Predictions 20/21: Medien und Gesellschaft

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Offen für Vielfalt, aber auch für Maßnahmen?

Die Black Lives Matter-Bewegung hat dieses Jahr noch einmal verdeutlicht, wie viel Arbeit in puncto Vielfalt noch vor uns liegt. Diversität ist noch lange nicht selbstverständlich und ein Kulturwandel längst überfällig. Wenn wir uns den Herausforderungen des Medienwandels stellen, bedeutet das auch, diese vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der Gesellschaft immer wieder neu zu reflektieren. Dabei spielt nicht nur die Reflexion des eigenen Handelns eine Rolle, sondern auch die Auseinandersetzung mit sozialen, ökonomischen und technischen Phänomenen, die diese Tätigkeit beeinflussen. Gemeinsam mit Expert*innen widmen wir uns der Position und Verantwortung von Medien in der Gesellschaft und werfen einen Blick ins Jahr 2021.

Laut Digital News Report 2020 konsumierten 94 Prozent der Deutschen über 18 Jahren 2020 auch vor der Corona-Krise mindestens mehrmals pro Woche Nachrichten – aber nur 45 Prozent der Befragten vertrauen den Nachrichten in Deutschland. Eine Diskrepanz, die nach Veränderung schreit. Aber was für einen Journalismus brauchen wir? „Die Herausforderungen für den Journalismus sind vielfältig“, betont Dr. Carsten Brosda, Kultursenator der Stadt Hamburg. „Es geht darum, neue und dem Digitalen angemessene Darstellungsformen zu entwickeln und zugleich neue Erlösmodelle zu entwickeln, die auf der Höhe der medientechnischen Entwicklung sind. Digitale und soziale Medien werden als Nachrichtenquelle insbesondere für jüngere Generationen immer bedeutsamer. Hier entsteht zwischen Medieninhalteanbietern und Publikum eine neue Struktur digitaler Mittler, die nicht mehr in erster Linie auf allgemeine, öffentliche Relevanz zielen, sondern vor allem individuelle Bedürfnisse bedienen können“, so der Senator.

Mit #UseTheNews fördert die Behörde für Kultur und Medien der Stadt Hamburg gemeinsam mit der dpa und weiteren Partnern ein Forschungsprojekt, um die veränderte Nachrichtennutzung zu analysieren und Angebote speziell für unter Dreißigjährige zu entwickeln. Diese Angebote sollen einer der vielfältigen Herausforderungen des Journalismus Rechnung tragen und sich den partizipativen, digitalen Kommunikationsmöglichkeiten widmen, um die Nutzer*innen wieder an die Medienunternehmen zu binden. „Ungebrochen gilt:“, ergänzt Brosda, „Journalismus bedeutet Sinnstiftung und Vertrauen entsteht aus Verantwortung.“

Offen für Vielfalt, aber auch für Maßnahmen?

Verantwortung bedeutet auch, für die gesamte Gesellschaft zu berichten. Gerade die sehr Weiß geprägte Medienbranche scheint den Anschluss an die Realität immer mehr zu verlieren. Laut der jüngsten Studie der Neuen Deutschen Medienmacher*innen haben lediglich sechs Prozent der Chefredakteur*innen einen Migrationshintergrund. Bewerten die meisten Chefredakteur*innen Diversität in Redaktionen grundsätzlich als positiv, sei jedoch kaum jemand bereit, etwas dafür zu tun. Um neue Perspektiven in die Berichterstattung aufzunehmen und die Redaktionen zu öffnen, empfehlen die Neuen Deutschen Medienmacher*innen konkrete Maßnahmen, die jedes Medienhaus gelesen haben sollte. Auch unsere Kolleg*innen vom Media Lab Bayern haben bei ihrer Open Innovation Challenge zum Thema Diversity fertige Tools und Formatideen gefördert, die Medienschaffende nutzen können.

Nilab Langar lebt seit 2015 in Deutschland und schreibt für Amal, Hamburg!, eine Internetplattform mit Nachrichten auf Arabisch und Farsi/Dari. Die Journalistin sieht starke Defizite in der deutschen Medienlandschaft: „Erfahrungen aus dem Jahr 2020 zeigen, dass es in Zukunft neben dem Bedarf nach Gründung vieler verschiedener Medien auch Bedarf nach der Neueinstellung von Journalist*innen unterschiedlicher Sprachen aus diversen Kulturen geben wird.“ Sie macht zudem auf die Wichtigkeit digitaler Medien wie Amal, Hamburg! aufmerksam, die nach der großen Migrant*innen-Welle im Jahr 2015 von Geflüchteten für Geflüchtete in Deutschland gegründet wurden. Neben der Berichterstattung in verschiedenen Sprachen ständen dort vor allem Themen im Vordergrund, die die Lebensrealitäten der Geflüchteten betreffen. Diese Themen seien in deutschen Medienformaten noch nicht ausreichend vertreten, kritisiert Langar aus eigener Erfahrung. 

Auch TRENDONE identifiziert Diversität als ein Macro-Trend, mit dem Manager*innen sich vermehrt beschäftigen müssen (siehe Grafik).

Wie müssen sich Medienunternehmen jetzt neu strukturieren, um Diversität zu fördern und für diese Gesellschaft überhaupt noch relevant zu sein? Ansätze des Neuen Arbeitens können dabei helfen. Lena Marbacher, Mitgründerin des Neue Narrative Magazins, erklärt, dass Medienunternehmen die Gesellschaft auf allen Ebenen in ihren eigenen Reihen abbilden und dringend zeitgemäße Antworten auf ihr tägliches Arbeiten finden müssen: „Ein*e Chefredakteur*in im knarrenden Ledersessel gehört nicht dazu, sondern agile Redaktionen und echte Augenhöhe mit verteilten Verantwortlichkeiten.“ Ihr Tipp: „Raus aus den Sesseln!“

Künstliche Intelligenz und Ethik

Auch digitale Innovation stellt uns oft vor die Frage, ob das technisch Mögliche auch das gesellschaftlich richtige ist. Immer häufiger geht es in Debatten um die Problematik rassistischer und diskriminierender Algorithmen. Reflektiert man demnach das Zusammenspiel von Medien und Gesellschaft, muss man auch jene Technologien betrachten, die unseren Content-Konsum maßgeblich beeinflussen.

Das Zukunftsinstitut betonte bereits 2013 im Rahmen der Studie „Zukunft der Medien“, dass Technik nicht als lineares, autonomes System, sondern im Kontext von Kultur und Gesellschaft als evolutionärer Prozess begriffen werden sollte. „Denn Technologie allein entscheidet nicht darüber, was sich durchsetzt und was nicht, sondern vor allem die Frage, ob es einen Markt für etwas gibt und wie groß die Widerstände sind. Diese Faktoren sind kulturell bedingt und einem permanenten Wandel unterworfen“, heißt es in einem Artikel des Instituts.

Für den Bereich der Künstlichen Intelligenz prognostiziert Katrin Fritsch vom MOTIF Institute for Digital Culture eine steigende Aufmerksamkeit der Debatte um Ethik und soziale Verantwortung in KI-Systemen. „Vor dem Hintergrund der Klimakrise und sozialer Segregation werden Unternehmen erkennen, dass KI nicht das strategische Ziel sein kann, sondern sozialer und ökologischer Wohlstand. Diese Einsicht eröffnet neue Möglichkeitsräume für Produktideen und Geschäftsmodelle. Organisationen werden ihren Fokus in der KI-Entwicklung nicht darauf setzen was technisch möglich, sondern was gesellschaftlich wünschenswert ist“, sagt die Co-Founderin des Instituts.

Digital Literacy

Sind Medienunternehmen angehalten, verantwortungsvoll mit technischen Systemen umzugehen, fehlt es den Mitarbeiter*innen oft an digitalem Know-how, um Daten im jeweiligen Kontext bewusst einzusetzen. Katharina Schüller ist Expertin für Digitalisierung und Data Analytics und Gründerin von STAT-UP, einem Spezialanbieter für Statistische Beratung und Data Science. „Digital Literacy wird als Schlüssel zu einem individualisierten Erwerb von Kompetenzen erkannt. Sie wird zunehmend systematisch vermittelt, erworben und weiterentwickelt. Hierfür spielen die Offenheit von Inhalten und Technologien im Sinne von Open Knowledge und die technische Interoperabilität von Plattformen eine zentrale Rolle“, erklärt die Expertin.

Laut TRENDONE ist Digital Literacy eine zentrale Kompetenz für Digitalisierung und die globale Wissensgesellschaft (siehe Grafik). Die große Herausforderung: Kompetenzen aus verschiedenen Disziplinen müssen integriert und an die Bedürfnisse des Anwendungsfelds angepasstes werden. 

In einem Policy Paper zum Thema „Data Literacy“ empfiehlt die Gesellschaft für Informatik e.V. den Einsatz kreativer Lehransätze mit technologischen Hilfsmitteln, unter anderem Hands-on und projektbasiertes Lernen in Workshops oder Labs mit realen Daten. So könne schon bei Studierenden das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Data Literacy geschaffen werden. Einen Ansatz, den auch wir mit unserem Prorotyping Lab verfolgen: Am Puls der Zeit erarbeiten Unternehmen gemeinsam mit interdisziplinären Studierenden-Teams in nur drei Monaten funktionsfähige Prototypen als Lösung für technologische Herausforderungen in der Medien- und Digitalwirtschaft. Die Cases der vergangenen Jahre haben wir hier zusammengefasst.

Medien und Gesellschaft im Jahr 2021

Unsere Expert*innen prophezeien: Im kommenden Jahr werden Unternehmen der Medien- und Digitalbranche noch stärker an ihren Diversity-Strategien arbeiten müssen, um für die Gesellschaft relevant zu bleiben. Außerdem wird 2021 die Vermittlung von Kompetenzen für einen bewussten Umgang mit Daten sowie die soziale Verantwortung bei der Entwicklung von Technologie-Systemen eine bedeutende Rolle spielen. 

Alle 20 Predictions für 2021 findet ihr hier in der Übersicht.
Die Macro-Trends Gaming Universe und Valuetising sind eine Vorschau auf das neue Trenduniversum unseres Partners TRENDONE, das 2021 erscheint. Für einen Testzugang zu den aktuellen Macro- und Micro-Trends von TRENDONE, klickt hier.
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