dpa-CEO Peter Kropsch: "Orchestrierung multimedialer Formate nahe der Echtzeit"

Hat am 20. Januar 2017 den Vorsitz der Geschäftsführung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH übernommen: Peter Kropsch .Foto: obs/dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH/Christian Charisius

Gemeinsam mit Deutschlands bedeutendster Nachrichtenagentur, der dpa, veranstaltet nextMedia.Hamburg in diesem Jahr schon zum neunten Mal das scoopcamp. Wir haben gemeinsam mit TREIBSTOFF mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, Peter Kropsch, über die Herausforderungen der modernen Presse gesprochen. Quo vadis, Journalismus?

Der Journalismus steckt derzeit in einer Vertrauenskrise. Sind neue Formate wie die investigative Plattform CORRECTIV, das Online-Magazin Krautreporter oder nicht zuletzt das Nachrichtenportal WikiTribune, das beim scoopcamp von Mit-Gründerin Orit Kopel erstmals in Deutschland vorgestellt wird, eine Antwort auf das Misstrauen vieler Leser?

Informationen zu verbreiten ist heute so einfach wie nie. Das gilt leider auch für absichtlich falsche Meldungen. Dazu kommen leider auch immer wieder inhaltliche Fehler in den klassischen Medien, oft aus dem Willen, möglichst schnell in der Berichterstattung zu sein. Medien wie die dpa müssen sich als Leuchttürme der zuverlässigen Information verstehen. Unsere Prozesse müssen darauf ausgerichtet sein, falsche Informationen zu identifizieren und entsprechend einzuordnen. Wir haben in den letzten Monaten zwei wesentliche organisatorische Maßnahmen getroffen: die Positionen des „Radar Officer“ und jene des „Verification Officer“ – vereinfacht gesagt, sorgt der Radar Officer mit seinem Team dafür, Informationen im Social Web sehr frühzeitig aufzuspüren. Das Team um den Verification Officer sorgt für die Prüfung und Einordnung der Informationen. Das funktioniert am besten im Team. Wir trainieren deshalb immer mehr unserer Journalisten auf die Methoden der Verification. In der „First Draft Coalition“ arbeiten wir mit anderen Medienmarken und Investigativ-Plattformen in einem Netzwerk zusammen. Organisationen wie WikiTribune oder Correctiv haben auf jeden Fall ihre Berechtigung und leisten einen wertvollen Beitrag für den Informationsmarkt. 

Mit der Digitalisierung hat sich auch der Instant-Journalismus etabliert. Wer im knallharten Kampf um Aufmerksamkeit Schritt halten will, muss schneller und lauter sein. Ist dieser ökonomische Zwang die eigentliche Gefahr für das journalistische Ethos der Sorgfalt, der Kritik und der Aufdeckungsfunktion?

Ich kann mit dem Begriff Instant Journalismus nicht soviel anfangen. Jeder Nachrichtenagenturjournalist hört in seinen ersten Tagen in der Redaktion den schönen Spruch „If there is a choice between being fast and being right in fact there is no choice at all“. Guter Journalismus muss sich allerdings jetzt und in Zukunft noch viel mehr um optimale Darstellung bemühen. Bei aktuellen Nachrichtenlagen geht es um eine Dramaturgie aus Live-Berichterstattung in Bewegtbild und Wort, gleichzeitig mit dem Einordnen und Erklären, was da gerade vor sich geht. Das lässt sich mit dem simplen „schneller und lauter“ nicht gleichsetzen. Das ist vielmehr eine ausgefeilte Dramaturgie, die ein perfektes Zusammenspiel aller Akteure erfordert. Als Nachrichtenagentur arbeiten wir immer ganz nahe an der Realtime. Deswegen sind diese redaktionellen und technischen Prozesse so besonders wichtig.  

So international wie in diesem Jahr war das scoopcamp-Programm noch nie – was sagt uns der Blick in die Welt über die aktuellen Entwicklungen im Journalismus?

Vor allem, dass die großen Stories nicht mehr national sind. Komplexe Sachverhalte in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft brauchen global vernetzten Journalismus. Hier geht es um Verlässlichkeit, aber ebenso um neue Ansätze, wie Geschichten erzählt werden. Und um Business Modelle, die letztendlich Wirtschaftlichkeit erzeugen sollen. Vor allem sind die dahinter liegenden Technologien international – das ist ein vielleicht verdeckter, aber umso wirkungsvollerer Treiber, um über die Grenzen zu gehen.

Die weltweite Zusammenarbeit liegt immer schon in der Genetik der Nachrichtenagenturen. Umso logischer ist es, dass die dpa in zahlreichen internationalen Initiativen tätig ist. Das Scoopcamp reiht sich in ein ganzes Mosaik solcher Aktivitäten ein. Da gibt es beispielsweise MINDS, das Business Development-Netzwerk der Nachrichtenagenturen. dpa war die Initiatorin. Oder die Mitarbeit an der First Draft Coalition zur Stärkung der Zuverlässigkeit im Journalismus.   

Beim scoopcamp geht es auch immer um Innovationen und neue Formate im Journalismus – welches sind die großen Trends, an denen keiner in den kommenden Jahren vorbei kommt?  

Gesamthaft gesehen würde ich sagen, es geht um das Orchestrieren multimedialer Formate nahe an der Echtzeit und um die Interaktion mit dem Publikum. Unsere User werden ja immer mehr zum Teil unserer Dienstleistung. Dazu ist die Nutzung von Technologien und Plattformen ein ganz großes Thema. Egal, ob Medienunternehmen mit hunderten Leuten oder ob Blogger – jeder muss seine Prozesse und Geschäftsmodelle auf diese Anforderungen hin ausrichten.  

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