Roland Freund (dpa): "Enormer Wandel ist ein großes Abenteuer"

Stellvertreter des Chefredakteurs und Innovations- und Produktmanager bei dpa: Roland Freund. Bildcredits: dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Marcus Brandt

Roland Freund ist Stellvertreter des Chefredakteurs und Innovations- und Produktmanager bei Deutschlands größter Nachrichtenagentur, der dpa. Neben Stefan Niggemeier (Medienjournalist), Pia Frey (Opinary Deutschland), Joachim Dreykluft (shz.de), Daniel Bröckerhoff (ZDF heuteplus) und Thomas Schmidt-Broer (XING) wird auch Freund im Abschlusspanel des scoopcamp sitzen. Wir haben im Vorfeld der Jubiläumsausgabe der Medieninnovationskonferenz mit dem Vize-Chefredakteur gesprochen.

Mit der dpa sind Sie Marktführer in Deutschland, was die Versorgung tagesaktueller Medien aus dem In- und Ausland angeht. Folglich kommt der dpa bei dem Verbreiten von Nachrichten eine besonders große Verantwortung zu. Dies hat vor einem Jahr zur Installation eines Verification Officers geführt. Wie kann man sich dessen Arbeit vorstellen?

Recherche und Verifikation sind der Kern journalistischer Arbeit seit jeher. dpa-Verification-Officer Stefan Voß und sein Team übersetzen diese Recherche ins digitale Zeitalter vom Überprüfen von Accounts über Echtheits-Check von Videos bis zum Aufdecken von gezielter Desinformation. Journalismus wird hier immer technischer und bleibt zugleich ebenso klassisches Recherchehandwerk. Die Arbeit des Verfication-Teams sorgt  für noch mehr Sicherheit in der redaktionellen Arbeit und in der Berichterstattung. Und davon profitieren letztlich in hohem Maße die Leser unserer Kunden.


Auch die Auswahl von nachrichtenrelevanten Themen wird oftmals kontrovers diskutiert. Nach welchen Kriterien bewerten Sie die Relevanz von Nachrichten? Haben zuletzt neue Faktoren Einzug in die Entscheidungsfindung gehalten?

Die Breite der Themenpalette hat sich definitiv deutlich verändert: Heute spielen viel mehr Themen eine Rolle als vor ein paar Jahrzenten. Das hat erst einmal einen ganz einfachen technischen Grund: In Internet und sozialen Medien ist viel mehr Raum für Themen, die Menschen wichtig sind. Früher war allein schon der Platzmangel Scharfrichter bei der Auswahl. Und zum Zweiten der inhaltliche Grund: Relevant ist seit jeher, was klassisch nachrichtlich wichtig ist – eine Bundestagswahl, ein Erdbeben, eine Fußball-WM. Aber relevant ist genauso alles, was Menschen sonst noch interessiert: Stars & Sternchen, gesunde Ernährung, digitales Leben. Relevanter Journalismus ist für die Nutzer da. Und zum Dritten schließlich: Früher galten Nachrichtenagenturen als sogenannte Gatekeeper für wichtige Informationen: Wenn sie aus einem Ereignis keine Nachricht machten, hat auch kaum jemand etwas davon erfahren. Diese Zeiten sind lange vorbei – nicht zuletzt wegen Twitter & Co. Während den Journalisten früher die meisten Informationen erst einmal exklusiv zur Verfügung standen, ist heute sehr vieles sofort für die ganze Welt frei lesbar. Und das wirkt sich natürlich auch auf das Verständnis von Nachrichtenrelevanz aus.


Beim scoopcamp werden eine Reihe an neuen Technologien und Methoden vorgestellt, die die journalistische Arbeit entscheidend verbessern und verändern wollen. Welche Rolle spielen technologische Innovationen bei der dpa?

dpa war als weltweite Nachrichtenagentur schon immer technologiegetrieben. Aber das Tempo der Innovationen haben wir natürlich gerade zuletzt massiv erhöht. Auch wenn einen gute Geschichte immer eine gute Geschichte bleibt und dies das Herz unserer Arbeit ist: Journalismus war noch nie so technologiegetrieben wie heute. Recherche und Verifikation sind in vielen Teilen heute digital. Automatische Übersetzungen von Foto-Untertexten beschleunigen den Output im Bildbereich. Lange Interviews werden binnen Sekunden von Ton in Text umgewandelt. Und wir wissen dank Nutzungsdaten so viel wie noch nie über den Erfolg unserer Dienste. Bei alledem stehen wir gerade erst am Anfang der technischen Revolution im Journalismus.


Mit dem scoopcamp begleiten wir den Medienwandel seit nun schon zehn Jahren, Sie sind seit acht Jahren in der dpa-Chefredaktion. Wie haben Sie die Entwicklungen in der Medienbranche zuletzt wahrgenommen?
 

Der enorme Wandel ist ein großes Abenteuer sowohl angesichts der Chancen als auch der Herausforderungen. Journalisten sind ja per se neugierig – oder sollten es jedenfalls sein! Ich sehe die Digitalisierung als unendlich bereichernd für die Branche: mit Medien als Gespräch und nicht nur Sender, mit den vielen multimedialen Möglichkeiten und mit der Chance, dank Mobile immer und überall bei den Nutzern sein zu können. Natürlich verlangt diese neue Welt auch eine ganz andere Transparenz der Medien in der Beziehung zu ihren Nutzerinnen und Nutzern. Und einst florierende Geschäftsmodelle müssen sich radikal wandeln. Das fordert viele Medienleute aktuell enorm heraus. Ich erlebe die Branche aber aktuell so kreativ, wie sie in ihrem journalistischen Grundantrieb immer sein sollte.        


Gibt es Gäste, auf die Sie sich dieses ganz besonders freuen?

Auf alle. Ganz ehrlich. Denn genau das ist das Besondere des scoopcamp als Event: Gerade durch das Zusammenspiel der Gäste entsteht hier jedes Mal Neues und Anderes. Die spontanen Begegnungen mit Leuten aus den Redaktionen und Labs sind wertvoll, bereichernd und jedes Mal auch ein gutes Stück weit überraschend.

dpa, Journalismus, scoopcamp