Manuel Conrad (Merkurist): Diverser Journalismus durch vielfältige Lesermeinungen

Manuel Conrad leitet die Merkurist GmbH hauptberuflich als Geschäftsführer.

Im Jahr 2014 gründete er zunächst nebenberuflich die Online-Nachrichtenplattform „Merkurist“, welche heute zu den erfolgreichsten lokaljournalistischen Plattformen im Rhein-Main-Gebiet zählt und über ein Partnermodell deutschlandweit expandiert. Kurz vor seinem Workshop beim scoopcamp 2018 haben wir mit Manuel Conrad über die Teilhabe von Lesern an Beiträgen, Unabhängigkeit im Journalismus und DataScience gesprochen.


Mit Ihrem Journalismus-Start-up Merkurist sollen Bürger lokaljournalistische Themen proaktiv vorschlagen? Was versprechen Sie sich von diesem Ansatz?

Die Leser sollen das Gefühl bekommen, am lokaljournalistischen Prozess mitwirken zu können. Dadurch spüren wir eine deutlich höhere Bindung zu unseren Lesern und mehr Vertrauen. Mein Eindruck ist, dass uns z.B. auch Fehler viel stärker verziehen werden als im Vergleich zu klassischen Medien. Wir erhalten darüber aber auch viele wichtige Daten, weswegen es so bedeutend ist, dass die Interaktion bei uns auf der Plattform stattfindet und nicht bei Facebook oder Twitter. In der Praxis funktioniert das sogar recht gut, wenn man es konsequent vorlebt. Es ist zwar nicht alles Gold, was von unseren Lesern kommt. Aber, es gibt viele Themen, die darüber entstehen, auf die wir ohne unsere Leser nicht kommen würden. Ich könnte Ihnen unzählige Beispiele aufzählen.

Liegt die Zukunft des Journalismus in der direkten Teilhabe der Leserschaft? Wie verändert das den Journalismus? 

Zumindest teilweise muss sich der Journalismus radikal verändern und sich leser-zentrischer aufstellen. Mehr Bottom-up, weniger Top-down. Es gibt tagtäglich so viele Stunden Diskussion in deutschen Redaktionen darüber, was den Leser interessiert und was nicht. Wenn man anfängt, an objektiv-messbaren Daten den Leser besser zu verstehen, kann man sich leicht viel Zeit sparen und diese besser für Hintergrundrecherchen nutzen, bzw. dort wo Journalismus tatsächlich Wert schafft. Diese Sichtweise deckt sich leider noch nicht häufig mit dem Selbstverständnis vieler Journalisten und Redakteur. Häufig gilt leider noch: Das Bauchgefühl eines Chefredakteurs gewinnt am Ende. 

Birgt dieser Ansatz nicht auch große Risiken für die Unabhängigkeit und Diversität im Journalismus? 

Das Gegenteil ist der Fall, es birgt unglaublich viele Chancen für den Journalismus. Den Leser einzubeziehen, das heißt nicht, nach seiner Pfeife zu tanzen. Das wird häufig verwechselt. Journalismus ist diverser, je mehr unterschiedliche Stimmen und Meinungen zu Wort kommen. Der Journalismus ist unabhängiger, je weniger „top-down-driven“ er ist. Früher gab es eine Handvoll Chefredakteure in Deutschland, die das Meinungsbild getrieben haben, das war ein viel größeres Problem für die Unabhängigkeit des Journalismus. Durch soziale Medien und neue Player wird dieses Oligopol mehr und mehr aufgebrochen. Natürlich birgt die Einbeziehung der Community neue Herausforderungen. Nicht alle machen so mit, wie man sich das gerne wünscht, und manchmal muss man auch direkt eingreifen und moderieren. Man kann eine Crowd nicht sich selbst überlassen, das führt zu nichts Gutem. 

Ist das aktive Einbeziehen der Leserschaft vielleicht der Schlüssel für eine höhere Zahlungsbereitschaft der Leser? Wie kann Journalismus insgesamt profitabel bleiben?

Sicher sagen, kann ich das nicht, dazu fehlen uns die empirischen Erfahrungen. Aber ich glaube schon, dass man durch den Aufbau einer loyalen Community und die Partizipation eine höhere Zahlungsbereitschaft bewirken kann. Die entscheidende Frage, die sich ja alle stellen, ist, wofür ist der Leser eigentlich bereit zu bezahlen. Hier kursieren sehr viele Binsenweisheiten in der Branche, die mehr getrieben sind durch journalistische Überzeugung als durch ökonomische Realität. Ich bin überzeugt, dass Journalismus profitabel bleiben kann, wenn er sich radikal verändert und ja, das führt dazu, dass es für einige durchaus schmerzhaft sein wird. Als erstes muss man an den Kosten und der Effizienz ansetzen. Journalismus ist immer noch ein sehr manueller Prozess. Warum, ist mir schleierhaft. Man kann über intelligente Work-Flows und KI-basiert Automatisierungen so schnell so viel effizienter agieren. Bisher sind viele Publisher noch gar nicht in der Lage, mit den riesigen Datenschätzen umzugehen, die im eigenen Unternehmen, auf der eigenen Plattform schlummern. Diesen Markt Playern wie Google oder Facebook zu überlassen, verstehe ich ebenso wenig? Die Chancen von Netzwerkeffekten sind bisher auch noch kaum genutzt. Warum gibt es so viele regionale Verlagshäuser in Deutschland, die kaum zusammenarbeiten und jeder sein eigenes Süppchen kocht? Und zu guter Letzt braucht es Innovationen in der Monetarisierung, neue Werbeprodukte, zahlende Leser, ertragbringende Datencluster.  Ich bin der Meinung, dass es gar nicht so schwierig ist, hier profitable Lösungen für bestehende publizistische Marken zu entwickeln. Das schwierige ist der radikale Change-Prozess, den viele Entscheider scheuen, weil sie zu hohe Widerstände aus dem eigenen Unternehmen und Ihrer bestehenden Leserschaft fürchten. Aus meiner Sicht sind viele Verlage Gefangene Ihrer eigenen Mitarbeiter und Kunden, was radikale Veränderungen unterbindet.

Beim scoopcamp 2018 werden Sie gemeinsam mit Yannick Dillinger von der Schwäbischen Zeitung einen Workshop abhalten. Thema: „Was Verlage aus der Interaktion mit den Lesern lernen können - Articlescore und DataScience für erfolgreiche Inhalte“. Was können die Teilnehmer erwarten?

Wir werden zeigen, welche Datenschätze in der Interaktion mit den Lesern stecken und wie wenig Publisher davon heute tatsächlich in der Lage sind zu heben und für sich zu nutzen. Bei Merkurist sammeln wir 850 Teilinformationen über das Lese-Verhalten unserer Leser pro Visit. Wir sind überzeugt, dass damit ganze viele spannende Sachen möglich sind. In meinem Vortrag mit Yannic Dillinger möchte ich  Impulse geben und Ansätze aufzeigen, wie man diese Daten nutzenbringend einsetzen kann. Eine Idee ist es bspw. herauszufinden, welcher Leser eigentlich bereit ist, für welchen Artikel, welchen Preis zu bezahlen. Das ist ein Beispiel, welches wir gerne mit den Teilnehmern diskutieren würden. Theoretisch wären wir schon heute in der Lage, diese Fragen zu beantworten, allerdings haben wir bei Merkurist auf eine Paywall gänzlich verzichtet. 

Manuel Conrad, scoopcamp, Merkurist