Mehr Orientierung im News-Dschungel verspricht das Start-up Praise. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Praise-Gründer Paul Solbach im Interview

So stärkt das Start-up dem Qualitätsjournalismus den Rücken

| | Journalismus

Sie sind neben Exponenta.io, Frameright, Locationews, Hello Guide, The Shotcaller, Yobo und Aiconix.ai Teil von Batch 6 des next media accelerator und wollen mit smarten Feeds den Nachrichtenkonsum qualitativ verbessern. Wir haben mit Praise-Gründer Paul Solbach über sein Start-up gesprochen.

Die Beschreibung eures Dienstes liest sich etwas, als hätten ein RSS Feed und Twitter ein Kind miteinander gezeugt. Was genau verbirgt sich hinter Praise?

Die Beschreibung kommt hin. Mit Praise bauen wir nichts geringeres als das erste Netzwerk für Qualitätsjournalismus. RSS ist übrigens hochaktuell: Die Idee von Feeds in einer einheitlichen Datensprache, die wir als Konsumenten an einer Stelle ordnen können – immer noch total überzeugend. Wir als Entwickler im journalistischen Umfeld lieben diese Idee. Sie hat sich aber nie als Grundlage für eine tolle User Experience erwiesen. Die Feeds sind teilweise völlig überladen, jeden Tag kommen tausende Einträge über die Leitung. Das Branding der Publisher geht verloren. Mit Praise machen wir den Benefit von RSS salonfähig. Menschen folgen Experten und Publishern auf einer an Instagram orientierten Plattform und bekommen eine unglaublich konzentrierte Menge an Empfehlungen für Qualitätsjournalismus – eine Art Best of.

Wie seid ihr auf die Idee für Praise gekommen? Gab es einen Schlüsselmoment für euch?

Zum Höhepunkt der Debatte um Wahlbeeinflussung und Fake News haben wir im Umfeld einer Nachrichtenagentur gearbeitet. Unsere wachsende Sorge um die Branche mündete dann in der Erkenntnis: Wir müssen was tun. Praise ist übrigens auch auf einer Serviette im Bürgerladen entstanden, allerdings standesgerecht in einer ganz anderen Form als heute. Wir dachten damals eher akademisch über Empfehlungssysteme und Paid Content nach.

Wie Postman einst sagte: „We are overnewsed but underinformed“ – ist Praise ein Hilfsmittel gegen diese Übernewsung?

Ganz klar! Wir haben zwar auch wie erwähnt schon für Nachrichtenagenturen gearbeitet, finden aber: Publisher müssen in Zukunft vor allem ihre besten Inhalte ins Schaufenster stellen. Und das sind weniger Hard News als lange, intensiv recherchierte Hintergründe, Analysen, Geschichten.

Gerade Nachrichten in den sozialen Netzwerken bzw. der Umgang mit ihnen und ihre Verbreitungswege haben die Diskussion rund um Fake News und Filterbubbles vorangetrieben. Wie positioniert ihr euch mit Praise in dieser Debatte?

Für Praise haben wir uns einige Mittel ausgedacht, um weitere Filterblasen zu vermeiden. Zunächst mal stellen wir uns gegen die globale Filterblase: Wenn mich als Leser nur noch Texte ansprechen, die einen gewissen Sharecount, eine kritische Masse erreichen, dann ist das auch eine Filterblase. In deiner Timeline auf Praise ist die Zuordnung immer eins zu eins, jede Empfehlung kommt ganz klar von einem Profil. Zweitens, wie vermeiden wir die klassische Filterblase oder Echokammer? Indem wir Nutzer immer wieder auch mit neuen Inhalten konfrontieren, die wir redaktionell aussuchen. Wir sehen jede irgendwie geartete „Zeitung der Zukunft“, von der im Übrigen auch der Medium-Macher Ev Williams träumt, in der Pflicht. Diese Zeitung muss überraschen, einordnen, Debatten und Kontroversen abbilden. Das sind klassische journalistische Werte.

Wenn ihr nochmal gründen könntet, was würdet ihr anders machen und welche Tipps könnt ihr Neu-Gründern mit auf den Weg geben?

Genau erkundigen, was ein Investment eigentlich kostet. Klingt wiedersinnig, ist aber ein Fallstrick. Was Notarkosten anbelangt, waren wir zum Beispiel etwas blauäugig. Außerdem gleich die GmbH gründen, ohne Umweg über UG. Was ich persönlich anders machen würde: Noch schneller das Produkt testen, noch einfacher denken. Ryan Hoover betont gerne, dass Product Hunt mit einem Newsletter gestartet ist und sich dann weiterentwickelt hat. Auch Praise hätte als erstes ein E-Mail-Verteiler sein können. Nun haben wir direkt das ganze soziale Netzwerk gebaut. Lässt sich auch kombinieren: Rückmeldungen via Newsgroup, Verteiler, Slack erzeugen und in die parallele Produktentwicklung einfließen lassen. 

Mehr über Praise und den Next Media Accelerator erfahrt ihr im Netz unter praise.press und 
www.nma.vc

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