scoopcamp geben: Am 26. September 2019 in Hamburg. Vergünstigte Crazy Bird-Tickets stehen in Kürze zur Verfügung.

scoopcamp, dpa, Innovation