Neue EU-Förderung für Journalismus

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Democracy and Media in the Digital Decade

Die Pressefreiheit ist ein zentraler Wert in der Europäischen Union, betonte der EU-Außenbeauftragte Josep Borell in einer Erklärung zum diesjährigen Weltpressetag. Jedoch sieht sich der unabhängige Journalismus in ganz Europa mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert, beispielsweise mit Zensur und politischer Einflussnahme, sinkenden Print- und Anzeigenerlösen und der Konkurrenz großer Plattformen im Digitalen.

Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, gehen viele Akteur*innen mutig und kreativ in die Offensive. Auch in Hamburg, traditionell ein bedeutender Standort für Presse & Journalismus mit Unternehmen wie der dpa, dem NDR, dem Spiegel und der Zeit, wird mit innovativen Ansätzen experimentiert.

Im HHLab, dem Innovations-Lab von NOZ Medien und mh:n Medien, testet ein 13-köpfiges Team um Joachim Dreykluft mit neuesten Forschungs- und Entwicklungsmethoden die Zahlungsbereitschaft für digitale journalistische Geschäftsmodelle. Beim 2020 gegründeten Start-up Facts for Friends dreht sich alles um die Bekämpfung von Fake News durch sogenannte Fact Snacks, die fundierte Faktenchecks einfach auf Sozialen Netzwerken zugänglich machen. Unter dem Motto “Schreiben für ein Miteinander” baut das digitale Magazin kohero eine Plattform für die diversen Geschichten von Migrant*innen auf, die in etablierten Medien oft unterrepräsentiert sind. Mit der kürzlich vorgestellten Studie #UseTheNews hat das Leibniz-Institut für Medienforschung in Zusammenarbeit mit der dpa und der Hamburger Behörde für Kultur und Medien den Nachrichtenkonsum der GenZ unter die Lupe genommen. 

Bedarf an finanzieller Unterstützung ist hoch

Diese Beispiele aus Hamburg stehen stellvertretend für den Innovationsgeist im Journalismus, der jedoch allzu oft durch mangelnde Ressourcen ausgebremst wird. In einem Gutachten zur Innovationsförderung im Journalismus, das Jun-Prof. Christopher Buschow und Prof. Christian-Mathias Wellbrock im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW veröffentlicht haben, wird “direkte finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand” als wichtiges Instrument empfohlen. 

Genau eine solche Unterstützung wird nun auf europäischer Ebene mit der in diesem Jahr gestarteten Initiative Democracy and Media in the Digital Decade” der EU-Kommission ins Leben gerufen und damit erstmalig eine Förderung für Journalismus und Nachrichtenmedien angeboten. Unter den drei Schwerpunkten

  • Kollaboration & Innovation
  • Pressefreiheit & Vielfalt
  • Medienkompetenz & Gesellschaft

wird es in den nächsten Jahren eine Reihe von Maßnahmen geben – mit dem Ziel die digitale Transformation und die Unabhängigkeit des Journalismus zu fördern. Letzteres ist ein ganz zentraler Aspekt, denn die EU wird sich nicht in die Gestaltung redaktioneller Inhalte einmischen oder diese bei der Auswahl bewerten. Selbstverständlich werden keine verfassungswidrigen oder diskriminierenden Inhalte gefördert. 

Mit dem  European News Media Forum, das zwei Mal pro Jahr stattfinden wird, soll ein regelmäßiger Austausch zwischen Branche und Politik initiiert werden. Die Premiere im März 2021 beschäftigte sich vor allem mit der Sicherheit von Journalist*innen.  

Um die Wettbewerbsfähigkeit des Sektors zu verbessern, werden in regelmäßigen Abständen Projektförderungen ausgeschrieben, in deren Rahmen neue Geschäftsmodelle getestet, journalistische Standards und Formate entwickelt oder Best Practices ausgetauscht werden können. Was konkret gefördert werden kann, verrät der aktuelle Call Journalism Partnerships, der diesen Sommer im Cross Sector-Programm von Creative Europe – dem europäischen Förderprogramm für die Kultur- und Kreativwirtschaft – veröffentlicht wurde. Und keine Sorge, falls ihr die Deadline Ende August verpasst habt, der Call wird mit vergleichbaren Bedingungen im nächsten Jahr wieder angeboten.

Ebenso spannend ist der Call European Media Platforms, bei dem Projekte mit hohen Qualitätsstandards und unter Wahrung europäischer Werte und Rechte entwickelt werden sollen. „Wir freuen uns, mit dem Journalism Partnerships Call und weiteren News-Media-Aufrufen im kommenden Jahr, nun auch die Hamburger Journalismus-Branche kennen zu lernen und bei Anträgen zu unterstützen.“, sagt Christiane Siemen, Geschäftsführerin des Creative Europe Desk Hamburg

Innovationen stimulieren, Wettbewerbsfähigkeit verbessern, Demokratie fördern

Einen etwas breiteren und experimentelleren Fokus setzt der Call Creative Innovation Lab an, der im Oktober seine erste Deadline hat und auch nächstes Jahr wieder angeboten werden soll. Von Monetarisierung über Contententwicklung bis hin zu Nachhaltigkeitsaspekten kann hier in Kooperation mit anderen Kreativ-Branchen (insbesondere aus dem audiovisuellen Sektor) an innovativen Ansätzen gearbeitet werden.

Stärker auf den Einsatz neuer Technologien setzt der Call Innovation for Media, including eXtended Reality, der im Rahmen von Horizon Europe (dem europäischen Forschungsförderprogramm) angeboten wird. Wie der Name schon verrät, dreht sich hier alles um Virtual und Augmented Reality und ihre Anwendungspotenziale in der Medienbranche – gerade im Hinblick auf die derzeitigen Metaverse-Debatten ein spannendes Experimentierfeld.

Neben diesen eher wirtschaftlichen Aspekten möchte die EU auch Projekte fördern, die auf die demokratiefördernde Wirkung der Medien einzahlen. Dazu gehört beispielsweise der Call AI to fight disinformation, bei dem es um die Nutzungsmöglichkeiten von KI im Kampf gegen Fake News geht. Auch die Ansprache besonderer Zielgruppen gehört dazu, wie die Generation Z, die sich lieber in sozialen Netzwerken tummelt als auf vertrauenswürdigen Nachrichtenmedien.

Im Pilotprojekt A European public sphere: a new online media offer for young Europeans sollen Nachrichtenformate, die auf junge Menschen zugeschnitten sind, entwickelt und erprobt werden. 

EU-Förderung für Anfänger

Die Bandbreite der geförderten Themen zeigen die exemplarisch genannten Calls recht anschaulich, doch welche Erwartungen gibt es bzgl. der Projektinhalte? Hier lassen sich die möglichen Ansätze grob in zwei Bereiche aufteilen: 

  1. Wissensaustausch und Netzwerkaufbau mithilfe von Events, Weiterbildungstrainings oder Publikationen wie Best Practices bzw. Marktanalysen 
  2. Entwicklung und Umsetzung konkreter Projekte, z.B. neue Formate, Standards, Produkte, Plattformen, technische Lösungen

Und wie läuft das Ganze nun ab? Für einen Projektantrag müssen sich i.d.R. mehrere Partner aus verschiedenen EU-Ländern zu einem Konsortium zusammenschließen, das gemeinsam das Projektkonzept entwickelt. Der Koordinator bzw. Lead-Partner des Konsortiums stellt den Antrag dann online über das Funding & Tenders Portal der EU und ist für die Projektorganisation zuständig. Normalerweise handelt es sich um nicht-rückzahlbare Darlehen, wobei es meist keine 100%-Förderung gibt, sondern das Konsortium einen Eigenanteil von ca. 20-50 Prozent einbringen muss. Die Laufzeit der Projekte beträgt meist ein bis zwei Jahre – am Ende dieser Zeit sollten Ergebnisse vorhanden sein, die auf die mit dem Call verbundenen Ziele einzahlen. 

Das klingt alles zu schön um wahr zu sein? Wo ist bitte sehr der Haken? 

Natürlich gibt es einige Bedingungen, die es zu berücksichtigen gilt, denn die hohen Fördersummen stammen aus Steuergeldern, weshalb die Projektanträge intensiv geprüft werden und nur diejenigen erfolgreich sind, die tatsächlich einen Mehrwert aus EU-Sicht erbringen. Antragsstellung und Projektabwicklung sind mit einem nicht zu unterschätzenden administrativen Aufwand verbunden, deshalb sollte insbesondere der Antrag gut vorbereitet sein, damit der Aufwand am Ende auch mit einer Zusage belohnt wird. Auch die Suche nach passenden europäischen Partnern ist nicht immer einfach – schließlich muss man über einen längeren Zeitraum intensiv zusammenarbeiten. Gerade am Anfang ist es daher empfehlenswert Teil eines Konsortiums zu werden, in dem mind. der Koordinator bereits Erfahrung mit EU-Projekten besitzt.

Beratung und Unterstützung bei der Antragsstellung und Partnersuche gibt es übrigens an verschiedenen Stellen:

Creative Europe Desk Hamburg 

Nationale Kontaktstellen für Horizon Europe

Enterprise Europe Network Hamburg Schleswig-Holstein

Wer bis hierhin gelesen hat, ist hoffentlich nicht abgeschreckt, sondern sieht die vielversprechende Chance, die in dieser neuen Förderung für den Journalismus liegt. Die EU hat hier ein Experimentierfeld geschaffen, das sie gemeinsam mit der Branche für die Zukunft Europas beschreiten will. 

Auch wir bei nextMedia.Hamburg stehen euch als Sparringpartner zur Verfügung – sprecht uns gerne an.  Gemeinsam mit verschiedenen Hamburger Akteur*innen haben wir bei der Info-Veranstaltung “Fostering Journalism in Europe #Hamburg-Edition” über die Bedarfe der Branche diskutiert. Am 16. September wird es in einem Workshop (als Side-Event des diesjährigen scoopcamp) in einem nächsten Schritt darum gehen, Konzeptideen für Hamburg als bedeutenden Journalismus-Standort zu entwickeln – weitere Infos gibt es hier.

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