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Wie Netflix und Spotify der Buchbranche neue Impulse geben

Auch vor der Buchbranche macht die Digitalisierung nicht Halt; daher haben wir mit Ricarda Saul, Programm-Managerin Digital des Rowohlt Verlags über neue Angebote und Formate gesprochen.

Spannende Inhalte sind heutzutage überall und jederzeit verfügbar – Video-Streams und E-Lesegeräte machen es möglich. Der Hamburger Rowohlt Verlag denkt die Digitalisierung aber noch viel weiter. nextMedia.Hamburg sprach mit Programm-Managerin Digital Ricarda Saul über den Einfluss von Netflix und Co. auf das Geschäftsmodell und warum Social Media derzeit noch sinnvoller als Reader Analytics ist.

Wenn sich LeserInnen einen Überblick über das digitale Angebot bei Rowohlt machen wollen: Wo fangen diese am besten an?

Ricarda Saul: Dort, wo sich all unsere Verlagsmarken auf einen Blick finden lassen, auf rowohlt.de. Unsere Website ist ein guter Ausgangspunkt, um unser gesamtes Verlagsportfolio zu erkunden – und hier auch die digitalen Angebote zu entdecken. Dazu gehört unser digitales Label „Rotation“, das eine Auswahl kurzer, noch nicht publizierter Texte von sehr renommierten, beliebten Autoren anbietet und einen Mix von Literatur bis Unterhaltung abbildet. „Repertoire“ macht Titel wieder zugänglich, die längst vergriffen waren. Wir lassen auch die berühmte Biographien-Reihe „Monographie“ als E-Books wiederaufleben, und es erscheinen ausgewählte Stücke aus dem Programm des Rowohlt Theater Verlags als E-Book.
Man gelangt von hier aus auch zu unserem literarischen Autoren-Blog „tausendaugen“, natürlich zu all unseren Social-Media-Kanälen, die weitere Titel- und Autoreninformationen bieten – und zum digitalen Treffpunkt für Bücherliebende, unserer „buchboutique“-Community.

Wie wichtig ist es für den Verlag, seinen eigenen Autoren mit einem Blog wie tausendaugen.de, eine eigene regelmäßige Publikationsmöglichkeit zu geben?

Ricarda Saul: „tausendaugen“ ist nicht der erste Verlagsblog im deutschsprachigen Raum. Aber im Unterschied zu vielen anderen sprechen ausschließlich unsere Autoren und Autorinnen. Hier können wir ihnen eine Stimme in der Öffentlichkeit geben – über ihre Bücher hinaus und in Zeiten, in denen die Presse Teile des Publikums nicht mehr so erreicht wie früher. Es gibt eine wunderbare inhaltliche und formelle Offenheit, von Prosatexten über Zeichnungen, Fotografien bis hin zum leidenschaftlichen Plädoyer ist alles möglich – so lange es technisch darstellbar ist. Das ist eine Freiheit, die für Autoren, die eigene Wege gehen und etwas Neues zu sagen haben, wichtig ist, eine Freiheit, die sie sehr schätzen. Und das wiederum steht auch in der Tradition unseres Verlages, Rowohlt in seiner Vielfalt und Crossover-Mentalität. Tausendaugen ist ein Weg, diese Tradition auch in die digitale Welt zu übertragen.

Eines Ihrer neuesten Angebote ist ROTATION, hier können kurze Texte verschiedenster Autoren zu einer eigenen Playlist zusammengestellt und weiter individualisiert werden. Das klingt nach Spotify oder Netflix – sind Streamingportale ein Vorbild für Sie?

Ricarda Saul: Ein Vorbild vielleicht nicht, aber wozu Streamingportale auch die traditionelle Verlagsbranche inspirieren, ist sicher die Idee des schnellen Findens und individuellen Zusammenstellens von interessanten Inhalten. Mit unseren digitalen Produkten lassen sich da besonders viele neue Dinge ausprobieren, Synergien herstellen. Manchmal auch ganze Welten verbinden. Auf der Website von „Rotation“ findet der Leser ein individuelles, digitales Bücherregal – der dahinterstehende Gedanke, nämlich dem Leser hier die Möglichkeit zu geben, innerhalb eines umfangreichen, vielfältigen Angebotes ein Produkt ganz auf sich, auf seine Bedürfnisse und Interessen zuschneiden zu können, stimmt durchaus mit Trends überein, die auch in der Film- und Musikbranche zu beobachten sind. Viele Wege, die in diesen Branchen beschritten werden, dienen zur Inspiration – aber unser Kerngeschäft , nämlich Geschichten und spannende Inhalte in Textform zu bringen, unterscheidet uns natürlich auch in unserem Vorgehen und unseren Möglichkeiten von ihnen. Ich halte es für klug, für unbedingt wichtig, den Blick nach außen zu richten – dabei aber seinen eigenen, eben auch individuell zugeschnittenen Weg zu wählen. Insofern taugen Netflix und Spotify nicht zum direkten Vorbild.

Ein neuer Trend innerhalb der Branche sind Reader Analytics. Ähnlich wie auf Webseiten können zu E-Books und LeserInnen weitere Daten gesammelt werden. Ist das für Rowohlt ein Weg, um neue Themen oder gar Contentwelten zu erschließen?

Ricarda Saul: Reader Analytics sind ein sehr heißdiskutiertes Thema derzeit. Interessant daran ist natürlich vor allem der zielgerichtete Umgang mit Informationen zu Leseinteressen und Leseverhalten. Welche Themenbereiche, welche Genres wecken das Interesse unserer LeserInnen? Welche Altersgruppen fühlen sich von welchen Büchern besonders angesprochen? Welches Buchgesamtpaket, also auch Cover und Preis, sind für welche LeserInnen besonders interessant? Das sind Fragen, die uns schon immer umgetrieben haben, und die Vorstellung ist natürlich spannend, so noch besser auf Trends, auf individuelle Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen reagieren zu können. Wir haben gespannt erste Versuche in der Branche beobachtet, mit „Jellybooks“ etwa. Das ist durchaus ein Thema, das wir weiterverfolgen werden. Um unsere Leser noch besser kennenzuleren, bieten sich in der digitalen Welt aber auch darüber hinaus viele neue Wege. Auf unserer Community-Plattform „buchboutique“ begegnen wir ihnen zum Beispiel ganz direkt, in Diskussion zu unseren Büchern und Autoren miteinander und mit uns. Auch die Reaktionen und Kommentare zu unseren Beiträgen, die wir auf unseren Social-Media-Kanälen wie Facebook, Twitter und Instagram teilen, sind oft sehr aufschlussreich für uns. Gute Zeiten für das Entdecken interessanter Contentwelten also.

Im Kinderbuchsektor können Inhalte durch Töne und Videosequenzen auch nachträglich noch digitalisiert werden. Sie sind vor einiger Zeit mit Deathbook einen anderen Weg gegangen und haben exklusive Inhalte für die digitale Verwertung geschaffen. Text plus technisches Add-On: Ist das die Zukunft des Lesens?

Ricarda Saul: Die Zukunft des Lesens werden immer inspirierende, bewegende, spannende, unterhaltsame Geschichten, intelligente und vielseitige Auseinandersetzungen mit Sachverhalten sein. Da, wo technische Add-Ons einen echten Mehrwert haben, werden auch sie Teil der Zukunft sein.
Aber wir denken da ganz klassisch vom Text her. Für viele unserer Bücher, vor allem im Sachbuch, bedeuten zum Beispiel Abbildungen und Illustrationen ein echtes Plus, einen Gewinn für das Buch und für den Leser. Im Digitalbuch kann man noch mehr experimentieren, den Content etwa durch bewegte Bilder erweitern – so, wie wir es beim „Deathbook“ gemacht haben. Hier waren Websites, Social Media, Videos im Netz ein wichtiger Teil der Geschichte. Deshalb bot es sich natürlich an, diese Handlungsstränge auf Websites und Social-Media-Plattformen fortzuführen und Videos, die im Buch beschrieben werden, direkt mit einzubinden, Teile des Texte zu visualisieren.
Im Vordergrund steht immer der Text eines Buches. Und unsere Aufgabe war es schon immer, das Beste für ein Buch zu machen und es so in die Welt hinauszuschicken. So werden wir es auch in Zukunft halten – und bei dem ein oder anderen spielen dann vielleicht auch neue technische Möglichkeiten eine Rolle.

Auch vor der Buchbranche macht die Digitalisierung nicht Halt; daher haben wir mit Ricarda Saul, Programm-Managerin Digital des Rowohlt Verlags über neue Angebote und Formate gesprochen.