Finanzen verstehen mit der Invest it! Academy

Finanzbildung, ja – aber bitte ohne Banken!

Die Welt der Finanzen, der Aktien, Anleihen, BIP und Bonds ist vielen fremd. Die Deutschen setzen noch immer vor allem auf das Sparkonto, auch wenn sie angesichts magerer Zinsen dadurch praktisch Geld verschenken. Eine Gruppe junger Gründer unter dem Namen „Invest it!“ bläst nun zum Angriff auf diese Bildungslücke.

„Geld ist nicht alles, aber wenn Du Dein Geld nicht kontrollierst, wird es Dich kontrollieren”, sagt Victor Neumann, einer der Gründer der Invest it! Academy, und will damit auch das Interesse jener wecken, die nicht stündlich auf dem Handy nach ihrem Depot schauen. Das Anliegen der jungen Unternehmer erinnert an den Tweet der 17-jährigen Schülerin, die sich im Jahr 2015 beschwerte, in der Schule Gedichtsanalysen zu lernen, aber nichts über „Steuern, Miete oder Versicherungen“ – und darüber eine ganze Bildungsdebatte entfacht hatte. Dabei seien nicht nur junge Menschen wenig bewandert, warnt der 18-Jährige.

Tatsächlich sprechen die Zahlen, etwa eine  Untersuchung  des Verbands der Privaten Bausparkassen, eine eindeutige Sprache: 45 Prozent der Deutschen legen ihr Geld demnach auf dem Sparkonto an, 40 Prozent sparen sogar nur mit dem Girokonto. 29 Prozent verlassen sich auf Renten- und Kapitallebensversicherungen, 28 Prozent setzen auf Bausparverträge. Gerade einmal 15 Prozent stecken Geld in Aktien. Eine Analyse  der Frankfurt School of Finance & Management und der Goethe-Universität im Auftrag der Deutschen Börse zeigt, dass vor allem überschätzte Risiken und ein Mangel an Informationen für die Skepsis der Deutschen verantwortlich sind. Deutschland ist international abgeschlagen: In den Vereinigten Staaten etwa betrage die Aktienquote 54 Prozent. „Die Leute verlieren Massen an Geld durch Inflation“, sagt Neumann.

„Was ist Inflation?”  heißt entsprechend eines der ersten Videos auf dem YouTube-Kanal der Initiative. Ihr Wissen haben sich die jungen Unternehmer selbst angeeignet, obwohl sie noch nicht oder erst kurz studieren: Das Team besteht aus Cornelis Kik (20 Jahre, studiert bald an der Frankfurt School of Finance and Management), Otis Mohr (18 Jahre, bald an der WHU – Beisheim School of Management), Söncke Evers (18 Jahre, studiert seit 2019 Mathe in Hamburg) und Tarek Adlany (21 Jahre, seit 2019 an der Frankfurt School of Finance and Management). Neumann selbst studiert ab September an der UCL in London Soziologie und Wissenschaftspolitik.

Der Umgang mit Geld werde an Universitäten und Schulen nicht unterrichtet, kritisieren die jungen Ideenentwickler, schon gar nicht, wenn man nicht gerade eine Lehre zum Bankkaufmann absolviert oder ein BWL-Studium. „Die Lehrer haben teilweise selbst nie richtig Finanzen gelernt“, sagt Neumann, „und sogar BWL-Studierende lernen zum Teil nichts über personal finance“ – also schlicht den Umgang mit dem eigenen Geld. Dazu gehört auch, Abo-Fallen zu erkennen. Teure Handys für vermeintlich „1 Euro“ werden besonders an sozial schwache Familien verkauft, in denen es erst recht an finanzieller Bildung mangelt.

Aber braucht es wirklich noch eine weitere Quelle für Informationen über Geld? Unabhängige Informationen seien bei Google nur vier bis fünf Klicks entfernt, räumt Neumann ein, „aber sie sind nicht gut aufbereitet“. „Schlecht formatierte PDFs von Banken“ gebe es zwar, aber die würden den Interessierten logischerweise nahelegen, eine Leistung der Bank in Anspruch zu nehmen. Ähnliches gilt für YouTube-Videos, in denen das Depot einer bestimmten Bank erläutert wird – dann profitiert die Quelle von Affiliate-Links. Andere Angebote haben einen Hauptsponsor oder Bildungspartner. Das sei dann oft eher eine Werbeveranstaltung, verantwortungsvoller Umgang mit Geld stehe dabei nicht im Vordergrund.

Dieser Befund deckt sich mit den Erkenntnissen einer Studie des von Banken und Versicherungen finanzierten Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA). Demnach gebe es viele Angebote für Finanzbildung, aber es sei „extrem zersplittert“ und setze ein hohes Interesse voraus – ein solches fehle aber. Einer Umfrage des DIA zufolge würden sich 59 Prozent der befragten jungen Erwachsenen und Jugendlichen ein gutes Wissen zum Thema Sparen attestieren, aber nur 26 Prozent behaupten dasselbe über ihr Börsenwissen.

„Finanzbildung sollte kein Thema der Finanzindustrie sein“, sagt Neumann. „Invest it!“ soll daher auch bis auf weiteres ohne Werbung für Banken und Versicherungen funktionieren. Stattdessen haben er und sein Team sich im März bei unserem Inkubator MEDIA LIFT  beworben, mit dem wir innovative Geschäftsideen aus den Bereichen Content und Tech mit bis zu 15.000 Euro unterstützen. Die Jury wählte „Invest it!“ als eines von fünf Teams in das Inkubator-Programm.

Der Inkubator ist für das Team von „Invest it!“ und ihre Mission eine wesentliche Hilfe. „Ohne MEDIA LIFT wären wir ein paar Jungs, die Taschengeld zusammenlegen.“ Workshops und Budget hätten zudem geholfen, aus einer Idee einen Verein zu machen, der dank finanzieller Unterstützung durch den Inkubator zwei Jahre überleben könne. Die Gemeinnützigkeit des Vereins ist schon beantragt. „2022 wollen wir uns tragen können, dafür sprechen wir mit Partnern und Stiftungen.” Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) ist als Partner schon an Bord. Die jungen Gründer hoffen noch auf die Stadt Hamburg, die Bundeszentrale für Politische Bildung oder sogar ein Ministerium.

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