NextMedia

Blog

Isa von Heyl (STERN Online): „User erwarten keine perfekt ausgeleuchteten Videos“

Gerade durch die vermehrte Präsenz von Videos in den sozialen Netzwerken wird auch deren Erstellung immer wichtiger. Mit Isa von Heyl, Head of Video bei STERN Online, haben wir über diese Entwicklung und die Erstellung von Bewegtbild gesprochen.

Foto: Tanja Hirner

Bild: pexels.com

Videojournalisten sind noch ein recht junges Berufsbild, nichtsdestotrotz steigt ihre Wichtigkeit rasant an. Neue Tools und immer bessere Datenverbindungen geben ihnen zunehmend die Möglichkeit sowohl in Echtzeit als auch deutlich umfassender zu berichten. nextMedia.Hamburg sprach mit Isa von Heyl, Head of Video bei STERN Online über die neuesten Entwicklungen im Bewegtbildbereich und wie in Redaktionen Mensch und Maschine zusammenrbeiten.

Mit welchem Ansatz produziert der Stern derzeit Videos fürs Netz?

Isa von Heyl: In den vergangenen Monaten hat sich im Bereich Video so viel verändert wie gefühlt in den letzten zwei, drei Jahren nicht. Große Datenmengen können auf den mobilen Endgeräten viel schneller und kostengünstiger geladen werden, das heißt, Videos werden viel selbstverständlicher und häufiger von überall aus konsumiert, und wir freuen uns über deutlich gestiegene Aufrufe.
Wir stellen uns permanent Fragen wie: Wo schauen unsere User Videos? Und wie schauen sie Videos? Das Nutzungsverhalten der User hat sich massiv verändert. Social Media ist eine enorm relevante Abspielfläche geworden.
Entscheidend für uns ist: Bewegtbild im Netz ist etwas völlig anderes als Bewegtbild im Fernsehen. All unsere selbst produzierten Videos sind mobil optimiert, sie haben gut lesbare Textinserts und können auch ohne Ton angeschaut werden.  So kann der User entscheiden, was er wann wo wie sehen will. Unsere Formate liefern schnell und unterhaltsam Fakten. Die stärkste Emotion kommt in den ersten drei Sekunden.

Wie viele Redakteure befassen sich mit der Erstellung von Bewegtbild?

Isa von Heyl: Wir haben einen Pool von acht Redakteuren, die Videos produzieren und die Seite im Schichtsystem mit Videos bestücken. Außerdem haben wir in diesem Jahr die Textredaktion geschult. So ist es mit unseren Tools jedem schreibenden Autor möglich, jederzeit auch Videos zu seinen Themen zu produzieren.

Gibt es eine Zielmarke, wie viele Videos pro Tag, Woche oder Monat produziert werden müssen?

Isa von Heyl: Klar gibt es Ziele. Pro Tag stellen wir zwischen 30 und 40 Videoinhalte auf unsere Kanäle. Je nach aktuellem Geschehen variiert das natürlich. Aufwändigere Drehs mit der 360-Grad-Kamera schlucken mehr Kapazitäten als ein schnelles Netzreaktionsstück zum Tatort.

Wie hoch ist denn dieser Aufwand bei einer 360 Grad-Reportage – im Vergleich zu einer Straßenumfrage oder Sport-Reportage?

Isa von Heyl: Die Versuchung ist groß, zu sagen, man stellt die 360-Grad-Kamera in einen Raum, lässt sie laufen – und fertig ist der Film. Aber es ist eben nicht „ganz schnell“ und „so einfach“ gemacht. Am einfachsten ist es noch, wenn man über die 360-Grad-Perspektive einen Rundumblick eines Ortes zeigen möchte. Wie wir es zum Beispiel bei der Trauerfeier nach den Terroranschlägen in Brüssel auf dem Platz de la Bourse gedreht haben.
Plant man dagegen eine Reportage in 360 Grad, sollte man aus unserer Erfahrung etwa 50 Prozent Mehraufwand gegenüber einer normalen Reportage einplanen. Der Dreh mag zwar nicht aufwändig erscheinen, erfordert aber sehr viel Planung. Besonders gut funktionieren 360-Grad-Geschichten, wenn Zuschauer voll involviert werden und eintauchen können. Diesen Effekt erreicht man, wenn man sich vorab intensive Gedanken über die Perspektive macht. Die Kamera kann man sich als Kopf des Zuschauers vorstellen, mit dem man behutsam umgehen muss. Also: Von wo soll der Zuschauer zusehen? Soll er in der Mitte stehen, eben mittendrin im Geschehen oder ist er der Beobachter am Rand? Darf er sich mit der Kamera bewegen? Wie muss ich ihn durch die Reportage führen?
Der eigentliche Aufwand aber kommt in der Postproduktion: Das Stitching, das Zusammensetzen der Bilder, braucht Zeit. Die Schnittprogramme sind noch nicht perfekt, die Rechner stoßen an ihre Grenzen.

Wie stellen Sie sicher, dass bei Ihren Produktionen jeweils auch die journalistische Marke mit transportiert wird?

Isa von Heyl: Der STERN ist das „Reporter-Magazin“. Unsere Reporter haben auch vor der Kamera eine starke Präsenz und begleiten ihre Geschichten im Video. Auch unsere Formate zeigen deutlich diese Ausrichtung: So zum Beispiel der „Klartext“, ein politischer Kommentar von Hans-Ulrich Jörges aus Berlin.

Wie sieht die Zukunft der Videoproduktion aus – mehr Big Data im Vorfeld und mehr helfende Algorithmen bei der Postproduktion?

Isa von Heyl: In Zukunft werden wir das Verhalten der User noch besser analysieren können: Wann konsumiert wer, wie lange, welche Inhalte. Wir schauen sehr genau, welche Themen unsere User interessieren, wie lange sie dranbleiben und was sie in eine Geschichte reinzieht.
Außerdem ändert sich die Art der Videoproduktion. Die klassische Postproduktion gibt es so bei uns nicht mehr. Wir gehen mobil raus, schneiden und texten gleichzeitig. Der User erwartet bei uns kein toll ausgeleuchtetes Set mehr. Snapchat und Instagram leben einen anderen authentischen Videostil vor. Und in Sachen 360 Grad und Virtual Reality wird sich sehr viel tun. Schnellere Rechner, sinnvollere Kameralösungen, interaktiveres Storytelling. Dazu kommen immer mehr Tools, die uns Videojournalisten die Arbeit erleichtern sollen. Es bleibt spannend.

In immer mehr Bereichen arbeiten Menschen und Maschinen enger zusammen, auch in Redaktionen. Welche Auswirkungen hat das auf den Journalismus?

Isa von Heyl: Die große Kunst eines guten Journalisten ist es ja gerade, beides verantwortungsvoll zu verknüpfen. Er nutzt die Technik, um seine Inhalte zu transportieren. Wir sehen genau darin die große Herausforderung und auch Bereicherung für unseren Beruf. Und wir freuen uns immer wieder, wenn Daten und Tools unser Bauchgefühl bestätigen.

Interview, Video, newTV, Social Media, Videos, Journalismus, soziale Netzwerke, Isa von Heyl, Head of Video bei STERN Online, stern.de, stern, Entwicklung, Erstellung von Bewegtbild