Osagie Alonge im Interview: Vier Fragen über Pulse Nigeria

Osagie Alonge

Osagie Alonge ist Managing Director bei Pulse Nigeria.

Anfang des Jahres hängte BILD-Mann Kai Diekmann seinen Chrefredakteurs-Hut an den Haken und brach auf zu neuen Ufern. Seine Mission: Medien-Entwicklungshelfer in Afrika. Nach seiner siebentägigen Workshop-Rundreise durch Ghana, Kenia und Nigeria vertieft Diekmann die Kooperation mit dem schweizerischen Medienhaus Ringier. Zu seinen journalistischen Schützlingen zählt auch Pulse Nigeria, einem Nachrichtendienst mit Fokus auf Web-Live-Berichterstattung. Osagie Alonge, Managing Director bei Pulse Nigeria, war am 28. September zu Gast in Hamburg. Im Rahmen des scoopcamp 2017, einer Innovationskonferenz für Medien, veranstaltet von nextMedia.Hamburg und der dpa, hat Alonge eine Keynote zum Thema „Growing a digital publishing house in Nigeria and Africa“ gehalten. Wir haben mit ihm vorab gesprochen.

Welche Herausforderungen hat der moderne Journalismus heutzutage?
In der Vergangenheit wurden die Mainstream-Medien weitgehend von der Regierung und den reichen und großen Institutionen wie der Kirche kontrolliert. Mit dem Aufkommen des Internets wurden Inhalte und Medien dann demokratisiert. Dieser Übergang hat allerdings neue Probleme gebracht, wie beispielsweise Fake News. Das ist in Nigeria nicht anders als im Rest der Welt. Auch weil die Masse der in den Medien zirkulierenden Inhalte sprunghaft zunimmt, müssen heute Journalisten im Wettstreit mit Clickbait und allerlei „glamourösem Nonsens“, der durch das Netz geistern, um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen. Und genau das stellt ist ja häufig Kern des Problems: denn der moderne Journalist muss den schmalen Grat zwischen dem Schreiben einer ansprechenden Geschichte und dem Wunsch nach vielen Views finden.

 

Was können deutsche Medien von Pulse Nigeria lernen?

Wie unser Name schon sagt, versuchen wir, den Puls des Landes zu erfassen. Darum haben wir ist eine Plattform geschaffen, die mit Multimedia-Inhalten jeden Aspekt der vielfältigen nigerianischen Erfahrung abbildet und beleuchtet. Wir haben eine multikulturelle, multiethnische Gesellschaft von über 100 Millionen Menschen in Nigeria – eine große Herausforderung, wenn man merkt, dass eine einzelne Geschichte unterschiedliche Perspektiven für verschiedene Menschen haben kann. Was die deutschen Medien lernen können, ist, wie man weiterhin den vielfältigen Bedürfnissen eines großen Publikums gerecht wird und gleichzeitig auf die Bedürfnisse des einzelnen eingeht.

 

In deiner wöchentlichen Sendung „Facts only“ diskutierst du aktuelle Musik-Trends. Wie bewertest du die nigerianische Musikindustrie als Musikjournalist?

In den letzten Jahren gab es ein hohes Wachstum, besonders seitdem sich Afro-Pop auf der weltweiten Bühne etabliert hat und internationale Unternehmen mit der Arbeit hier begonnen haben. Dennoch gibt es einige Probleme, die herausstechen: Der Industrie fehlt es an Struktur und vieles ist noch unorganisiert. Das zeigt auch der Umgang mit geistigem Eigentum. Es wird wenig Rücksicht auf die Rechte der Musiker und Produzenten genommen.

Nur sehr wenige dieser Kreativen erhalten den Erlös aus ihrer Arbeit in vollem Umfang. Grund dafür sind die hinterhältigen Praktiken von Label-Führungskräften und Distributionsplattformen. So zum Beispiel, sorgt Payola – also das Bestechen von Radio-DJs, damit Songs öfter gespielt werden – dafür, dass viele Künstler erfolgreich wurden, gerade durch die finanzielle Unterstützung von Plattenfirmen.
 
Bei den Kreativen herrscht derzeit ein Gefühl der Lethargie. Viele Veteranen glauben, dass es eine Art Zauberformel gibt, die dafür sorgt, dass die Industrie mit Künstlern überschüttet wird, die in der Lage sind mit diesen Strukturen zu brechen. Sie tun allerdings genau das Gleiche. Kreativität und Innovationen werden so erstickt. Es gibt allerdings Hoffnung, die sich unter anderem in der Entstehung neuer Management- und Vertriebsgesellschaften zeigt. Auch werden neue Gesetze zum Schutz des geistigem Eigentums entwickelt und durchgesetzt und es gibt eine neue Welle von Künstlern, die keine Angst haben, die Grenzen zu überschreiten.

Du arbeitest sehr viel mit Live-Formaten. Welchen Ratschlag kannst du jungen Medienmachern in Bezug auf Live-Berichterstattung geben?

Gelassenheit ist ein wichtiger Teil der Gleichung. Letztlich ist es eine Frage des Fachwissens des Reporters, und junge Profis müssen sich in ihrem gewählten Feld sehr gut auskennen, sei es Popkultur oder Nachrichten. Spontanität ist auch wichtig; Dinge laufen fast nie nach Skript und Reporter müssen kreativ und schnell genug sein, um auf unvorhergesehene Wendungen zu reagieren. Eloquent und gutaussehend sein reicht einfach nicht.