Metaverse

Metaverse – Wie geht es nach dem Hype weiter?

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Metaverse - Wie geht es nach dem Hype weiter?

Beim diesjährigen OMR-Festival und einigen weiteren Veranstaltungen haben wir uns schon mit dem Thema Metaverse beschäftigt. Aber was ist eigentlich der aktuelle Status des Metaverse? Welche Player sind beteiligt? – Andreas Günter, Senior Consultant Mobile Strategy & Products bei Ströer Media Solutions und Leiter des BVDW Metaverse Technology Lab, hat uns in einem Interview einen Überblick zum Status quo gegeben.

Was ist der Status quo des Metaverse und wie siehst Du die Entwicklung der nächsten Jahre?

Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig vorab zu klären, was wir als Metaverse definieren.

Die ultimative Vision des Metaverse, gemäß dem BVDW, ist ein dezentralisiertes, interoperables, beständiges und mit allen Sinnen wahrnehmbares digitales Ökosystem mit unbegrenzter Nutzerkapazität. Es wird sowohl in einer erweiterten (Augmented Reality, AR) als auch in einer rein virtuellen Realität (Virtual Reality, VR) mit der physischen Welt koexistieren.

Außerdem ist es wichtig die Begriffe Metaverse und Web3 nicht gleich zu setzen. Zwar sind einige Komponenten des Metaverse vom Web3 inspiriert, das Metaverse umfasst aber einiges mehr.

Die aktuell größte Herausforderung ist die Zugänglichkeit zum Metaverse. Verstärkt durch den Hype im letzten Jahr haben mehr Nutzer virtueller Metaverse-Welten wie das Decentraland oder Horizon Worlds besucht. Aber die Verbreitung von Datenbrillen und der damit mögliche Zugang zum Metaverse ist immer noch gering. Auch gelingt es den Metaverse-Welten noch nicht die Nutzer langfristig an sich zu binden.

Solche virtuelle Welten – wir finden an dieser Stelle den Begriff Avatar Worlds treffender – werden noch lange eine untergeordnete Rolle im Metaverse spielen. Das echte Potenzial wird sich voraussichtlich mit Hilfe von AR entfalten.

Die nötigen AR-fähigen Datenbrillen für den Massenmarkt werden in den kommenden zwei bis drei Jahren erwartet. In diesem Zeitraum ist es notwendig das bestehende G5-Netz weiter auszubauen und zu optimieren. Ein über AR erlebbares und beständiges Metaverse, das sich über die physische Welt legt und diese mit digitalen Objekten ergänzt, benötigt zwingend diese breitbandige Netzinfrastruktur.

Spannend werden auch die Antworten auf die Forderungen zur Interoperabilität und Dezentralisierung des Metaverse. Wird sich die Branche auf einen gemeinsamen, augmentierten Raum mit offenen Standards verständigen oder werden hier noch viel größere Walled Gardens entstehen? Der BVDW hat diesbezüglich im Mai 2023 ein Positionspapier veröffentlich, indem die Politik gefordert wird, frühzeitig auf die Entwicklung zu reagieren und Verantwortlichkeiten auf einem adäquaten Level zu adressieren.

Dass der Hype aus dem letzten Jahr 2023 abflacht, war vorherzusehen. Seit diesem Jahr sind wir nach dem klassischen Hypecycle im Tal der Enttäuschung angekommen. Spannend wird es, wenn das durchschritten ist und es produktiv wird. Ich persönlich rechne damit in den kommenden fünf Jahren.

Noch gibt es eine Vielzahl von offenen Punkten und es werden gigantische Summen von Firmen investiert, um diese weißen Flecken als erste zu besetzen und zu beeinflussen. Viele betrachten das Metaverse als das letzte große Rennen im Digitalbereich, in dem der Gewinner den Zugang und den Inhalt der Metaversen maßgeblich beeinflussen kann. Ähnlich dem jetzigen App-Kosmos, welcher von Apple und Google dominiert und größtenteils reguliert wird. Denkt man in diesem Sinne das Metaverse als zukünftige Plattform, bei der der Anbieter an allen darin stattfindenden Transaktionen mitverdient, erschließen sich auch die getätigten Investitionen der großen Technologieunternehmen.

Wie ist der Hamburger Standort aufgestellt?

Hamburg hat einen sehr attraktiven Standort für Technologieunternehmen geschaffen. Besonders innovative Branchen – wie zum Beispiel die Videospieleindustrie – hat es über die letzten Jahre nach Hamburg gezogen. Nirgendwo sonst in Deutschland entwickeln so viele Menschen Browsergames, Mobilegames und Online-Spielen.

Hamburg ist ebenfalls ein führender Medienstandort für Verlage und Vermarkter. Sekündlich wird von hieraus der digitale Raum mit relevanten und spannenden Inhalten gefüllt sowie Marken die Bühne geboten ihre Produkte zu präsentieren.

Auch für Spitzentechnologien wie KI ist in Hamburg über das ARIC (Artificial Intelligence Center Hamburg) ein Forum geschaffen worden, welches eine gezielte Förderung und nachhaltige Nutzung der im KI-Bereich liegenden Potenziale ermöglicht.

Wie schätzt Du die Rolle von KI und der Blockchain-Technologie im Metaverse ein?

Ich bin der Auffassung, dass KI ein fester Bestandteil unseres zukünftigen Lebens sein wird. Sie wird uns in allen Lebensbereichen sowohl positiv als auch negativ begleiten. Das Metaverse wird von dieser Entwicklung nicht ausgenommen werden. Beide Technologien sind jedoch unabhängig und können auch getrennt erfolgreich koexistieren. Gemeinsam aber werden sie das Leben, wie wir es kennen, umfassend beeinflussen. Assistenzsysteme und virtuelle Assistenten werden uns den Alltag erheblich vereinfachen und das Zusammenleben optimaler organisieren. Gleichzeitig werden wir über eine wesentlich höhere Medienkompetenz verfügen müssen, um KI unterstütze Inhalte erkennen zu können.

Auf die Blockchain-Technologie blicke ich mit einer gewissen Skepsis. Bisher fehlt der über die Kryptowährung hinausgehende, sinnvolle Anwendungsfall. Viele mit der Blockchain einhergehende Technologien können grundlegend auch ohne diese umgesetzt werden. Die Technologie, wie sie aktuell definiert ist, weist des Weiteren einige wesentliche Probleme auf, zu denen es noch keine Lösungen gibt. So lässt sie sich nur sehr schlecht skalieren und Transaktionen sind immer endgültig. Auch die persistente ID der Wallet, in der die digitalen Güter transferiert werden, widerspricht den aktuellen Anforderungen des Datenschutzes. Die Idee über ein transparentes System Intermediäre auszuschalten und die Kontrolle wieder verstärkt in Nutzerhände zu übergeben ist ein nachvollziehbares Ziel. Doch ob die Blockchain in ihrer aktuellen Form die Lösung ist, bezweifle ich stark. Vielmehr gehe ich von einer Lösung der Mitte aus, welche weniger dezentralisiert, aber auch geringer von Intermediären reguliert ist und so aktuelle Defizite lösen kann. Unabhängig davon ist die Blockchain keine Technologie, welche für das Metaverse vorausgesetzt wird.

Wie werden sich die sozialen Interaktionen im Metaverse im Vergleich zur physischen Welt verändern und welche Herausforderungen siehst Du bei der Schaffung einer realistischen virtuellen Umgebung?

Das Metaverse verstehen wir als Mixed Reality, in der die physische und virtuelle Welt verschmelzen. Virtuelle Umgebungen sind nur ein Teil dieser neuen Realität. Die Gestaltung wird sich stark dem Inhalt unterwerfen. So wird es hyperrealistische bis hin zu cartoonartigen Umgebungen geben, denn dem Erscheinungsbild sind keine Grenzen gesetzt.

Mit der Unreal Engine 5 ist es inzwischen möglich visuell gesamte Welten und Personen zu erschaffen, die wir nur noch schwer oder gar nicht als künstlich identifizieren können. Noch sind diese Welten nur auf hochwertigen Spiele-PCs oder Konsolen der neusten Generation zu simulieren. Doch betrachtet man die Leistungssteigerungen unsere mobilen Endgeräte und die Möglichkeiten Inhalte in der Cloud zu rechnen, wird es nicht mehr lange dauern, bis diese hyperrealistischen Welten auch mit Hilfe eines mobilen Endgeräts auf einer Datenbrille verfügbar gemacht werden können. 2023 haben Sony und Lego jeweils 1 Milliarde USD in das Unternehmen Epic Games, dem Unternehmen hinter der Unreal Engine, investiert, um die gemeinsame Vision des Metaverse weiter voranzutreiben.

Bezogen auf die Darstellung einer realistischen virtuellen Umgebung sind wir jetzt schon an einem sehr fortgeschrittenen Punkt angelangt. Viel wichtiger wird es zukünftig diese Welten mit Inhalten zu füllen, um die Nutzer an diese Welten zu binden.

Auch soziale Interaktionen werden sich ähnlich stark verändern, wie es die neuen Kommunikationsformen des Web 2.0 getan haben. Die Datenbrillen werden uns völlig neue Wege eröffnen miteinander zu interagieren. Kommunikationspartner können beispielsweise als Hologramm in den Raum projiziert werden, wobei ihre Erscheinungsform beliebig akustisch wie auch optisch manipuliert sein kann. SnapChat- und TikTok-Filter sind nur ein erster Vorgeschmack.

Aber auch Avatare werden alternativ zum manipulierten, menschlichen Erscheinungsbild Einzug erhalten. Wir werden uns mit der Erkenntnis arrangieren müssen, dass alles, was wir in einer Kommunikation wahrnehmen, möglicherweise manipuliert ist.

Die große Herausforderung wird sein, Wege zu finden, die Nutzer vor negativen Manipulationen zu schützen. Neben einer erhöhten Medienkompetenz müssen Soziale Dienste zukünftig mehr zum Schutz ihrer Nutzer beitragen und Regierungen mit entsprechenden Regulierungen für die Umsetzung sorgen.

Welche Player in Hamburg sind Deiner Meinung nach besonders relevant für die Entwicklung des Metaverse? Gibt es bereits Hamburger "Lösungen"?

Wichtige Player national betrachtet sind aus meiner Sicht unter anderem die Unternehmen der lokalen Videospieleindustrie, die Agenturen, Vermarkter und Verlage. Die Videospieleindustrie besitzt in großem Umfang das Wissen über die notwendige Software und Kenntnisse in puncto Programmiersprachen, die Datenstrukturen sowie Algorithmen, welche man benötigt, um die digitalen Inhalte in den physischen Raum zu transportieren. Statt Objekte in einer Spielewelt zu platzieren, kann dies dann in der realen Welt passieren. Videospiele-Designer haben das Wissen, wie man 3D-Objekte für unterschiedliche Zwecke optimal gestaltet und intuitiv mit ihnen interagiert. Das sind wichtige Faktoren, um Inhalte optimal ins Metaverse zu transferieren.

Ein weiterer wichtiger Industriezweig ist die Agentur und Vermarkter-Szene. Sie hat das Thema Metaverse letztes Jahr rasant adaptiert und Lösungen für ihre Kunden entwickelt. In kürzester Zeit wurden zahlreiche Kampagnen in den Vorläufern des Metaverse umgesetzt. Die daraus gewonnen Erkenntnisse haben stark dazu beigetragen, die Defizite und Herausforderungen zu identifizieren, welchen nun angegangen und gelöst werden können.

In Hamburg ist die digitale Contentindustrie stark vertreten. Europäische Vorgaben und Musterlösungen lassen sich effizient und mit einer Vielzahl von Partnern umsetzen. Die räumliche Nähe zueinander erhöht die Chance das in Hamburg viele Ideen sehr früh umgesetzt werden können und neu gewonnenes Wissen früh in die dort ansässigen Unternehmen fließt.

So dient auch der von der Stadt Hamburg getragene Verein nextReality.Hamburg e.V. dazu, die vielseitigen Potenziale, Stärken und Angebote rund um XR-Technologien und -Medien zu bündeln. Mit dem Ziel die Branche weiterzuentwickeln, Sichtbarkeit zu schaffen und den Standort Hamburg als XR- und Medien-/Digitalstandort zu festigen.

Einen weiteren wichtigen Schritt geht die Handelskammer Hamburg. Sie startet ab August den ersten Metaverse-Ausbildungsgang. Die ausgebildeten Fachkräfte sollen in Unternehmen an der Produktion immersiver Medien arbeiten.

Hamburg hat die richtigen Weichen stellt und es gibt eine Vielzahl an Unternehmen und eine hohe Anzahl an Fachkräften, die sich mit Zukunftstechnologien auseinandersetzen, welche auch in ähnlicher Form im Metaverse zum Einsatz kommen werden.

Wie geht es weiter? Wir werden unsere Lebenswelten zukünftig im Metaverse aussehen?

In der Arbeitswelt werden wir keine Monitore mehr benötigen, da die Arbeitsbereiche über die Datenbrille ergonomisch optimal in den Raum eingeblendet werden. Die Daten kommen aus der Cloud und die Verarbeitungsleistung aus dem Smartphone.

Eine Herausforderung ist sicherlich die Entwicklung einer Datenbrille, die für die breite Masse zugänglichen ist, sowie die Bereitstellung von Inhalten, die die Lebenswelt der Nutzer optimieren oder anreichern. Über das Smartphone werden wir dann die Dienste und Inhalte für das Metaverse individuell aktivieren können. Beispielsweise Navigations-Apps, die die Zielführung in die reale Welt einblenden. Auch ganze Stadtführungen können wir dann mit einem virtuellen Guide erleben, der uns zu den interessanten Orten spannende Details enthüllt. In Museen werden wir virtuelle Avatare aktivieren können, welche uns durch die Ausstellung führen und Informationen auf attraktive Art und Weise präsentieren. Dinosaurier können zum Leben erweckt werden und unsere Datenbrille überblendet die ausgestellten Knochen mit Haut und leichten Animationen.

Auch beim Sport oder beim Kochen werden wir auf intelligente Assistenten zurückgreifen können. Über die Vielzahl schon existierender und noch kommender smarter Endgeräte kann der Sport-Assistent auf unseren Puls und auf die Strecke zurückgreifen, um uns optimal zu motivieren und zu coachen. In der Küche weiß der Assistent, welcher Topf auf welcher Herdplatte steht und wie lange er dort noch bei welcher Temperatur stehen soll.

Generell könnten im Sichtfeld unterschiedliche Widgets eingeblendet werden, die relevante Informationen anzeigen. Ähnlich den Benachrichtigungen oder Statusanzeigen auf dem Smartphone.

Auch die Kino- und die Theaterbranche kann die neue Dimension geschickt einsetzen, um uns das Betrachtete noch intensiver erleben zu lassen. So kann es im Saal plötzlich beginne zu schneien oder es fliegen uns die Stücke einer Explosion wortwörtlich um die Ohren.

Das Metaverse wird aber auch unsere Wahrnehmung der Welt verändern können. So werden Filter das Gras saftiger färben und die Wiesen mit Blumen ergänzen.  Weiße Weihnachten sind dann kein Wunsch mehr, sondern virtuelle Schneeflocken fallen vor unserem Fenster und die Straßen sind mit einer dicken Schneeschicht überzogen. Sogar der Schlitten vom Nikolaus kann am Himmel ausgemacht werden.

Ich könnte diese Liste nahezu unbegrenzt fortführen und wir haben auch schon eine große Anzahl an Anwendungsszenarien identifiziert, die vor keiner Lebenssituation oder Branche Halt macht.

Das Metaverse ist die nächste digitale Revolution. Wie das Internet wird es unser Leben stark beeinflussen. Die finale Ausgestaltung ist in vielen Bereichen noch offen und bietet Raum für spannende Ideen, der von Kreativen aus der ganzen Welt gestaltet werden kann.

Der Metaverse-Experte Andreas Günter ist Senior Consultant Mobile Strategy & Products bei Ströer Media und Leiter des BVDW Metaverse Technology Labs.

Andreas Günter
Hamburg

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