Spiegel-Datenjournalistin Christina Elmer: Mit harten Fakten neue Geschichten erzählen

Redakteurin für Datenjournalismus bei Spiegel Online: Christina Elmer. © Christian O. Bruch / laif

Für viele Menschen sind Begriffe wie „Statistik“ und „Datensätze“ in etwa so spannend wie eingeschlafene Füße. Warum aber genau diese Themen interessant und nützlich für guten Journalismus und modernes Storytelling sind, hat uns Christina Elmer, Redakteurin für Datenjournalismus bei Spiegel Online, im Interview erzählt.

Seit 2014 arbeiten Sie bei Spiegel Online als Redakteurin für Datenjournalismus, vergangenes Jahr haben Sie die Leitung für das Ressort übernommen. Was ist Ihre Aufgabe dort?

Wir betreuen datengetriebene Recherchen und Infografiken für Spiegel Online, arbeiten aber auch häufig mit den Kollegen vom Spiegel an gemeinsamen Projekten. Überhaupt kooperieren wir bei fast allen Projekten mit internen oder externen Partnern. Die entscheidende Frage ist für uns: Wie können wir mit unseren Datenquellen und Werkzeugen neue Aspekte aufdecken oder aktuelle Themen bereichern? Das gilt dann sowohl inhaltlich als auch bei der Vermittlung, wenn wir unseren Lesern über interaktive Tools besondere Einblicke geben.

Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist der Begriff „Datenjournalismus“ in aller Munde. Haben Journalisten aber nicht schon seit Jahrzehnten mit Daten gearbeitet? Wie unterscheidet sich die Tätigkeit des Datenjournalisten von der eines klassischen Journalisten?

Für mich ist Datenjournalismus eine spezielle Methodik innerhalb des Journalismus. Wir wählen die Themen zwar nach den üblichen Relevanzkriterien aus, begründen unsere Recherche aber auf Datenquellen und nutzen für deren Analyse und Visualisierung spezielle Werkzeuge. Damit eine Story rund wird, brauchen wir natürlich auch herkömmliche Methoden – sprechen zum Beispiel mit Betroffenen und Experten, konfrontieren Verantwortliche und recherchieren in weiteren Quellen. In diesen Prozess Daten einzubeziehen, ist in der Tat keine neue Erfindung, wurde aber durch die bessere Verfügbarkeit von Daten und Werkzeugen in den vergangenen Jahren gefördert. In den Vereinigten Staaten gibt es diese Tradition schon länger, auch weil die Transparenz öffentlicher Daten dort bereits seit mehreren Jahrzehnten gesetzlich verankert ist. 

Ihr Storytelling beginnt in Behördenstatistiken oder wissenschaftlichen Studien. Wie findet man in solchen Datensätzen neue Geschichten?

Indem man ganz gezielt Thesen überprüft oder explorativ vorgeht, den Datensatz also nach vergleichbaren Indikatoren auswertet und nach Besonderheiten sucht. Ganz wichtig ist dabei das Hintergrundwissen: Wer gute Fragen an einen Datensatz stellen will, muss ein Thema kennen und einen größeren Zusammenhang herstellen. In diesem Prozess arbeiten wir eng mit den Kollegen aus den Fachressorts zusammen und binden sie mit ihrer Expertise ins Projekt ein. Das führt uns zu besseren Entscheidungen und verankert unsere Methoden auch besser im Newsroom. Im besten Fall gewinnen wir mit jedem neuen Projekt auch neue Verbündete für unsere Arbeit.

Die Zukunft des Geschichtenerzählens im Journalismus wird visuell geprägt sein. Welche Erzählformen bietet der Datenjournalismus?

Im Datenjournalismus können wir über die klassische Infografik hinausgehen und unsere Themen auf den Leser zugeschnitten erzählen. Dafür gibt es mehrere Wege: In interaktiven Tools können wir den Lesern die Ergebnisse schrittweise vermitteln. Wir können sie schätzen lassen, wie sich eine Statistik entwickelt hat – und sie danach mit der Realität und den Antworten der anderen Leser konfrontieren. Und wir können ihnen den Ausschnitt aus den Daten zeigen, der sie am meisten betrifft und interessiert. Daraus ergeben sich unzählige neue Formate, die über Personalisierung und Interaktion dafür sorgen, dass sich unsere Leser intensiver mit Themen auseinandersetzen. 

Bei den großen internationalen Tageszeitungen, wie beispielsweise der New York Times, gehört die Nutzung von Big Data schon längst zur DNA. Hinkt Deutschland hier aufgrund der strengeren Datenschutzgesetze hinterher?

Das stimmt, wie gesagt hat die datenbasierte Recherche im angelsächsischen Raum eine stärkere Tradition. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel gehört es schon sehr lange zur Ausbildung von Journalisten, Datenbanken zu nutzen und mit strukturierten Informationen zu arbeiten. Ich würde aber den Begriff „Big Data“ für die meisten datenjournalistischen Projekte gar nicht benutzen. Das wäre definitiv eine Nummer zu groß und erforderte Kapazitäten, die in den meisten Newsrooms derzeit fehlen. Wir versuchen das auszugleichen, indem wir mit Kooperationspartnern zusammenarbeiten, die auch sehr umfangreiche Datensätze verarbeiten können – etwa aus dem wissenschaftlichen Bereich.

Datengetriebene Informationen über das lokale Wetter oder über kommende Veranstaltungen werden zunehmend automatisiert. Im Hinblick auf datengetriebene Prozesse: Wie sieht der Journalismus in zehn Jahren aus?

Ich halte es für sehr realistisch, dass wir in zehn Jahren noch mehr repetitive und stupide Tätigkeiten an Algorithmen abgeben werden. Wir merken schon heute, wie sehr uns Scraper beim Monitoring von Themen unterstützen können und wie unsere Berichterstattung profitiert, wenn wir bestimmte Arbeitsschritte automatisieren. Wie dieses Zusammenspiel optimal funktionieren kann, müssen wir noch in vielen Projekten testen und lernen. Vollständig werden uns Algorithmen aber nicht ersetzen, dafür sind die Kernkompetenzen im Journalismus aus meiner Sicht viel zu kreativ. 

Datenjournalismus, Spiegel, Christina Elmer