Moderne News: superduperpositiv oder wie oder was jetzt?

© Giuseppe Porzani/Fotolia

Wie positiv und lösungsorientiert sollten Nachrichten sein? Andreas "The Spectator" Wrede, Editor-in-Chief InnoLab/Medienmanagement, Hamburg Media School, hat auf die Medienlandschaft und den Trend der Constructive News geblickt.

„Die Zeitung, Dein Freund und Problemlöser“, so lautete eine Schlagzeile in der österreichischen Tageszeitung Die Presse. Die Zeitung, Dein Freund und Problemlöser, Tatsache? Im neumedialen Jargon spricht man von Constructive News. Ein interessanter Terminus, ist er doch wohl das Gegenteil von Destructive News, das wären dann die täglichen Nachrichten, die normalen Nachrichten, jene Nachrichten, die uns mithin entmutigen, ermüden, erschüttern – 24/7.

Wir reden hier jetzt mal nicht von tendenziell oberflächlichen Medien wie etwa den deutschen Ausgaben von Buzzfeed oder der Huffington Post. Wir reden auch keineswegs über alte Boulevard- oder News-Haudegen, über deren morgendlichen Redaktionskonferenzen stillschweigend die Zeile „Good news ist bad news“ schwebt. Will sagen: katastrophische Nachrichten, ob nun gesellschaftlicher, politischer, sozialer oder von Social Media-Natur (Shitstorms und so) steigern Print-Auflagen und TV-Quoten.

Das mag in früheren Zeiten gestimmt haben: "Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen – ganz Bernau ist glücklich, daß er tot ist". So titelte vor fast einem Vierteljahrhundert das Burda-Boulevard-Blatt Super! Eine Zeitung, die aus gutem Grunde längst nicht mehr existiert. Nach der Wiedervereinigung waren Wessi-Zeitungen für Ossis nur sehr kurz populär, bis die Ossis merkten, dass die Wessis sie eigentlich noch lange nicht für ganz zurechnungsfähig (sprich: demokratiegestählt) hielten. Nö, dann doch lieber MDR mit aufgewärmten Ost-Kram aus „Ein Kessel Buntes“ in der Glotze gucken, bis heute übrigens.

Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef des dänischen, öffentlich-rechtlichen Rundfunks DR, der seine Kreativität und Seriösität durch geniale, international extrem erfolgreiche Serien wie Borgen oder The Killing nachdrücklich unter Beweis stellte, hat vor einiger Zeit das Buch „Constructive News“ verfasst. Der Mann ist nun herumgereichter Medienvertreter-Gast auf Symposien und in Talk-Shows. Ihm ginge es nicht um „Nordkorea-Journalismus", meint der kluge Kopf, nur: „Positive Beiträge [in allen Medien-Formen] können eine gute Ergänzung zu Nachrichten über Zugunfälle, Tsunamitote und Co. sein“.

Damit läuft er bei renommierten Chefredakteurs-Größen wie Zeit-Vormann Giovanni die Lorenzo offene Türen ein. Der findet nämlich: „Eine Lese-Erfahrung, die Woche für Woche daraus besteht zu erfahren, wie schlecht die Welt ist, so dass man am Ende nur noch die Decke über den Kopf ziehen möchten, scheint mir eine eher masochistische Veranstaltung zu sein.“ Und immerhin hat unser aller, der unsterbliche Helmut Schmidt, Zeit-Grandseigneur, das Vorwort zu „Constructive News“ geschrieben. Wenn das jetzt kein superduperpositiver Kreisschluss ist, dann weiß’ ich’s auch nicht mehr.

Auch der Spiegel hat für sich den oben genannten Slogan umgedeutet in „Good news are better news“. Florian Harms, Chefredakteur von Spiegel Online, spricht von Artikeln, die weitergehen, "die zum Weiterdenken anregen, die auch bei düsteren Themen einen Aspekt aufzeigen, der Hoffnung macht, der einen Ausweg weist, der viel diskutierte Themen auch mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet.“ Und sogar taz und Bild-Zeitung sind sich ausnahmsweise mal einig und bringen immer wieder gern Sonderausgaben mit garantiert nur positiven Nachrichten unters Zeitungsvolk.

Last but not least: Natürlich musste der Größte aller Medienkritiker, also niemand Geringerer als Stefan Niggemeier – der Bursche, dem journalistische Über-Moral in die Wiege gelegt wurde als wir alle anderen noch nicht mal wussten, wie Medienkritik richtig buchstabiert wird – „Haagerups Buch (als) erstaunlich unsortiert, vage und mindestens missverständlich“ titulieren. Er durfte das in der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tun, jener FAZ die unter der Woche mit allerwichtigster Verve und oft erhobenem Zeigefinger das Haar in der Polit- und Wirtschaftssuppe findet.

Gleichwohl musste Niggi, wie ihn Freund und Feind unisono mehr oder weniger liebvoll rufen, zum guten Schlusse seiner Polemik konzedieren: „Sein (Haagerups) Ansatz des Constructive Journalism ist ein guter Anlass, die täglichen Nachrichtenroutinen zu hinterfragen, blinde Flecken zu erkennen und neue Perspektiven zu suchen.“ Niggemeier schwant, dass in unserer schönen alten und neuen Medienwelt „Mechanismen“ am Werke sind, „die nicht nur der öffentlichen Debatte schaden, sondern womöglich auch den Medien selbst.“

Dazu fällt dem Spectator nur ein: Mein Gott, dass war schon genauso seit der Buchdruck erfunden wurde! Nachdenklichkeit, Reflexion, Respekt und Selbstkritik gehören schlichtweg zum journalistischen Handwerkszeug. Nur wir Journalisten stehen uns oft genug selbst im Weg, da wir uns bisweilen als wichtiger erachten denn unsere Follower, Leser, Zuhörer, Zuschauer. Der Spectator hält es im Übrigen mit Patti Smith: „Bringing good news is imparting hope to one’s fellow man. The idea of redemption is always good news, even if it means sacrifice or some difficult times.“

 

von Andreas Wrede, Editor-in-Chief InnoLab/Medienmanagement, Hamburg Media School

Andreas Wrede, Editor-in-Chief InnoLab/Medienmanagement, Hamburg Media School, The Spectator, Medienlandschaft, Journalismus, Constructive News