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Strukturierte Recherche: Wichtige Qualität für die Gesellschaft

Journalistische Recherche bedeutet Verantwortung. Aber was macht eine Recherche aus? Die Rechercheprofis Annika Joeres von CORRECTIV und der freie Journalist René Martens erklären es.

Rechercheprofi Annika Joeres von CORRECTIV

Foto: www.pexels.com

Watergate, Panama oder die justiziablen Geschäftspraktiken von Landespolitikern – ohne die strukturierte journalistische Recherche wären viele Storys niemals ans Licht gekommen. Vermutlich hätten sich auch unsere Gesellschaft und mit ihr die Geschichte in Teilen anders entwickelt. Wie gehen JournalistInnen mit dieser Verantwortung um? Was macht eine gute Recherche aus? nextMedia.Hamburg fragte bei den Rechercheprofis Annika Joeres von CORRECTIV und dem freien Journalisten René Martens, einer der Autoren vom Altpapierblog, Deutschlands ältestem Medienwatchblog, nach.

Was macht Recherche überhaupt aus?

Der Umgang mit vielen Dokumenten, dazu die hohe Verantwortung bei der Veröffentlichung von vertraulichen Informationen – an mit Recherchen betraute JournalistInnen werden hohe Anforderungen gestellt. Ist die strukturierte Recherche also eine Art journalistische Königsdisziplin? René Martens teilt diese Sichtweite nicht: „Auch Plattenkritiken können herausfordernd sein. Zudem ist der Recherche-Begriff dehnbar. Etwa als RTL eine Polizistin ihre Kollegen mit einer verstecken Kamera ausspionieren ließ und die ganze Aktion nach dem Auffliegen als investigative Recherche etikettierte.“ Annika Joeres hingegen betont: „Recherchieren und das Neue dann interessant formulieren zu können gehört unbedingt zusammen.“

Sorgfalt ist oberstes Gebot beim Recherchieren: Martens beginnt die Arbeit für seine morgendliche Altpapier-Kolumne bereits am Vorabend. Dazu gehören das An- und Querlesen von Feuilleton- und Medienbeiträgen, u. a. bei SZ und FAZ sowie je nach Tagesgeschehen weiteren Quellen und Newsletter. In der Endauswahl am nächsten Morgen werden dann 25 bis 30 Beiträge zitiert. „Auf einen Großteil der Artikel, die ich kommentiere und einordne, werde ich durch Twitter, Facebook und Flipboard aufmerksam“, beschreibt Martens seine wiederkehrende Recherchearbeit.

Das CORRECTIV-Team hingegen muss deutlich mehr Zeit für die Recherchen einkalkulieren. Zunächst müssen Joeres und ihre KollegInnen ein Thema durch öffentliche Anfragen, etwa bei Pressestellen oder Experten einkreisen. Dabei läuft längst nicht immer alles nach Plan: „Bei unserer Recherche zu den Steuergeldern, die für Beamtenfonds in Unternehmen angelegt sind, wurden Fragen nach den Investitionen  nur schleierhaft beantwortet oder in einem extra unverständlichen Wirtschafts-Kauderwelsch, dass die einfachsten Zusammenhänge verkomplizierte. Manchmal bekamen wir auch absichtlich veraltete Zahlen.“

Neue Formen der Recherche

Auch wenn sich die Herangehensweise ähnelt – ein Thema erfassen, einkreisen, bearbeiten – verläuft die Kuratierung der gewonnenen Informationen nach unterschiedlichen Parametern: Während Martens jene Texte in den Hauptteil seines Beitrages hievt, über die es sich am nächsten Tag am ehesten zu debattieren lohnt oder die sich aufgrund ihrer Überpräsenz anderswo aufdrängen und die Kolumne zwingend erscheinen muss, veröffentlichen Joeres und ihre KollegInnen erst, wenn die Geschichte gut und zu Ende recherchiert ist. Die Autorin, die auch für „Die Zeit“, „Der Spiegel“, „Der Freitag“, „FAZ am Sonntag“ und „Die Tageszeitung“ berichtet, muss Journalistin und Detektivin zugleich sein, wenn sie den individuellen Beweggründen der Beteiligten nachspürt: „Mir hilft dabei oft der Satz eines Kollegen: ‚Gucke immer, wo der dicke weiße Mann am Ende der Kette sitzt’. Das ist sehr wahr“.

Recherchen sind anspruchsvoll, schwierig, zeitaufwändig – und kostenintensiv. Eine Antwort auf die sinkenden Erlöse im Journalismus ist der Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung, also zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Körperschaften. Gleich zwei der eingangs erwähnten „Scoops“ wurden von Teilen dieses Verbundes bestritten. Auch weitere Leaks in der jüngsten Vergangenheit haben gezeigt, dass die Schlagkraft mehrerer Redaktionen erforderlich ist. Martens sieht gerade das aber kritisch: „Wenn sich immer mehr Journalisten verbrüdern, stellt sich auch die Frage, ob die noch unbefangen berichten können über etwaige Sauereien bei einem der Partner.“ CORRECTIV versucht hingegen, die Kostenproblematik über Spenden in den Griff zu bekommen. Das muss letztlich den Nutzern gefallen. „Wer künftig als Presse überleben will, muss mehr anbieten als die üblichen Links auf Facebook“, plädiert Joeres für einen selbstbewussten, unabhängigen und von der Gesellschaft getragenen Recherche-Journalismus.

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