War bereits 2011 als Keynoterin dabei und stattet dem scoopcamp nun einen zweiten Besuch ab: Shazna Nessa.

Shazna Nessa (The Wall Street Journal) im Exklusiv-Interview

Warum visueller Journalismus so wichtig ist

Im Rahmen des scoopcamp 2019 wird Shazna Nessa, Head of Visuals bei The Wall Street Journal, mit dem scoop Award ausgezeichnet werden und im Anschluss eine Keynote halten, die aufzeigt, wie Ideenreichtum und Innovationskraft im Journalismus Wirkung entfalten können. Für die Wahl-New Yorkerin ist es bereits der zweite Hamburg-Besuch, nachdem sie schon 2011, damals noch als Director of Interactive von The Associated Press, eine Keynote beim scoopcamp hielt. Wir haben uns im Vorfeld der jetzt anstehenden Innovationskonferenz für Medien mit ihr über visuelles Storytelling, Interdisziplinarität in Teams und den zukünftigen Möglichkeiten von AI und VR unterhalten.

Bei ihrem letzten scoopcamp-Besuch 2011 haben Sie die Disruption des Digitaljournalismus thematisiert, der durch Rechercheprojekte wie Panama Papers und Football Leaks in der Tat zunehmend in den Fokus geraten ist. Wie haben Sie persönlich die Entwicklung des Journalismus in den letzten Jahren wahrgenommen?

Bei meiner scoopcamp-Keynote 2011 habe ich auf die Schwierigkeiten und Störungen, die durch neue Technologien, große Datenmengen und das Web verursacht werden, hingewiesen, gleichzeitig aber auch die Möglichkeiten aufgezeigt, die sich daraus für neue, visuelle Formen des Storytellings ergeben. Unsere Telefone haben sich immer mehr zu leistungsstarken Computern mit Kameras und Videorekordern entwickelt, die Bildschirme sind unfassbar groß geworden und neue Designmuster sind bei Plattformen wie Facebook, Apple, Instagram und Snapchat eingeführt worden. All dies hat zu einer neuen Vitalität des gesamten Bereiches geführt.  Und obwohl auf der ganzen Welt so viel fantastischer visueller und multimedialer Content produziert wird, gibt es in den meisten Redaktionen noch viel Potenzial, wenn es darum geht, visuelle und multimediale Inhalte gegenüber Standardtexten zu priorisieren. Ganz klar: Visuelle Journalisten sind keine Verpacker, sondern nutzen ihr Handwerk für eine effiziente Vermittlung von Informationen.

Bei The Wall Street Journal verantworten Sie die visuelle Strategie der Tageszeitung mit der Aufsicht über die Grafik-, Foto-, Design- und Nachrichten-Entwicklerteams. Welche Rolle spielen neue Technologien wie Virtual und Augmented Reality bei Ihrer Arbeit?

Wir haben schon einige großartige Experimente mit AR und VR durchgeführt, zu denen unter anderem eine Anwendung gehört, die wir in Kooperation mit der Emblematic Group entwickelt haben. Diese versetzt die Benutzer in eine 3D-Visualisierung mit Live-Marktdaten, ist allerdings kein Format, das wir in irgendeiner Weise skaliert haben. Denn in Dinge einzutauchen, Technologien auszuprobieren und sich Wissen anzueignen, kann unheimlich wertvoll sein, aber ohne eine breite Akzeptanz des Formats gestaltet sich der Einsatz von Ressourcen schwierig. Was ich damit sagen möchte: Man sollte zwar immer wieder neue Dinge ausprobieren, genauso aber auch aufhören, wenn sie keinen Sinn machen. Und dann wieder anfangen, wenn die Welt dafür bereit ist.  

Was sind die Vorteile von VR und AR gegenüber traditionellen Medienformaten?

Mit VR können Sie jemanden in eine Geschichte einbinden, so dass er diese hautnah erlebt. Virtual Reality ermöglicht einen ganz nahen Zugang zu Sehenswürdigkeiten, Geräuschen und Bereichen, die man normalerweise nicht ergründen kann. AR hat ähnliche Effekte und ist deutlich zugänglicher, da schon ein einfaches Smartphone für die Nutzung von Anwendungen ausreicht. Ich habe kürzlich mit Nonny de la Pena bei der „Future of Everything“-Konferenz des Wall Street Journals in New York interviewt.  Sie sagte, dass sich AR und VR bis 2030 zum Mainstream entwickeln werden. Und in der Tat: Es ist schwer vorstellbar, dass wir in Zukunft auf höher entwickelte Formate verzichten und auf unseren Flatscreens sitzen bleiben werden. Insofern ist der Einsatz von VR der offensichtlichste nächste Schritt zu noch intensiveren Erfahrungen.

Der Journalist von heute muss nicht mehr nur schreiben, sondern auch Videos drehen, Audiosequenzen aufnehmen, Foto schießen und diese bearbeiten können. Ist das ein Trend, der sich in den nächsten Jahren weiter verfestigen wird?

Das hängt natürlich von der Situation ab. Aber im Idealfall gibt es viele verschiedene Experten, die gemeinsam an Projekten arbeiten. Andernfalls büßt man eine gewisse Qualität und Nuancierung in einzelnen Arbeitsbereichen ein.

Größere Big Data-Projekte sind ein gutes Beispiel für ein solches interdisziplinäres Arbeiten. Sie lassen sich nicht alleine stemmen und verlangen die Zusammenarbeit verschiedenster Abteilungen. Programmierer, Designer und Journalisten arbeiten dann gemeinsam an der Auffindbarkeit und Darstellung der Information. Inwieweit verbessert eine solche Interdisziplinarität das Endprodukt?

Die Zusammenarbeit verschiedenster Abteilungen ist unvermeidlich, dafür gibt es einfach zu unterschiedliche Skills und zu viel Wissen. Eine Person kann schlichtweg nicht alles wissen. Generell sind viele Mitarbeiter von Visual-Teams Experten in einer Reihe von Bereichen, die neben dem Journalismus auch Datenanalyse und -visualisierung, Softwareentwicklung, 3D oder Design umfassen können.

Sie haben kürzlich gesagt, dass es nun Zeit für einen Paradigmenwechsel sei.  Die Journalisten, ihre Skills und ihre Arbeit müssten sichtbarer werden. Wie soll das geschehen und was versprechen Sie sich davon?

Was ich meinte, war, dass Journalisten, die mit Formaten arbeiten, die ohne Texte auskommen, im Newsroom zentraler stattfinden müssen, einschließlich der Produkt- und Entwicklungsteams. Sie sind genauso Teil des Kerns. Gegen mehr Transparenz zur Intention von Autoren hätte ich mit Sicherheit auch nichts auszusetzen.

Am 25. September 2019 steht das nun schon elfte scoopcamp an, bei der Sie nicht nur mit dem scoop-Award ausgezeichnet, sondern auch eine Keynote halten werden. Bei ihrer Rede mit dem Titel „Flipping the journalism paradigm with textured storytelling and design at the center“ wollen Sie konkret aufzeigen, wie Ideenreichtum und Innovationskraft im zeitgenössischen Journalismus bei einem informierten und engagierteren Publikum Wirkung entfalten kann. Worauf können sich die Besucher freuen?

Ich will den Leuten zeigen, dass Erfindergeist und Innovation den Journalismus positiv beeinflussen können. Und wie der zeitgenössische Journalist das wird, was visuelle Journalisten schon immer waren: Interdisziplinär.


Du möchtest Shazna Nessa live erleben? Ticket für das scoopcamp gibt es hier.

Das Interview in der Originalsprache Englisch findest du hier.

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