Stephan Weichert (HMS) über Hamburg als Innovationstreiber: Ladehemmungen bei Hochschulen

In unserer Blogreihe „Innovation Talk“ geben Stakeholder aus der Medien- und Digitalbranche Antworten auf Fragen rund um das Thema Innovation. Diesmal dabei: HMS-Professor Stephan Weichert.

Wer sind die Innovationstreiber in Hamburg, welche Skills werden an der Schnittstelle zwischen Content und Technologie den Weg in die digitale Zukunft ebnen, wo finden Gründer die passende Anlaufstelle? In unserer Blogreihe „Innovation Talk“ geben Stakeholder aus der Medien- und Digitalbranche Antworten auf diese und weitere Fragen rund um das Thema Innovation. Nach Philipp Walter (beyourpilot) und Justin Hendrix (NYC Media Lab) nun HMS-Professor, Publizist und Gründer Stephan Weichert im Gespräch.

Lieber Herr Weichert, was sind aus Ihrer Sicht Innovationen?

Im Bereich des Digitalen Journalismus oder in der Medienbranche ist Innovation vor allem technologiegetrieben und generell etwas, das Neues hervorbringt. Das können sowohl Produkte sein als beispielsweise auch neue Vertriebsstrukturen oder Geschäftsmodelle, die es in den Medien so noch nicht gegeben hat, und die sich an den veränderten Gewohnheiten der Nutzerinnen und Nutzer orientieren. Nach dem österreichisch-amerikanischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter bedeutet Innovation die Umsetzung neuer oder andersartiger Kombinationen aus etwas Existierendem, was im Markt eine neue Nachfrage erzeugt. Im Schumpeter‘schen Sinne geht der Innovation also immer eine Disruption voraus.

Wer sind die Innovationstreiber in und außerhalb der Hamburger Medienbranche?

Eine treibende Kraft, die Moment noch etwas Ladehemmungen hat und mit angezogener Handbremse durch die Gegend fährt, sind aus meiner Sicht die Hochschulen. Die sind im Innovationsgeschehen in Deutschland noch komplett unterrepräsentiert, weil wir keine Förderstrukturen und -programme haben, um die Innovation marktgerecht zu stimulieren. Als zweiten großen Akteur im Innovations-Ökosystem sehe ich aber auch die Unternehmen, weil auch diese gezwungen sind, mit der digitalen Transformation Schritt zu halten. Ich weiß aus Erfahrung, dass Unternehmen händeringend nach Talenten und Möglichkeiten suchen, um ihre Produkte und Dienstleistungen weiterzuentwickeln. Neben Wirtschaft und Bildung ist auch die Politik ein wichtiger Teil des Innovationsprozesses. In Hamburg hat die Politik das Thema schon seit einiger Zeit auf der Agenda und die damit verbundene Herausforderung erkannt, neue Anreizsysteme zu schaffen, um Wirtschaft und Bildung zusammenzubringen.

Sehen Sie Jemanden im Driver-Seat bei diesem Innovations-Dreiklang?

Die Ideen kommen vorrangig aus den Hochschulen – und das ist ein ungenutztes Potenzial. Ich erlebe immer wieder, dass Unternehmen aktiv auf uns, die Hamburg Media School, zukommen und erwarten, dass wir ihnen bei der Suche nach Talenten, Ideen und Produkten unter die Arme greifen. Wir sollten aber nicht darauf warten, bis uns die Unternehmen ansprechen, sondern Hochschulen sollten aus sich heraus stärker Innovation vorantreiben. Ich glaube, dass wir zusätzlich zu dem Gründungsdenken einiges an Kompetenz in den Aus- und Weiterbildungsstätten finden, was die Start-up-Kultur angeht. Es gibt hier zwar erst wenige Lehrstühle in Hamburg für Entrepreneurial Thinking, aber das heißt nicht, dass die Lehrenden sich nicht längst damit befassen – mein Kollege Professor Armin Rott ist neben mir einer von vielen. Wenn man diese Köpfe zusammenbringen und sie an der Entwicklung eines Strukturförderkonzepts beteiligen würde, entstehen wertvolle Synergieeffekte. Ich persönlich glaube, dass ein Blick ins Ausland immer auch hilfreich ist. Das New York City Media Lab zum Beispiel hat seit seinem knapp fünfjährigen Bestehen sehr viele innovative Projekte gemeinsam mit den Hochschulen und Medienunternehmen auf den Weg gebracht und ist sehr erfolgreich genauso, wie es aus dem Scheitern von Projekten Learnings für sich gezogen hat. Hier sind neue Impulse entscheidend, vor allem auch für den deutschen Markt.

Welche Kriterien gibt es, um den Erfolg von so einer hochschulübergreifenden Kooperation zu messen?

Erfolgsfaktoren für ein Inkubatoren-Programm würde ich vorrangig in der Zufriedenheit der Teilnehmer und Beteiligten sehen. Wenn am Ende die Macher und Mitmacher sagen: „Das hat uns was gebracht, wir sind weitergekommen, wir haben zarte Pflänzchen gesäht, aus denen etwas wächst und wir haben es geschafft, die Leute auf ein Accelerator-Programm wir den next media accelerator vorzubereiten“ – dann ist es ein Erfolg. Es ist zweitrangig, ob dabei Produkte oder Prototypen entstanden sind, die zum Unicorn werden und den Mega-Exit geschafft haben. Was erstmal viel wichtiger ist, dass der Gründerspirit geweckt wurde.

Sie haben vor wie vielen Jahren VOCER als Thinktank für Medieninnovation aufgebaut. Wie kam es dazu?

Innovationen werden immer aus der Not heraus geboren– das kann man besonders gut in der Medienbranche beobachten. Wenn es allen schlecht geht oder kaum noch ein Produkt funktioniert, setzt man sich hin und überlegt sich was Neues. Auch vor zehn Jahren, als wir VOCER gegründet haben, war eine deutliche Krisentendenz spürbar. Meine Vereins-Mitgründer und ich haben uns damals gegenseitig versprochen gesagt, dass wir vor allem jungen Journalistinnen und Journalisten ermöglichen wollen, in einem Schutzraum neue Projekte zu entwickeln und eigene Initiativen voranzutreiben. Daraus ist später auch die Idee entstand, ein journalistisches Fellowship-Programm auszugründen, dass mit finanzieller Unterstützung für die Teilnehmer verbunden war. Hinter VOCER steht ein gemeinnütziger Verein, der bis heute genau dieses Ziel verfolgt: Journalistische Nachwuchsförderung und einen kritischen Dialog über die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung voranzutreiben. Das passt heute noch besser zusammen, weil die Leute, die wir fördern, immer diesem Anspruch genügen – und dieser Ansatz ist wichtiger denn je. Mit Rückblick auf die letzten Jahre bin ich stolz darauf, dass wir das erste Innovationslabor mit Schwerpunkt Medien und Journalismus in Deutschland aufgebaut haben, inzwischen gibt es um die zehn weitere Initiativen, denen wir Vorbild und ein wichtiger Impulsgeber waren. Auf Konferenzen, in Hackathons, Design-Sprints und im Rahmen von Stipendien konzentrieren wir uns inzwischen noch stärker auf Innovationen, weil das im Moment das Entscheidende im Journalismus ist, um in der digitalen Transformation zu überleben. Wir veranstalten inzwischen ja auch noch den VOCER Innovation Day gemeinsam mit dem SPIEGEL Verlag und starten im Herbst ein neues Innolab, das sich im Schwerpunkt mit der Mediennutzung von Millennials befasst.

Dieses Interview führte Andreas Wrede, Dozent an der Hamburg Media School. 

Prof. Dr. phil. Stephan Weichert leitet den Masterstudiengang „Digital Journalism“, das „Urban Storytelling Lab“ und das Digital- Journalism-Fellowship-Programm an der Hamburg Media School (HMS). Seit 2008 lehrt er als Professor für Journalistik in Hamburg. Weichert ist Gründer des Think Tanks VOCER.org und Gründungsdirektor des VOCER Innovation Medialab, eines Stipendienprogramms für Nachwuchsjournalisten. Seit 20 Jahren setzt er sich als Wissenschaftler und Publizist mit den Folgen der Digitalisierung für Medien, Journalismus und Gesellschaft auseinander. Für seine herausragende journalistische Arbeit zur „Digitalen Gesellschaft“ wurde Weichert im Jahr 2014 der „Medienethik-Award“ verliehen.

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