Alan Rusbridger (Principal of Lady Margaret Hall, University of Oxford) referierte als dritter Keynote-Speaker über aktuelle Entwicklungen der Medienwelt. Fotocredit: Christian Charisius

scoopcamp 2019 thematisiert Herausforderungen und Innovationen der Medienbranche

Die Zukunft des Journalismus? Visuell, interdisziplinär und ausdifferenziert!

Bei der Innovationskonferenz für Medien kamen rund 250 Journalisten, Entscheider und Innovatoren zusammen, um in Vorträgen, Talkrunden und Workshops die aktuellen Themen der Medienlandschaft zu diskutieren. Prominente Keynote-Speaker*innen wie Alan Rusbridger und Shazna Nessa teilten spannende Thesen zum Journalismus der Zukunft, ehe interaktive Workshops und Diskussionsrunden den Konferenztag abrundeten.

„Die Themen, die wir heute besprechen werden, könnten in unseren turbulenten Zeiten nicht relevanter sein.“ Mit diesen Worten eröffnete Nina Klaß, Leiterin von nextMedia.Hamburg, das elfte scoopcamp in der Hamburger Speicherstadt, das auch in diesem Jahr wieder um die 250 Media Worker zusammenbrachte. Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, schloß sich in seiner Begrüßungsrede den Worten von Klaß an und unterstrich die Bedeutung des scoopcamp: „Das scoopcamp hilft der Medienbranche, im direkten Austausch mit hochkarätigen Speakern aus der ganzen Welt und durch Vernetzung geeignete Antworten für die Zukunft zu finden. Es betont, dass Journalismus immer Mittel zum Zweck der Kommunikation ist. Unabkömmliche Werte sind Wahrhaftigkeit und Vertrauen – sie gilt es auch in Zukunft zu stärken.“ Mit einer anschaulichen Analogie zum Boxsport verdeutlichte Brosda im Anschluss zudem die Notwendigkeit von visuellem Journalismus: „One on the eye is more effective than eight on the ears.“
Mit dem nächsten Programmpunkt rückte der visuelle Journalismus dann auch endgültig in den Mittelpunkt: Anita Zielina (Director of News Innovation and Leadership, Craig Newmark Graduate School of Journalism, CUNY) hielt eine Laudatio auf Shazna Nessa, die für die Entwicklung zahlreicher innovativer News-Produkte und das Vorantreiben von interaktiven und visuellen Formaten ausgezeichnet wurde. „In unserer sich wandelnden Medienwelt braucht es Journalisten, die Menschen hinter sich versammeln und den Journalismus in die Zukunft führen. Shazna Nessa gehört zu dieser sehr seltenen Art von Journalisten. Sie steht für Innovation und hat mit ihrem Fokus auf einen visuellen Journalismus die gesamte Medienbranche nachhaltig verändert“, so Zielina, die sich bei Nessa für zahlreiche Inspirationen bedankte.
Im Anschluss an Ihre Auszeichnung zeigte Nessa in ihrer Keynote mit dem Titel „Flipping the journalism paradigm with textured storytelling and design at the center“ auf, wie Ideenreichtum und Innovationskraft bei einem informierten und engagierteren Publikum Wirkung entfalten können. Mit Praxisbeispielen aus den Bereichen Datenvisualisierung, Künstliche Intelligenz und immersives Storytelling verdeutlichte sie die enormen Möglichkeiten, die sich durch den Einsatz visueller Elemente für den Journalismus ergeben können. Visuals könnten komplexe Sachverhalte vereinfacht darstellen und Nutzer*innen erzählerisch durch große Datenmengen führen. Gleichzeitig appellierte sie an ihre Zuhörer*innen, nicht nur Journalismus zu betreiben, sondern ihn mit allen Fähigkeiten, die man habe, weiterzuentwickeln. „Take risks!“, forderte die Preisträgerin. Interdisziplinäres Arbeiten bringe viele verschiedene Perspektiven zusammen und fördere so den Journalismus.  Natürlich durfte auch die Frage nach der Monetarisierung von Inhalten nicht fehlen, bei der sich Nessa auf Rückfrage für das von The Wall Street Journal praktizierte „Membership-Modell“ aussprach.

Der visuelle Journalismus stand anschließend auch bei Jeremy Caplan (Tow-Knight Center for Entrepreneurial Journalism, City University of New York) im Fokus. Ob holografische Displays, personalisierte Videos oder KI-generierte Audiodateien – Caplan präsentierte im Rahmen seiner Keynote zahlreiche Visual-Tools sowie nützliche Apps, Websites und Ressourcen und zeigte damit die Bandbreite an technologischen Möglichkeiten auf, die den Menschen heute schon zur Verfügung stehen. Er sprach wortwörtlich von einem „goldenen Zeitalter für visuellen Journalismus“. Gleichzeitig warnte Caplan davor, Hypes blind zu folgen. Der Journalismus brauche mehr als nur Technologie-Trends, um sich weiterzuentwickeln. Vielmehr seien es neue Kreationsprozesse und veränderte Organisationsstrukturen, die den Journalismus nachhaltig verändern würden.

Alan Rusbridger (Principal of Lady Margaret Hall, University of Oxford) thematisierte als dritter Keynote-Speaker aktuelle Entwicklungen der Medienwelt. Der langjährige Chefredakteur und Herausgeber der britischen Tageszeitung The Guardian widmete sich der gegenwärtigen Vertrauenskrise des Journalismus und mahnte, dass sich der Journalismus wieder mehr auf seine Basics konzentrieren müsse. Ehe man über Geschäftsmodelle für den Journalismus nachdenke, müsse man sich die Frage stellen, wofür der Journalismus überhaupt stehe. Hier sehe er das Generieren von Fakten, denen die Menschen vertrauen können und die unsere Gesellschaft unbedingt brauche, als Kernelement an. Denn Gerechtigkeit funktioniere nicht ohne Fakten. Aus diesem Grund sprach er sich auch für Nachrichten als ein öffentliches Gut aus und forderte, dass der Zugang zu Informationen nicht durch Paywalls verhindert werden dürfen. Wie aber Inhalte monetarisieren? Aus seiner Sicht brauche es hierfür eine Art Freiwilligen-Modell, ganz nach dem Motto „I pay so everyone can read“.

Für den Abschluss des Kongressvormittags sorgte Helge Birkelund (Vice President of Sports, Amedia), der am konkreten Fallbeispiel von Amedia Direktesport aufzeigte, wie das norwegische Medienhaus in den vergangenen Jahren dank lokaler Sportstreaming-Angebote enorm gewachsen ist. Das Erfolgsgeheimnis: Mit möglichst geringen Mitteln ein möglichst großes Angebot schaffen. Es gehe nicht um die Frage, ob für die Übertragung einer Sportveranstaltung zwei oder drei Kameras benötigt werden, sondern um die Frage, ob man das Spiel überhaupt überträgt. Auf diese Weise könnten Nischen besetzt und Angebote geschaffen werden, die es zuvor einfach nicht gab. Heute streamt Amedia Direktesport jährlich über 3.000 Sportereignisse. Die Kombination aus lokaler Relevanz und emotionalen Reportern, die den Zuschauern den lokalen Enthusiasmus vermitteln, funktioniere überraschend gut und habe die Abonnentenzahlen auf ein neues Rekordhoch anwachsen lassen.

Nach einer kurzen Mittagspause eröffneten die Teams unseres Inkubator-Programms MEDIA LIFT den Nachmittag: Wallie., WUNDERPARC, SPACE WALK, NewsSeam und auch BotTalk stellten ihre innovativen Geschäftsideen vor und gaben damit einen Vorgeschmack auf den finalen Graduation Pitch, der am 23. Oktober stattfindet.

Danach warteten nach alter scoopcamp-Tradition interaktive Workshops und Diskussionsrunden an verschiedenen Locations auf die Gäste. So sprachen Joachim Dreykluft, Marlene Borchardt und Barbara Maas (alle HHLab der shz) zum Thema „Neu denken statt meckern: Wir bauen eine Medienutopie“. Martin Schön und Milan Bargiel (beide ZEIT ONLINE) verkündeten das „Ende der Bauklötzchen“ und schilderten, warum sie ihr eigenes CMS hackbar gemacht haben. Juan Labourt (Google UK) stellte in seinem Workshop Tools zum besseren Verständnis von Zielgruppen vor. Der Workshop von Christian Pieper (FUNKE digital) und Katja Fleischmann (dpa) stand unter dem Motto „Story driven Reader Revenue: Nutzer*innen mit den richtigen Inhalten zu zahlenden Kund*innen machen“. Und auch Jeremy Caplan hielt, zusätzlich zu seiner Keynote, einen Workshop ab. Hier konnten die zuvor vorgestellten Visual-Tools getreu der Devise „Hands On with New Tools for Visual Storytelling“ in der Praxis angewendet und ausprobiert werden.

Das Abschluss-Panel mit Anita Zielina (Director of News Innovation and Leadership, Craig Newmark Graduate School of Journalism, CUNY), Romanus Otte (Executive Publisher, Business Insider Deutschland), Astrid Maier (Chefredakteurin XING News, XING SE), Peter Kropsch (Vorsitzender der Geschäftsführung, Deutsche Presse-Agentur dpa) und Marco Fenske (Chefredakteur, RedaktionsNetzwerk Deutschland RND) beantwortete schließlich die wichtigsten Fragen des Tages: Haben die Medien die richtigen Formate? Schränkt der Vertrieb die Pressefreiheit ein? Und vor allem: Wie sehen die Business-Modelle der Zukunft aus? Romanus Otte machte deutlich, dass es hier nicht das eine Modell als Lösung für alle Wettbewerber gäbe, sondern sehr ausdifferenzierte Finanzierungsmodelle für sehr ausdifferenzierte Journalismus-Modelle. Anita Zielina merkte an: „Wir sollten weg von der Frage: Wie verdienen wir Geld? Vielmehr sollten wir uns fragen: Wie schaffen wir es, Inhalte zu produzieren, für die Nutzer bereit sind zu bezahlen? Produzieren wir wirklich etwas, das die Zielgruppe bedient?“ Man müsse sich die Frage stellen, wie relevant die eigene journalistische Arbeit sei und was die Nutzer*innen wirklich lesen wollen. Astrid Maier lobte diese Entwicklung und wies darauf hin, dass erfolgreiche digitale Produkte nicht entstehen könnten, wenn Abteilungen getrennt voneinander arbeiten würden. Marco Fenske bilanzierte schließlich: „Der Kern des Journalismus wird gleich bleiben: Journalismus muss auch in Zukunft einordnen, Haltung geben, bewerten und Debatten führen.“

Beim abschließenden Get-together kamen erfahrene Experten der Medienbranche und junge Nachwuchs-Journalisten zusammen, um die Erkenntnisse des Tages in persönlichen Gesprächen zu vertiefen. Wir freuen uns schon jetzt auf das scoopcamp im nächsten Jahr, das am 24. September 2020 in Hamburg stattfindet. Vergünstigte Crazy Bird-Tickets gibt es hier.

Spannende Einblicke vom scoopcamp 2019 gibt es auch in unserem Buzz Rank. Außerdem gibt es ein Re-Live der Eventübertragung auf YouTube. Und hier noch das offizielle Video, das den Tag auch visuell zusammenfast.

Fotocredits: Christian Charisius

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