Journalismus in Corona-Zeiten: Wenn schnelles Handeln große Wirkung zeigt

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Der Krise zum Trotz

Im März und Mai haben wir mit dem kurzfristig ins Leben gerufenen Förderprogramm Fast Mover auf die Folgen der Corona-Pandemie reagiert und kreativen Medienmacher*innen bei der Weiterentwicklung und Umsetzung ihrer zukunftsgerichteten Ideen finanziell unter die Arme gegriffen. Höchste Zeit, wieder einen Blick auf die geförderten Projekten zu werfen: Wie sind die Unternehmen mit den Herausforderungen der Pandemie umgegangen, welche Maßnahmen haben sich bewährt und was ist aus ihren Projekten geworden? Antworten geben die Fast Mover bei uns im Blog.

Die Corona-Pandemie hat unser Leben in den letzten Monaten unvermittelt auf den Kopf gestellt und die Unternehmen der Medienbranche zweifelsohne mit enormen Herausforderungen konfrontiert. Digitale Content-Angebote wurden zum Gebot der Stunde, neue Geschäftsmodelle und innovative Finanzierungsstrategien zum Retter in der Not. Dass es sich lohnen kann, auch in einer solchen Krisensituation Neues zu wagen, zeigen die Fast Mover von nextMedia.Hamburg. Sie haben die Chance in der Krise ergriffen.  

Inhalte, die in die Zeit passen

Im Fall von flip zunächst noch mit Bedenken, wie Felix Rohrbeck zugibt: „Wir haben uns schon gefragt ob es klug ist, mitten in der Krise ein Medien-Start-up zu gründen. Wir hatten aber auch das Gefühl, dass die Pandemie den Wunsch nach einer gerechteren, faireren, besseren Wirtschaft bei vielen Menschen noch verstärkt hat.“ Um dieses Bedürfnis zu decken, hat das Gründer*innen-Team einen wöchentlich erscheinenden Newsletter entwickelt, der nicht nur Probleme der Wirtschaft benennt, sondern Lösungen aufzeigt.

Kern des Newsletters ist die Recherche zum Flip der Woche. Hierbei werden konkrete Ideen, Initiativen oder Produkte vorgestellt, mit denen auch die Leser*innen zu einer besseren Wirtschaft beitragen können. Ein Konzept, das bisher aufgeht: „Schon nach dem ersten Newsletter kam super viel Feedback, Leute haben uns auf Twitter und anderen sozialen Medien weiter empfohlen und eigene Ideen beigesteuert. Auch die Zahl der Newsletter-Abonnent*innen steigt viel schneller als wir das erwartet hatten. Die Idee und die Machart des Newsletters trifft scheinbar einen Nerv.“

Einen Nerv getroffen hat auch das Edutainment-Format „In times of“, mit dem das Hamburger Content-Start-up THE DISTRIQT auf eine verstärkte Nachfrage nach sogenanntem „Conscious Content“ rund um Themen wie mentale Gesundheit und den Umgang mit der Krise reagiert hat. Die Idee kam dem Team um Gründerin Charlotte Richter-Kiewning während des ersten Corona-Hochphase: „Uns wurde immer stärker bewusst, wie dringend ein Format für psychische Gesundheit gebraucht wird. Doch die Hürde bestand darin, dass keinerlei Dreharbeiten erlaubt waren und es somit unmöglich war, Kameraperson, Licht, Ton und Regisseur*in zusammen in einem Raum zu bekommen.“

Die Lösung: Eine Online-Talkreihe. So befragte Psychologie-Studentin Emily Rodenberg in fünf- bis sechsminütigen Video-Interviews Personen, die gut mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie umgehen können und ging der Frage nach, was sie auszeichnet. Einer ihrer Gäste, Fitnesstrainer Pato Cervantes, sorgte beispielsweise mit seinem Balkon-Fitnesstraining für positive Momente während des Lockdowns und schaffte in seiner Nachbarschaft ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl. „Weil Film auch immer ein Produkt seiner Zeit ist, wird auch unser Format in Zukunft einen unverfälschten Einblick zurück in das Jahr 2020 geben“, ist Richter-Kiewning auch vom nachhaltigen Erfolg des Videoformats überzeugt.

Digitale Infrastruktur für die Wahrung journalistischer Qualität

Neben neuen Inhalten, wurden im Rahmen des Förderprogramms Fast Mover auch infrastrukturelle Projekte wie Hostwriter unterstützt. Die Non-Profit-Organisation fördert bereits seit 2014 die Vernetzung von Journalist*innen untereinander und baute in der Pandemie ihr Angebot weiter aus, um die Qualität des Auslandsjournalismus auch in Pandemie-Zeiten hoch zu halten, wie Mitgründerin Tabea Grzeszyk erklärt: „Wenn nationale Grenzen geschlossen sind und Redaktionen keine eigenen Reporter*innen in Risikogebiete schicken können, finden nun auch sie über Hostwriter lokale Journalist*innen für grenzüberschreitende Recherchen.“

Über die neue, nutzerzentrierte „COVID-19-Kollaborationsbörse“ können Redaktionen schnell und unkompliziert geeignete Freelancer*innen in 154 Ländern finden und für Recherchen beauftragen. Und damit nicht genug: Die Börse sei laut Grzeszyk auch die Grundlage für eine weiteres Projekt: „Ich habe zurzeit das große Glück, als Teilnehmerin beim CUNY Entrepreneurial Journalism Creators-Programm eine Geschäftsidee zu entwickeln, bei der wir den Collaboration Wire einsetzen wollen. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber da kommt noch was.“

Marco Maas denkt derweil über einen neuen Namen für seine Website Remote Journalism nach, die aufzeigt, wie sich technische Set-ups für Videocalls zeit-, raum- und kostensparend zusammenstellen lassen. Er habe festgestellt, dass sein Thema nicht nur Journalist*innen, sondern darüber hinaus viel mehr Menschen und Industrien betrifft: „Um die Website herum hat sich für mich ein kleines Beratungsgeschäft entwickelt. Zu den ersten Kunden gehört eine Anwaltskanzlei, die Webinare und Workshops an mehreren Standorten gemeinsam in bestmöglicher Qualität aufzeichnen will, mehrere Stiftungen, Universitäten, Coworking-Spaces sowie Veranstalter*innen, die ins Digitale expandieren wollen.“

Eine Entwicklung, mit der er so nicht gerechnet hätte. „Dafür, dass es als ein spontaner Testballon gestartet ist, habe ich inzwischen eine neue Konstante in meinem Leben. Meine Erwartungen haben sich mehr als erfüllt.“ Erwarten können die Besucher*innen der Seite auch schon bald weitere Artikel. So hat Maas zuletzt noch mit sechs weiteren Video-Expert*innen gesprochen, die aus ihrer Trickkiste erzählt haben. Außerdem habe er noch eine größere Geschichte geplant, in der verschiedene Mikrofone in typischen Settings getestet werden.

Paid Content als Zukunftsgarant

Neue Dinge ausprobieren müssen derzeit auch Lokalredaktionen – Corona hat sie besonders hart getroffen und den Handlungsdruck erhöht. So verzeichnen sie zwar eine erhöhte Nachfrage nach Inhalten, müssen gleichzeitig aber erhebliche Rückgänge im Anzeigengeschäft verkraften. Der Bedarf an neuen Erlösstrategien ist höher als je zuvor.

Auch die Eimsbütteler Nachrichten haben in den vergangenen Monaten mit neuen Formen der Finanzierung für ihren hyperlokalen Journalismus experimentiert haben. So hat das Magazin unter anderem den lokalen Online-Marktplatz „Eimsbüttel retten!“ ins Leben gerufen, der lokale Geschäfte, Firmen und Kleinunternehmer*innen aus dem Stadtteil unterstützt. Ein Projekt, das zwar in erster Linie ein Herzensprojekt sei, aber auch aus wirtschaftlicher Sicht Sinn ergebe, wie Redakteurin Alana Tongers bereits bei ihrer Fast Mover-Bewerbung ausführte: „Dass die anderen überleben, ist wirtschaftlich auch für uns ganz wichtig.“

Zusätzlich probierten sich die Eimsbütteler Nachrichten an verschiedenen inhaltsgetriebenen Maßnahmen, wie öffentlichen Redaktionssitzungen, die per Livestream verfolgt werden konnten, einem Corona-Newsletter, der auch hamburgweit von den aktuellen Entwicklungen berichtete und einem Corona-Tagebuch in Form einer Glosse. Mit Erfolg: Das Abomodell Eimsbüttel Plus gewann bereits in den ersten Pandemie-Wochen an Abonnent*innen und trug dazu bei, dass das Magazin die Krise überstehen konnte.

Auch FOODBOOM nutzte die Teilnahme am Förderprogramm Fast Mover, um sich mit dem strategisch relevanten Thema Paid Content auseinanderzusetzen. Fenja Franke, Chief Product & Strategy Officer von FOODBOOM, lobt in diesem Zusammenhang vor allem die inhaltliche Hilfestellung, die das Food-Portal im Zuge seiner Teilnahme erhalten hat: „In der Abschlusspräsentation sowie in einigen anschließenden Gesprächen mit Jury-Mitgliedern haben wir sehr hilfreiche Anregungen zu der Idee eines digitalen FOODBOOM-Magazins erhalten – insbesondere hinsichtlich der Integration von kuratierten Inhalten hinter einer Paywall auf unserer Website im Gegensatz zu einem Stand-Alone-Produkt.“ Am Thema Paid Content wird weiter gearbeitet, zukünftig aber vor allem aus konzeptioneller Sicht sowie im Rahmen der Weiterentwicklung der Website. Die Bilanz falle dennoch positiv aus: „Insgesamt war die Teilnahme eine tolle Chance – sowohl aus Unternehmens- als auch aus Mitarbeiter*innen-Sicht.“

Ein Fazit, dem auch die anderen Teilnehmer*innen zustimmten. Die schnelle Hilfe des Fast Mover Programms zeigte beachtliche Wirkung und konnte beweisen, dass Krisen manchmal auch große Chancen bedeuten können: Sowohl für neue Inhalte, die Etablierung neuer Strukturen als auch zum Experimentieren mit neuen Geschäftsmodellen. Weitere Informationen zum Fast Mover Programm finden sich hier.

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