Holger Wiebe (ZEIT ONLINE): "Redaktionen sollten Gastgeber für Debatten und Ideen sein"

Holger Wiebe ist Leiter der Entwicklungsredaktion bei ZEIT ONLINE und in dieser Funktion dafür verantwortlich, redaktionell getriebene Produkte zu optimieren und neue zu entwickeln. Kurz vor seinem Workshop beim scoopcamp 2018 haben wir mit ihm über die erfolgreiche Initiative „My Country Talks” und die Erfolgsmessung und Weiterverwertung derartiger Projekte gesprochen.

Im vergangenen Jahr haben Sie das Projekt „Deutschland spricht” ins Leben gerufen und Diskussionspaare mit unterschiedlicher politischer Meinung an einen Tisch gebracht. Gab es Schlüsselmomente, die Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Ein Schlüsselmoment war sicherlich der Tag der Gespräche, der 18. Juni 2017, ein Sonntag. Wir wussten, dass ab dem Nachmittag Hunderte Gegensatzpaare überall in Deutschland zu ihrem Gespräch zusammenkommen würden, aber wir hatten bis zum frühen Abend keine Vorstellung, wie die Diskussionen wohl ablaufen würden. Irgendwann am Nachmittag trafen dann die ersten Mails von Teilnehmern ein, die wir gebeten hatten, uns ein kurzes Feedback und ein Selfie von den Debatten zu schicken. Die meisten dieser Mails waren nahezu euphorisch – und im Verlauf des Abends wurden es immer mehr. Am Ende hatten uns mehrere Hundert Menschen geschrieben und uns Fotos geschickt – und die meisten von Ihnen berichteten von spannenden Gesprächen und interessanten Eindrücken. Das häufigste Feedback war: Wir haben uns gar nicht so verschieden gefühlt, wie wir dachten. Die meisten Paare hatten das Gefühl, sich besser zu verstehen und leichter zu einem Kompromiss zu finden, als sie vorher gedacht hatten. Das war auch für uns als Veranstalter eine sehr wichtige Erkenntnis.

Das Projekt ist unter dem Namen „My Country Talks” mittlerweile sogar internationalisiert worden. Nun steht schon die zweite Auflage dieses Formats an. Wovon machen Sie die Fortführung solcher Projekte abhängig?


Auf „Deutschland spricht“ gab es viel positives Feedback, nicht nur von unseren Lesern, sondern auch von Medien im Ausland, zum Beispiel aus Argentinien, Norwegen oder den USA. Die Kolleginnen und Kollegen dort wollten damals von uns wissen, wie sie selbst in ihrem Land ein ähnliches Event veranstalten könnten. Das war der Moment, an dem wir beschlossen, das Projekt zu internationalisieren. Es werden weitere Events in Europa entstehen, Tausende Nutzerinnen und Nutzer werden teilweise über ihre Landesgrenzen hinweg mithilfe des Tools andere Menschen treffen – darauf freuen wir uns sehr.
  
„My Country Talks” ist ein Projekt, das den Journalismus erlebbar macht: Die Menschen kommen von zu Hause raus und nehmen aktiv an den Debatten teil. Ist das die Zukunft des Journalismus? Müssen wir den Journalismus erlebbarer machen und die Leser in die Debattenkultur stärker einbeziehen?

Ob „My Country Talks“ die Zukunft des Journalismus ist, wissen wir nicht. Aber wir als Redaktion glauben schon, dass es eine gute Idee ist, ein guter Gastgeber für Debatten und Ideen zu sein. „My Country Talks“ ist nicht das einzige Projekt von ZEIT ONLINE, das diesem Gedanken folgt. Wir veranstalten seit einigen Jahren auch Z2X, das Festival der neuen Visionäre, wo Unter-30-Jährige Ideen zur Weltverbesserung ersinnen.

Wie können Sie solche Projekte weiterverwerten? Wie kann ZEIT ONLINE selbst von solchen Projekten profitieren?

Zum einen nutzen wir gerade die Software von „My Country Talks“, um selbst erneut und gemeinsam mit zehn Medienpartnern „Deutschland spricht“ zu organisieren. Rund 28.000 Menschen haben sich in diesem Jahr angemeldet, um mit einem politisch Andersdenkenden zu debattieren. Zum anderen lernen wir durch Projekte wie „My Country Talks“ als Redaktion natürlich viel dazu. Und wir knüpfen gerade Kontakte zu Medien in aller Welt – auch das kann sich für unsere Arbeit noch als hilfreich erweisen.

„My Country Talks“ heißt es auch beim scoopcamp 2018: Gemeinsam mit Ihrem Kollegen Thomas Strothjohann bieten Sie den Workshop “Design Thinking: My Country Talks” an. Was können die Teilnehmer erwarten?

Wir möchten zeigen, wie wir bei ZEIT ONLINE Design Thinking als Methode zur Findung von Produktideen nutzen. Die Entwicklung einer mobilen App im Kontext von „My Country Talks" eignet sich dafür wunderbar als Beispiel – nicht zuletzt wegen des aktuellen Bezugs. Der Workshop wird nichts zum Zurücklehnen – alle Teilnehmer werden Teil der Produktentwicklung, jede Gruppe präsentiert am Ende ihre eigene Produktvision in Form eines Prototyps!

scoopcamp. My Country Talks, Entwicklung, Innovation