Gründer der HONGKONG STUDIOS: Stefan Kiefer. Bildcredits: Axel Martens

Ehemaliger SPIEGEL-Titelchef Kiefer gründet Kreativ-Spielwiese

„Was wirklich zählt, ist die Idee im Kopf“

Stefan Kiefer ist Designer durch und durch und unter anderem 13 Jahre lang als Titelchef und Art Director für die Titelseiten des SPIEGEL verantwortlich gewesen. Vor gut vier Jahren gründete er die HONGKONG STUDIOS, eine Plattform für Workshops, Team-Events und Seminare. Wir haben ihn dort besucht und uns über technologische Entwicklungen im Design-Bereich und sein neues Reich in der Hamburger HafenCity unterhalten.

Vor vier Jahren haben Sie die HONGKONG STUDIOS, einen kreativen Freiraum und Melting Pot für verschiedene Medieninnovationen, gegründet. Welche Rolle spielt Design auch heute noch für Sie in Ihrer täglichen Arbeit und generell in Hinblick auf die Hamburger Medienbranche?

Design ist für mich natürlich nach wie vor der Dreh- und Angelpunkt. Ich denke wie ein Designer und gestalte Räume wie ein Designer, nur dass es inzwischen dreidimensional und in Echtzeit passiert und nicht mehr nur flach auf dem SPIEGEL-Titel. In Wahrheit ist das, was ich hier mache, nur eine konsequente Fortsetzung von allem, was ich die Jahre und Jahrzehnte zuvor gemacht habe. Meine Kreativität war immer schon ungebremst, nur wurde früher nicht alles abgefragt. Ich habe während der Zeit beim SPIEGEL beispielsweise auch eine große Ausstellungsserie entwickelt und durch die ganze Welt begleitet, wo wir Original-Illustrationen, die für den SPIEGEL in 50 Jahren entstanden sind, durch Museen geschickt und medial begleitet haben. Wir haben Filme und Workshops darüber gemacht. Und all das mache ich hier auch.

Ich habe inzwischen eine eigene Fernsehsendung, die hier aus den HONGKONG STUDIOS kommt und „Hongkong-Sessions“ heißt. Wir machen hier Fotoproduktion, wir designen nach wie vor, wir machen Magazine und wir arbeiten natürlich nach wie vor mit digitalen Medien. Was jedoch das Ungewöhnliche an den HONGKONG STUDIOS ist, dass hier alles gleichzeitig stattfindet. Von Yoga und Meditation über Musik bis hin zu Workshops, die in dieser wohnzimmerartigen Atmosphäre stattfinden, aber letztlich doch hochprofessionell ausgestattet sind. Mit Hightech-Beamern, großen Leinwänden und Soundsystemen, die es wahrscheinlich so nirgendwo anders gibt. Hier arbeiten Gestalter, technische Spezialisten, Workshop-Experten und auch meine Kinder, die inzwischen selbst kreativ sind, zusammen.

Wenn Sie einmal zurückblicken: Was hat sich aus Ihrer Perspektive hinsichtlich neuer technologischer Möglichkeiten im Design-Bereich geändert?

Die Entwicklung weg vom manuellen Gestalten, im Sinne von Malen, Zeichnen und Zusammenpasten, hin zum Rechner, war sicherlich eine elementare Veränderung. Und dann kam noch eine zweite Ebene hinzu –die E-Mail. Wir hatten zu der Zeit sehr viel mit Illustratoren aus Südfrankreich, Amerika oder sogar Australien gearbeitet und die Erfindung der E-Mail hat die Produktionszyklen enorm verkürzen können. Wenn wir früher donnerstags geliefert hatten, um dann am Freitag den ersten Andruck zu sehen, gingen wir von nun an später in die Produktion. Freitagabend reichte aus, da wir uns sicher sein konnten, dass das, was wir auf dem Bildschirm sahen, auch wirklich das war, was nachher gedruckt wurde.

Der Weg dahin war zweifelsohne ein mühsamer und dorniger, aber er hat sich vollends gelohnt.
Die Illustratoren hatten daraufhin deutlich mehr Zeit, weil sie ihre Arbeiten per E-Mail schicken konnten. Das war wirklich eine irre Revolution für Gestalter, weil so eine Sendung nicht mehr zwei Tage dauerte oder ausversehen in Lissabon landete, was alles wirklich passiert ist. Die verschiedenen Sendedienste, die es heute gibt, haben das Leben für Gestalter enorm vereinfacht.

Wenn Sie sich ein Cover von damals aussuchen könnten – welches würden Sie heute komplett anders gestalten? Wären Sie mit den technologischen Möglichkeiten von heute an ein bestimmtes Cover anders herangegangen?

Nein, das glaube ich nicht. Und das kann ich auch erklären: So ein Programm wie Photoshop ist für einen wie mich, der Malerei studiert und gelernt hat, mit Pinseln und Farben umzugehen, letztlich nur ein anderes Werkzeug. Die Tools, die man benutzt sind unerheblich. Das, was wirklich zählt, ist die Idee im Kopf. Man muss eine Vorstellung haben, von dem was man macht, von dem, was man mit seinen Werkzeugen in Gang setzen kann. Dann ist es eigentlich egal, ob man analog oder digital arbeitet. Die Produktionswege sind heute revolutionär einfacher und haben ganze Branchen arbeitslos gemacht. Die Erleichterung ist enorm, wesentlich ist aber die Technik, die man beherrscht und die Art und Weise, wie man Dinge sieht. Und wenn du Gestalter bist, ist das Sehen nun mal das Wichtigste. Die Werkzeuge sind sekundär.

nextMedia.Hamburg hat im vergangenen September den zweiten Media Worker Report veröffentlicht. Eine zentrale Erkenntnis war, dass gerade in Hamburg die IT-Branche mit der Medienbranche immer weiter verschmilzt. Beobachten Sie eine solche Entwicklung grundsätzlich auch bei Ihrer Arbeit? Dass verschiedene Akteure aus verschiedenen Branchen immer weiter vernetzt werden?

Das kann ich in der Tat hier direkt vor Ort beobachten. Wir hatten am letzten Wochenende einen zweitägigen Hackathon, bei dem sich IT-Experten getroffen haben, um Ideen zu sammeln und sich gemeinsam inspirieren zu lassen. Insgesamt waren es etwa 80 Leute, die sich aus verschiedensten Bereichen zusammengefunden haben. Und erstaunlicherweise waren dort nicht nur Hacker und ITler dabei, sondern auch Personen, die ich schon in anderen kreativen Zusammenhängen in Hamburg kennengelernt habe. Es war quasi ein Zusammentreffen verschiedener Felder, die so gar nichts miteinander zu tun zu hatten und sich doch gegenseitig ergänzen konnten.

Durch solche Projekte entstehen neue Ideen, weswegen wir uns auch selbst den Claim „hier ändert das Denken seine Richtung“ verordnet haben. Was wir hier wirklich immer wieder feststellen, sind ganz magische Begegnungen und Ereignisse von Menschen, die aufeinandertreffen. Und genau dieser Schulterschluss von verschiedensten Akteuren wird hier immer wieder gesucht. Wir richten Workshops aus, um die Teilnehmer durch Themen zu inspirieren, die sie normalerweise nicht mal anfassen würden. Und ich glaube, das wird sich in Zukunft immer mehr ergänzen.

Welche Rolle spielt bei Ihnen Produktentwicklung und Forschung? Planen Sie vielleicht sogar ein Lab?

Hier im Haus ist tatsächlich ein Lab geplant und zwar das „Hongkong Idea Lab“. Weiter werden wir mit dem „Manual Thinking Project“ eine strategische Herangehensweise mit spezifischen Tools an Design Thinking anbieten. Das bereiten wir vor und da sitzt auch schon ein Team sehr intensiv dran, eigene Workshops auf Basis von Manual Thinking zu entwickeln. Wir sind ohnehin hervorragend aufgestellt für Design Thinking: Wir haben alles hier, was man nur dafür braucht und vor allem Anregungen und Erfahrungen aus dem Design- und Technik-Bereich.

Ich als Packungsdesigner, Titeldesigner und kreativer Musiker kann eine ganze Menge für Projekt- und Produktentwicklung in Form von Workshops und Impulsvorträgen mit auf den Weg geben. Ich gehe zu Unternehmen hin und werde von Redaktionen gebucht, die eine Schnittstelle brauchen zwischen angewandtem Design und einfacher Ideenentwicklung und vom Know-how profitieren wollen. Und egal was du machst, du brauchst im Wesentlichen eine Idee. Eine Idee ist immer der Anfang von jedem Prozess. Egal, ob es um eine Entscheidung oder eine Produktidee geht. Die Idee ist das Wichtigste und die kannst du lernen. Mein Credo, was mir immer klarer geworden ist: Ohne Idee kommst du nicht weiter.

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