Ex-Amazon-Chefwissenschaftler und Big Data-Experte Andreas Weigend: Zwischen Schwarmintelligenz und Datenkrake

Entwickelte als Chefwissenschaftler die Datenstrategie von Amazon: Andreas Weigend. © Social Data Lab

Als Chefwissenschaftler von Amazon entwickelte er die Datenstrategie des Unternehmens. Heute berät der Gründer und Direktor des Social Data Lab (Universität Stanford) Unternehmen und Organisationen zum Thema Daten. Pünktlich zur Veröffentlichung seines neuen Buches „Data for the People“ haben wir mit Andreas Weigend gesprochen.

Beim Surfen im Web, beim Nutzen von Streaming-Diensten oder beim Treuepunkte-Sammeln an der Supermarktkasse: Überall hinterlassen wir Daten. Daten, die unser Konsumverhalten dokumentieren, unsere Bewegungen aufzeichnen oder feststellen, ob wir schlichtweg eine Affinität zu Hunden oder Katzen haben. Diese Datensammlungen gehen so weit, dass ganze Firmen ihre Geschäftsmodelle darauf aufbauen. Ein datengetriebenes Geschäft ist zum Beispiel die Steuerung von Verkehr. So nutzt die Hamburg Port Authority AöR Verkehrsinformationen, um den wachsenden Warenstrom zu steuern oder Lkw-Standzeiten zu vermeiden.

Andreas Weigend, ehemaliger Chef-Wissenschaftler bei Amazon, beschäftigt sich genau mit diesen Themen. Er lehrt an den Universitäten von Berkeley und Stanford und hat selbst seinen Ph.D. in Physik in Stanford erhalten. Weigend lebt in San Francisco und Shanghai, als Firmenberater bezüglich Datennutzung ist er aber ständig unterwegs.

„Ich möchte nicht datengetrieben sein, ich will Daten führen“

Auch wenn Daten innerhalb der Digitalwirtschaft als der neue Rohstoff gehandelt werden, warnt Weigend davor, dass Big Data nicht ausreiche, um ein Unternehmen erfolgreich zu leiten. Nur wer Zahlenwerte richtig lesen würde, könne von diesen auch profitieren. „Ich möchte nicht datengetrieben sein, ich will Daten führen. Das heißt, dass Firmen, deren Anfangspunkt Daten sind, das Pferd von hinten aufzäumen. Der richtige Ausgangspunkt ist, gute Fragen zu stellen und nicht erst die Daten zu haben und dann zu fragen, wie man diese nutzt“, so Weigend.

Die großzügige Erfassung von Informationen birgt natürlich auch zahlreiche Risiken. Politik und Justiz müssen auf die wachsenden Bedürfnisse reagieren, Regelungen finden, Gesetze erlassen und Daten schützen. Schlupflöcher oder rechtliche Grauzonen sorgen laut Weigend allerdings dafür, dass viele namhafte Unternehmen Big Data auch unerlaubt für ihre Zwecke nutzen und ohne Zustimmung des Users sensible Daten ausspähen.

„Data for the People“: Datenschutz ist gut, Datenrecht ist besser

Jeder trägt individuell Verantwortung für den Umgang mit den eigenen Daten, sagt der Big Data-Experte. Denn Tracking-Dienste auf dem Smartphone lassen sich deaktivieren, Messenger können Nachrichten verschlüsseln und Cookies lassen sich löschen – man muss nur wissen wie. Der richtige Umgang mit digitalen Medien wird immer wichtiger. Daher fordert Andreas Weigend auch, dass die Politik eine digitale Agenda im Bildungsbereich aufsetzen muss. „Eine kritische Auseinandersetzung mit Medien wurde schon immer an Schulen und Universitäten gelehrt, wir müssen jedoch eine bessere Datenkompetenz vermitteln.“

Diese Forderung sei auch die Hauptmotivation für das Schreiben seines neuen Buches gewesen. In „Data for the People“, das im April im Hamburger Murmann Verlag erschienen ist, nimmt Weigend den Leser auf die digitale Spur mit, die dieser täglich im Netz hinterlässt.

Damit der einzelne User die Macht über seine Daten zurückerlangen kann, erarbeitete Weigend mehrere Grundrechte, die Bürger und Kunden einfordern sollten. So klärt der ehemalige Amazon-Chefwissenschaftler unter anderem über die Rechte auf, Daten zu verwischen,  zu editieren oder einfach nur einzusehen.

Das Thema Big Data ist jetzt schon Dreh- und Angelpunkt in Wissenschaft und Wirtschaft. Über die nächsten Jahre werden datengetriebene Geschäftsmodelle weiter an Bedeutung gewinnen. Wie das das hierzulande genau aussieht? „Deutschland ist in puncto Datenplanung ein Entwicklungsland“, sagt Weigend im Gespräch mit uns und sucht womöglich jetzt noch nach Handy-Empfang auf der Mönckebergstrasse.

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