ZEIT ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner über die Magie des Journalismus

ZEIT ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner wird am 27. September zu Gast beim scoopcamp 2018 sein.

Das scoopcamp feiert am 27. September 2018 in der Hamburger Speicherstadt zehnjähriges Jubiläum. Im Rahmen der Medienkonferenz von nextMedia.Hamburg und der Deutschen Presse-Agentur (dpa) wird ZEIT ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner mit dem scoop Award ausgezeichnet. Wir haben im Vorfeld mit dem Preisträger über den neuen ZEIT-Podcast, Anforderungen im Journalismus und die Magie des Ausprobierens gesprochen.

In Ihrem neuen Podcast „Alles gesagt?“ entscheiden die Interviewpartner, wann das Gespräch zu Ende ist. Wie ist die bisherige Resonanz auf das Format?

Dafür, dass die Grundidee von „Alles gesagt?“ ein verkopfter Witz ist, ist die Resonanz wirklich sehr erfreulich. Unsere potentiell unendlichen Interviews sind nicht dann zu Ende, wenn wir denken, dass es jetzt wirklich reicht, sondern nur dann, wenn unsere Gesprächspartner aufhören wollen. Wir drehen die Situation um und sind ganz in der Hand der Interviewten. Das hat tatsächlich den therapeutischen Effekt, den wir uns erhofft hatten: Die Leute entspannen sich. Oft haben die Menschen in klassischen Interviews mit strenger Zeitbegrenzung, die von ihren Pressesprechern vorgegeben wird, genau dann noch etwas zu sagen, wenn die Zeit um ist, das Mikro aus. Eine andere Erfahrung ist, dass die meisten Interviewten – dazu gehöre ich selber auch – spätestens nach 90 Minuten zusammenbrechen, weil man sich gar nicht so lange konzentrieren kann, dann muss man irgendwas anderes machen, was anderes denken. Auch dann entstehen total spannende Sequenzen, bei denen die Leute plötzlich Wahrheiten erzählen. Wir haben es ja meist mit Profis zu tun, die eigentlich darin geschult sind, nichts zu sagen. Ich will das jetzt nicht verallgemeinern, aber es gibt Politiker oder Medienmenschen, die haben Dasselbe schon hundert Mal gesagt. Mein Studio-Partner Christoph Amend und ich sehen das ja auch in der Vorbereitung, wir lesen immer alles, was je über eine Person berichtet wurde. Die festgefahrenen Gesprächsformate durchbrechen wir mit Ausdauer – und bisher läuft es ganz gut. Wir hatten etwa die Justizministerin Katarina Barley drei Stunden und 40 Minuten interviewt, die hat wirklich erstaunliche Dinge erzählt. Grünen-Chef Robert Habeck hat live vor Publikum drei Stunden geschafft, der Koch Tim Raue auch, die Influencerin Sophie Passmann sogar vier. Wir machen das auch nicht im Ministerium oder bei uns in der Redaktion, sondern wir gehen bewusst in ein Wohnzimmer, nämlich in das unserer Produzentin Maria Lorenz. In Wahrheit ist es ein sehr teuer ausgestattetes Studio, hat aber die Atmosphäre einer 90er-Jahre-WG, es ist dort entspannter: Die Ministerin kam rein und zog erstmal die Schuhe aus.

Am Anfang dachten wir, niemand tut es sich an, solche riesigen Audio-Dateien herunterzuladen. Die Downloadzahlen sind trotz der niedrigeren Sendefrequenz aber noch etwas höher als bei unseren anderen, recht populären Formaten. Wir sind deshalb zufrieden und inzwischen bekommen wir sogar Anfragen von tollen Leuten: „Wollt ihr mich nicht auch mal interviewen? Ich wollte auch schon immer mal alles sagen.“

Mit dem Medienwandel haben sich auch die Anforderungen an Journalisten geändert. Welche Anforderungen sind über die letzten Jahre gleich geblieben und welche nicht?

Die Anforderungen an Journalisten sind im Kern dieselben, nämlich Journalismus zu machen. Journalismus hat in den vergangenen 20, 30 Jahren immer neue Substrate erlebt, auf denen er gleichsam aufgetragen wird. Aber das, was wir auftragen, ist ähnlich: Wir suchen nach Wahrheit und geben uns Mühe, sie darzustellen, das ist unser – natürlich unerreichbares  –  Ideal. Auch das Drumherum ist nicht so dramatisch anders, wie Medienwissenschaftler und Berater gerne tun: Zeitdruck gab es schon immer, je nach Medium für das man gearbeitet hat, auch die Interaktion mit Rezipienten war vor Facebook und Foren schon da – auch, wenn sie jetzt schneller und intensiver ist. Neu ist, dass alles gleichzeitig passiert. Wir können heute alles zugleich für unsere Erzählung nutzen: Video, Audio, Text, Grafik, Nutzerfeedback, Interaktionen. Wir coden sogar selber. Das sind Anforderungen, die es in den klassischen Redaktionen früher nur in streng getrennten Jobprofilen gegeben hat, nicht an eine einzelne Person. Und in großen Newsrooms haben wir bis heute Arbeitsteilung: Eine Videoredakteurin kann auch schreiben, sie konzentriert sich aber auf Video. Und dann gibt es Einhörner, die sehr spezielle Fertigkeiten haben, und die wir alle nachts im Wald jagen – codende Visualisierer zum Beispiel. Grosso modo suchen wir aber immer noch tolle Journalisten, und die grundlegenden Anforderungen an sie sind seit 70 Jahren gleich.

Im Journalismus werden innovative Ideen nicht nur bei der Formatentwicklung immer wichtiger, sondern auch in Hinblick auf Geschäftsmodelle. Was müssen Medienmarken machen, damit sich die Zahlungsbereitschaft beim Leser erhöht?

Verzeihen Sie bitte, aber Ihre Frage ist aus meiner Sicht irreführend. Viele Medien sitzen auf einem bunten Schatz von Geschäftsmodellen und es kann sein, dass es eines der Modelle ist, seine Inhalte zu verkaufen. Das ist derzeit schick, auch wir sind damit neuerdings erfolgreich, das muss aber nicht so sein. Ich glaube, es funktioniert umgekehrt: Wenn man das große Glück oder auch das Geschick hat, einen Medienmarkt zu erschaffen, die viele Leute lieben, dann gibt es alle möglichen Weisen, wie das ein Geschäft sein oder zu einem werden kann. Das kann durchaus auch Reichweiten- und Anzeigenvermarktung sein, oder ein Jobmarkt oder Konferenzen. Das Geschäftsmodell folgt aus der Marke, meist sind es viele Modelle.

Es gibt crowdfinanzierte Medien, die eigentlich eine Art Bewegung sind, zum Beispiel Republik in der Schweiz oder De Correspondent in den Niederlanden. Ihren Lesern geht es nicht nur darum, gute Inhalte gegen Geld zu bekommen, sie wollen auch Teil der Community sein. Die Geschichten, die von diesen Medien publiziert werden, sind manchmal gar nicht so besonders. Was die jedoch wirklich gut machen, ist, im Dialog mit ihren tausenden und zehntausenden Verlegern zu stehen. Das ist aber nur einer von vielen Wegen. Deswegen glaube ich, dass die Frage nach einem Geschäftsmodell viel größer ist, sie lautet: Wer sind wir?

Bei ZEIT ONLINE und DIE ZEIT betreiben wir einen ganzen Zoo von Geschäftsmodellen. Wir konzentrieren uns nicht auf eine einzige Sache, denn diese eine Lösung gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht für uns. Wir haben vor etwas mehr als einem Jahr als fast letztes Medium in Deutschland auch ein Online-Bezahlmodell entwickelt; wir haben aber auch Jobbörsen. Und klassische Anzeigenvermarktung. Die neuen Modelle, die wir uns jetzt gerade für 2019 überlegen, gehen wiederum in völlig andere Richtungen.

Unser noch recht junges Bezahlmodell ist für uns derzeit besonders spannend. Unsere Datenwissenschaftler beschäftigen sich schon eine ganze Weile mit der Frage, was sich da jetzt eigentlich verkauft und was nicht. Und finden: nichts. Wir können schon so ein paar allgemeine Regeln sehen, aber es ist nicht so, dass wir vor Publikation prognostizieren können, wie oft sich eine bestimmte Geschichte grob verkaufen wird – nur das wäre ja ein glaubwürdiger Test. Wir können nicht mit einer brauchbaren Wahrscheinlichkeit vorhersagen, dass dieser bestimmte Artikel aus Ressort x mit Zeichenlänge y, Autor z, den wesentlichen Themengebieten a, b, c, und Publikationsdatum q, 60 Prozent mehr verkaufen wird als andere Artikel. Wir probieren also rum, gucken, was den Lesern gefällt, und reagieren live. Wir stehen jeden Morgen auf und lassen uns überraschen. In diesem Umstand liegt für mich ganz allgemein die Magie des Online-Journalismus.

Am 27. September werden Sie als scoop-Award-Preisträger beim scoopcamp zu Gast sein, wo die Zukunft des Journalismus im Fokus stehen wird. Welchen Ratschlag haben Sie an den Nachwuchs?


Den einzigen Ratschlag, den ich auch selber befolge: Herumprobieren! Das klingt sehr einfach, ist vielleicht auch einfach; im Alltag ist es wahnsinnig schwer, herumzuspielen, weil man den ganzen Tag superwichtige Dinge zu tun hat, die Nachrichtenlage abbilden, auf Konferenzen sein, Strategierunden abhalten, den Stellenplan umbauen, Branchendiensten Interviews geben. Auch die Technik hat immer Wichtigeres zu tun, als irgendeine seltsame neue Idee auszuprobieren. Doch gerade weil wir so schlecht darin sind, die Zukunft von Medien und das Verhalten unserer Rezipienten zu prognostizieren, müssen wir alle unsere eigene Zukunft ständig neu ausloten und prüfen, was funktioniert, und wenn es funktioniert, dann genau da weiter machen. Es gibt inzwischen viele Medienorganisationen, die sich eine gewisse Freiheit zum Ausprobieren erkämpft haben. Die scheinen mir erfolgreicher zu sein als die, die das, was sie schon haben, ausschließlich bewahren. An Neues mit einer gewissen kindlichen Freude ranzugehen, und zugleich so erwachsen zu sein, um nicht gleich zu verzweifeln, wenn es dann schiefgeht – diese Balance finde ich wichtig. Die war wahrscheinlich auch vor hundert Jahren schon wichtig und wird auch in hundert Jahren noch wichtig sein.

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