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Cyrus Saihan (BBC) im Interview: Das Internet mit 360° und VR erlebbarer machen

Zunehmend wird im Journalismus nach neuen multimedialen Distributionswegen für Inhalte gesucht. Ganz vorne mit dabei ist die BBC. Hauptverantwortlich für digitale Formate des britischen Senders ist Cyrus Saihan (Head of Digital Partnerships). Wir haben im Vorfeld seiner Keynote beim newTV Kongress (21.3.) mit dem Briten über das Potenzial von 360° und VR in der Bewegtbild-Branche gesprochen.

 

 

Auf welchem Stand befinden sich 360° und VR derzeit?

Cyrus Saihan: 360° ist im Vergleich zu VR weniger erlebbar, aber es hat den Vorteil, dass es für 1,5 Milliarden Smartphones auf der ganzen Welt verfügbar ist. Daher ist 360° auch erfolgreicher. VR ist hingegen noch nicht wirklich verbreitet. Es gibt nur wenige Endgeräte, die die Technologie unterstützen. Das Angebot an Content ist daher noch begrenzt. Dafür ist Virtual Reality wesentlich umfassender als 360°. Du kannst mit VR komplett in eine neue Welt eintauchen. Trotz der Unterschiede teilen beide Technologien den gleichen redaktionellen Ansatz. Man erzählt eine Geschichte in einer Welt, die eine neue Richtung einschlägt. Es ist eine aufregende Zeit, da sich 360° und VR in frühen Entwicklungsstadien befinden, jedoch das Potenzial haben, das Internet der Informationen in ein Internet des Erlebbaren zu verwandeln.

Ist VR nur ein Hype oder ein lukratives Geschäftsmodell für die kommenden Jahre?

Das kann derzeit niemand sagen. Es gibt zahlreiche Unternehmen, die Milliarden in Technologien investieren, sowie Facebook in Oculus Rift, obwohl die Zukunft von Virtual Reality noch ungewiss ist. Wir kennen die Größe des VR-Marktes nicht, es wird geschätzt, dass er 250 Mal kleiner als der Smartphone-Markt ist. Allerdings zeigt der Blick in die Geschichte, dass neue Technologien zunehmend schneller vom Endverbraucher angenommen werden und die Produktionskosten gleichzeitig sinken.

Gibt es besonders gelungene Cases aus dem Bereich VR?

In den Bereichen Music-Events, Sport, Bildung und Entertainment sehe ich das größte Potenzial für VR. Der beste Weg, sich Sport zu Hause anzuschauen, ist 4K HD. Aber es ist nochmal etwas komplett anderes, wenn du mit VR das Gefühl hast, als würdest du im Stadion sein, in einem Formel 1-Auto sitzen oder neben einem Athleten laufen. Eine große Rolle könnte Virtual Reality auch bei Live-Konzerten spielen. In Großbritannien haben wir mit Glastonbury ein sehr beliebtes Musik-Festival. Ich habe mir den Gig von Coldplay im Fernsehen angeguckt und dachte mir, wie großartig es wäre, vor Ort zu sein. Vielleicht wird man in einigen Jahren schon seine VR-Brille aufsetzen und mitten im Publikum bei einem Live-Konzert stehen. Und auch in der Bildung kann man von der Technologie profitieren. Stellen sie sich vor, man lernt in der Schule etwas über das menschliche Herz. Man kann sich dazu in einem Buch Bilder angucken oder einen Text durchlesen, um die Funktion eines Organs besser zu verstehen Wenn man jedoch mittels VR-Brille zum Beispiel sieht, wie das Blut durch die Herzkammer fließt, wird eine völlig neue Lern-Möglichkeit geschaffen. Genau hier setzt BBC an. Wir experimentieren mit VR und 360°, um neue Perspektiven auf eine Geschichte zu schaffen und die Zuschauer an Orte zu entführen, die sie noch nie zuvor gesehen haben.

Wie wird Storytelling im Jahr 2020 aussehen?

 Das Spannende ist, dass es niemand weiß, da sich die Methoden des Storytellings so schnell verändern. Man muss nur Fernseh-Geräte der 1930er Jahren mit den aktuellen vergleichen. Damals waren die Aufnahmen schwarz-weiß und sehr simpel gedreht, heute haben wir verschiedene Formate wie Reality-TV, die Menschen zu großer Berühmtheit verhelfen. Eine ähnliche Entwicklung gab es auch bei den mobilen Endgeräten. Die neuesten Smartphones, die einen großen Einfluss auf die Kultur haben, kann man nicht mehr mit den Handys der 1990er Jahre vergleichen. Der Wandel von Storytelling ist zwar nicht unvorhersehbar, es gibt jedoch eine Konstante: Egal, ob man Geschichten am Kaminfeuer oder mit futuristischen Technologien wie Virtual oder Augmented Reality erzählt, man braucht gute Charaktere und eine spannende Narration. Ein Buch mit einem tollen Storytelling hat das Potenzial so fesselnd zu sein wie ein High-Tech-Erlebnis via VR. Am Ende geht es darum, die richtigen Geschichten für das passende Medium zu erzählen.

 

BBC, VR, 360