Andreas Grieß ist Gründer von YOUdaz und initiierte Elbmelancholie mit, dessen Redaktion er leitet. Er beschäftigt sich besonders mit Innovationen im Journalismus, Redaktionsmanagment und journalistischen Startups.

Ein Kommentar von Andreas Grieß

Die Gretchenfrage mit der E-Mail nach Feierabend

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Immer erreichbar, das Handy permanent in der Hand und E-Mails müssen selbstverständlich umgehend beantwortet werden. Dass das weder gesund noch zeitgemäß ist, zeigt Andreas Grieß in diesem Gastbeitrag.

Vor den Weihnachtstagen kam einmal mehr die Gretchenfrage unserer Zeit auf: Sag, wie hältst du es mit den E-Mails nach Feierabend? Prominent ein in die Diskussion mischte sich Uwe Hück, der Betriebsratschef von Porsche. Er forderte: E-Mails, die nach Feierabend eingehen, sollen nicht nur nicht an die Smartphones der Mitarbeiter weitergleitet werden. Nein, sie sollen sogar gelöscht werden. „Was nützt dir eine Mailsperre, wenn du ins Büro kommst und erst mal Unmengen an Mails abarbeiten musst“, begründet er den Vorstoß. Wichtige E-Mails müsse der Empfänger eben während der Dienstzeiten noch einmal schicken. Nach Feierabend seien Mails ohnehin tabu: „Abends noch Mails vom Chef lesen und beantworten, ist unbezahlte Arbeitszeit, die den Stress erhöht – das geht gar nicht“, so Hück.

Tatsächlich gibt es Konzerne, die ihre Mitarbeiter nach Feierabend vom Mailstrom abkappen, darunter zum Beispiel Porsche-Mutterkonzern Volkswagen. Bei Konkurrent Daimler ist automatisches Löschen von E-Mails während des Urlaubs zumindest freiwillig möglich. Allerdings: Zu einer Kommunikation gehören bekanntlich immer mindestens zwei. Was bei der Debatte um die Erreichbarkeit nach Feierabend oft nicht berücksichtigt wird, ist die Seite der Absender. Vermutlich stimmen alle zu, wenn es darum geht, Arbeitern nach Feierabend ihre Ruhe zu gönnen. Doch was ist, wenn der Absender nur eine kleine Frage hat, ohne deren Beantwortung er nicht weiterarbeiten kann? Was, wenn er nur nach Feierabend Zeit dafür hat und aufgrund von strengen E-Mail Regeln bis zum nächsten Tag auf eine Antwort warten muss, eher er weitermachen oder sein weiteres Vorgehen abstimmen kann? So kann eine Minute Zeitverlust für die eine Person womöglich Stunden Zeitverlust für die andere bedeuten – oder gar, dass etwas nicht umgesetzt werden kann.

Unsere Arbeitswelt hat sich grundlegend geändert. Mittlerweile sind deutlich mehr Menschen selbstständig als vor ein paar Jahrzenten- insbesondere in der Medienszene. Bei ihnen vermischen sich Freizeit und Arbeit oft nicht nur auf dem Smartphone. Immer weniger Menschen arbeiten klassisch „nine to five“. Die Ladenöffnungszeiten wurden gelockert und in Konkurrenz zum Online-Shopping fordern nicht Wenige eine weitere Aufhebung. Unklar, ob ausgerechnet ein Porsche-Betriebsrat noch nach seinem Feierabend mit der Bahn fahren will, wie die Angestellten in vielen anderen Jobs, sehr sicher wird aber auch er erwarten, dass er nach seinem Feierabend noch im Supermarkt einkaufen kann und den Fernseher anschalten kann, um Nachrichten zu sehen. Um 17 Uhr steht eben nicht alles still – erst recht nicht in einer globalisierten Welt, wo 17 Uhr in Hamburg noch Vormittag oder Morgen in den USA bedeuten.

Ständige Erreichbarkeit und strenges Online-Fasten in der Freizeit sind die beiden Extrem-Pole. Und zwischen diesen beiden Seiten ist die Gesellschaft gespalten. Laut einer Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom haben rund 38 Prozent der Deutschen kein Interesse daran, zeitweise auf alle digitalen Medien bewusst zu verzichten. Dem gegenüber stehen 44 Prozent, die genau dies für einige Stunden zumindest bereits probiert haben. Neun Prozent verzichten regelmäßig für einige Stunden auf digitale Erreichbarkeit, 20 Prozent haben das schon über mehrere Tage – zum Beispiel dem Wochenende oder über einen Urlaub – durchgezogen.

Hinter beiden Seiten, denen, die bewusst ihre Erreichbarkeit einschränken und denen, die es nicht tun, stecken verschiedene Philosophien, die dazu führen, dass beide Seiten sich von der anderen auf die Füße getreten fühlen. Während die einen es als aufdringlich und anmaßend ansehen, in ihrer Freizeit gestört zu werden, halten es viele der anderen Fraktion für unhöflich, sich einer möglichen Kommunikation bewusst zu verweigern. Tendenziell gehören mehr jüngere Menschen zur zweiten Gruppe, da sie bereits mit den Möglichkeiten aufgewachsen sind. Wer Digital Natives automatisch zur „always-on“-Fraktion zählt, macht es sich aber zu einfach.

Und so wird der Konflikt nicht einfach nach einer Generation „herauswachsen“. Die Frage, die hinter ihm steckt, lautet: Wie stark unterscheiden wir digitale Kommunikation von persönlicher? Es wird allgemein als unhöflich empfunden, in Gesellschaft ständig Nachrichten mit dem Handy zu verschicken. Viele werden heutzutage aber auch den Vorwurf kennen, stundenlang nicht auf eine Nachricht geantwortet zu haben, weil man mit Freunden unterwegs war und nicht auf sein Handy geschaut habe. Keine Regel und auch keine festen Zeiten, wann man sein Handy privat oder beruflich auf Sendung hat, werden diese Konflikte lösen können. Die Frage berührt nämlich, was wir gegenseitig als höflich empfinden. Und dazu gibt es online wie offline zwar Leitlinien, aber auch viele verschiedene Meinungen. Zu Kommunikation gehören immer zwei. Wenn wir Streit und Missmut verhindern wollen, brauchen wir daher mehr Verständnis für die jeweils andere Seite und einen entspannten Umgang mit der Möglichkeit, ständig erreichbar zu sein. Extreme helfen keinen weiter. Und ganz ehrlich: Die meisten Rufe nach Mailsperren nach Feierabend sind ohnehin nur eines: Politik.

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