NextMedia

Blog

Gastbeitrag: Warum XING jetzt auch Journalisten einstellt – Zwischenbilanz nach einem Jahr

Als XING im Herbst 2015 ankündigte, eine eigene Redaktion aufbauen zu wollen, war die Aufregung in der Medienbranche groß. Für den nextMedia.Blog zieht Jennifer Lachman, Chefredakteurin von XING Klartext, ein Fazit der ersten zwölf Monate.

Jennifer Lachman und Roland Tichy

Als ich das erste Mal den Namen „XING Klartext“ gehört habe, spazierte ich gerade mit Roland Tichy durch Hamburgs schönen Stadt-Park „Planten un Blomen“. Es war im Mai 2015; Tichy war seit wenigen Wochen bei XING als Herausgeber für ein neues, journalistisches Debatten-Format tätig – und suchte eine/n Chefredakteur/in. Zu Beginn unseres Gesprächs, das gebe ich zu, war ich skeptisch: XING kannte ich, klar. Die Branchen-Newslettern, die XING seit 2013 morgens verschickt, erhielt ich auch. Aber Journalismus? Innerhalb eines sozialen Netzwerks?

Gut zwei Stunden liefen Tichy und ich durch den Park. Und je länger wir spazierten, desto überzeugender fand ich die Logik seiner Argumente: Die Zeit, die die Menschen auf sozialen Netzwerken wie XING oder Facebook verbringen, steigt stetig. Entsprechend wandelt sich deren Bedeutung: Wer surft heute noch aktiv einzelne Webseiten an, um sich zu informieren? Für bestimmte „Lesezeichen“ mag das noch gelten. Aber viel üblicher ist doch: Ich sehe, dass einer meiner Kontakte oder Freunde einen Artikel geteilt hat – und klicke selbst drauf. Oder aber ich beschließe, einer Medien-Marke zu folgen und bekomme deren Inhalte direkt in meinen News-Stream eingespielt.

Mit den Branchen-Newslettern – einer Art individueller Presseschau – erreichte XING zu diesem Zeitpunkt schon 3,5 Millionen Menschen in der Woche; mehr als 60 Medien hatten eigene News-Seiten eingerichtet, um die damals 10 Millionen Mitglieder direkt ansprechen zu können. Das soziale Netzwerk wurde also offenkundig als Absender von (fremden) journalistischen Inhalten akzeptiert. Warum, fragte Tichy, also nicht eigene Inhalte erstellen und die Nutzer aktiv mit einbeziehen? Und zwar in einem interaktiven Format, das Themen setzt, über Gastbeiträge möglichst kontroverse Positionen zur Debatte stellt – und den Nutzern so eine Plattform gibt, sich zu informieren und ihr Wissen auszutauschen: XING Klartext. Ob das gelingen würde? Wir waren optimistisch, aber keineswegs sicher.

Zu den bislang 600 Autoren zählen Andrea Nahles und Dieter Hallervorden

Ein Jahr nach unserem Start im Oktober 2015 können wir sagen: Ja, es ist gelungen. In Zahlen  ausgedrückt: Jeden Tag veröffentlicht unsere inzwischen 8-köpfige Redaktion eine Debatte, mit in der Regel mindestens zwei konträren Positionen. Da streitet sich der Chef der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo mit dem Verhandlungsführer der Lufthansa über den anstehenden Warnstreik. Oft fußen die Gastbeiträge auch auf eigener Betroffenheit: Das Thema Fachkräftemangel haben wir über einen 54-Jährigen aufgegriffen, der nach über 200 Bewerbungen kritisierte, dass es für Über-50-Jährige in Deutschland keinen funktionierenden Arbeitsmarkt gebe. Mehr als 600 Autorinnen und Autoren haben schon mitgemacht – darunter auch Bundesminister wie Andrea Nahles oder Heiko Maas, Bundesbank-Präsident Jens Weidmann oder Bahn-Chef Rüdiger Grube. Spitzenreiter ist bislang der Komiker Dieter Hallervorden, der sich auf XING Klartext zum Höhepunkt der Affäre mit Jan Böhmermann solidarisch erklärte. Der Beitrag wurde so oft auch auf anderen Netzwerken geteilt, dass er in Summe von 4 Millionen Menschen gesehen wurde. Mehr als 40.000 Kommentare haben wir bislang gezählt. Unsere Beiträge sind zitiert worden von der Deutschen Presse-Agentur, dem Manager Magazin, n-tv und der Rheinischen Post, um nur ein paar zu nennen.

Was hat XING von so viel Aktivität auf der Plattform? Ein soziales Netzwerk lebt davon, dass die Mitglieder sich aktiv austauschen. Das ist online nicht anders als offline: Wenn auf einem Empfang alle nur stumm nebeneinander stehen, gehen alle enttäuscht nach Hause. Wenn wir uns aber kennenlernen, austauschen, unterhalten und amüsieren, dann hat sich der Besuch gelohnt – und wir kommen gerne wieder.

Die Klarnamen-Pflicht steigert die Qualität der Diskussionen erheblich

Und was hat die Welt von so viel Aktivität auf XING? Natürlich wird auch auf anderen sozialen Netzwerken eifrig diskutiert. Der große Unterschied: Bei XING herrscht Klarnamen-Pflicht. Wer mitkommentieren will, tut dies unter seinem echten Namen und mit den Informationen, die er auf seinem Profil angegeben hat – im Zweifel seiner Position und seinem Arbeitgeber. Das steigert die Qualität der Diskussion erheblich. Als wir beispielsweise kurz nach dem Start die Frage stellten: „Flüchtlinge als Arbeitskräfte – Wie schaffen wir jetzt 500.000 Jobs?“ wurde fundiert darüber diskutiert, ob der Mindestlohn ausgesetzt werden müsste und wie die Erstvermittlung schneller angegangen werden könnte. Alle Kommentare werden von der Redaktion gelesen und moderiert. 99 Prozent können wir durchwinken, einzelne müssen wir löschen. Weil sie zu werblich sind. Weil der Kommentar mit dem eigentlichen Thema überhaupt nichts zu tun hat. Oder weil sie beleidigend sind – trotz Klarnamen-Pflicht.

Bei unserer Planung steht immer die Interaktivität im Fokus

Zum Start hat mich ein Journalist gefragt, ob wir einen weiteren „Content-Friedhof“ aufmachen würden? Die Antwort, das können wir nach einem Jahr mit Gewissheit sagen, lautet: Nein. Eben weil bei uns die Interaktivität im Fokus steht. Aus den Hunderten Kommentaren, die uns auf Dieter Hallervordens Beitrag hin erreichten, haben wir fünf XING-Nutzer ausgewählt, die jeweils andere Positionen vertraten als er – und so die Diskussion weitergetrieben. Am Morgen, als Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten gewählt wurde, wollten wir als erstes von unseren Mitgliedern wissen: Wie finden Sie das? Innerhalb weniger Stunden hatten wir 200 Kommentare – ein leidenschaftliches Für und Wider, gespickt mit persönlichen Anekdoten, wie unsere Nutzer diesen historischen Morgen erleben.

Nach zwölf Monaten können wir sagen: Wir sind sehr zufrieden. Wir haben ein tolles Team und XING Klartext als journalistische Marke etabliert. Als nächstes werden wir mit Bewegtbild experimentieren.  Parallel wollen wir die Reichweite und Interaktivität weiter steigern und die unterschiedlichen XING News-Produkte enger miteinander verzahnen. So geben wir besonders interessanten Klartext-Autoren seit dem Sommer die Möglichkeit, als so genannte „XING Branchen-Insider“, unser Netzwerk als Blog für ihre eigenen Inhalte zu nutzen. Und natürlich verbessern wir die Technik und das Layout; wie in der IT üblich sind wir mit einem Minimum Viable Product gestartet und verfeinern das schrittweise. Für mich fing dieses Projekt mit einem Spaziergang an. Als Team sind wir jetzt die nächsten Schritte gegangen – und zusammen definieren wir jetzt, wohin der Weg uns noch führen soll.

 

Über die Autorin: Jennifer Lachman ist Chefredakteurin bei XING Klartext. Seit August 2016 hat sie für das führende soziale Netzwerk im deutschsprachigen Raum eine Redaktion aufgebaut und leitet das inzwischen 8-köpfige Team. Lachman hat zuvor als Teamleiterin und US-Korrespondentin für die Financial Times Deutschland gearbeitet sowie für die Wirtschaftsredaktion von NDR Info. Sie ist gebürtige Britin, aber in Deutschland aufgewachsen.

XING, Herbst, 2015, Redaktion, Newsroom, News, eigene Redaktion, Hamburg, Medien, Klartext, XING Klartext, XING News, Medienbranche, Blog, Gastbeitrag, nextMedia.Hamburg, nextMedia.Blog, Jennifer Lachman, Chefredakteurin von XING Klartext, Fazit zwölf Monate, ein Jahr